Dienstag, 21. November 2017

12. November 2011 00:06 Uhr

Synagoge Hainsfarth

Bekenntnis zur geschichtlichen Verantwortung

Gedenkfeier zur Reichspogromnacht Von Ernst Mayer

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Sigrid Atzmon, Vorsitzende des Freundeskreises der Synagoge Hainsfarth, spricht mit Dr. Eckart Dietzfelbinger, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Nürnberg.
Foto: emy

Hainsfarth „Es ist wohl eine Laune der Geschichte, dass der 9. November vier prägnante Ereignisse deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts verkörpert.“ In ihrer Begrüßungsrede zielte Sigrid Atzmon damit auf die beiden herausragenden Ereignisse dieses Datums ab: Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989, einem Tag der Freude für das deutsche Volk, aber auch der 9. November 1938, der das offizielle Signal der herrschenden Nazi-Clique zum größten und schlimmsten Völkermord in der Geschichte der Menschheit gab.

Dieser Tag symbolisiere den Abstieg Deutschlands in die Barbarei. Die Brandstiftung an Synagogen, die Verwüstung jüdischer Häuser und Geschäfte, die Morde, Verhaftungen und andere Verfolgungsmaßnahmen stellten den Beginn eines penibel organisierten Verbrechens dar, das kurze Zeit später in die versuchte Auslöschung der Juden Europas überging, eines grausig vollzogenen Völkermordes.

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Ernsthaftes Bekenntnis zur Geschichte

Dieser hatte auch zur Folge, dass große Teile Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lagen, nach dieser schrecklichen Verheerung verkleinert, geteilt und geschunden wurden. Somit sei das Gedenken nicht nur eine Sache der Juden allein, sondern ermuntere zu menschlichen Beziehungen, zum Dialog im Alltag, persönlicher, individueller Freundschaft, ohne Scheinnormalität, als ernsthaftes Bekenntnis zur geschichtlichen Verantwortung.

In diesem Sinne drückte Atzmon als Vorsitzende des Freundeskreises der Synagoge Hainsfarth ihre Freude darüber aus, dass an den diesjährigen Veranstaltungen die Hainsfarther Bürger regen Anteil genommen hätten. Das hätte zum ersten Male das Gefühl vermittelt, ein Teil der Hainsfarther Gemeinde zu sein und nun auch endlich dazu zu gehören. Dazu habe auch die aktive Beteiligung des Bürgermeisters Franz Bodenmüller beigetragen, der mit seiner besinnlichen Begrüßung die Besucher auf das Gedenken eingestimmt hatte.

Beschämende Vorkommnisse

Konnte man die Vorzeichen damals erkennen? Weckte die „Reichskristallnacht“ nicht schon Vorahnungen auf die unmenschlichen Aktionen der Nationalsozialisten? Diesen Fragen ging Werner Eisenschink in seinem Referat nach. Er schilderte die beschämenden Vorkommnisse: „Reichskristallnacht – ein gemeiner zynischer Begriff für skrupellose Aktionen. In dieser Pogromnacht wurde den Juden durch die Schändung und Verbrennung ihrer Gotteshäuser real und symbolisch der Tod angedroht, Hilfe war untersagt, Feuerwehrleuten war verboten, die Brände zu löschen.

Der Pogrom, staatlich inszeniert, vor Ort umgesetzt, zeigt die Entwicklung, die zur Vernichtung führt.“ Den meisten sei die Tragweite noch nicht vorstellbar gewesen, doch die mörderische Tendenz zu erkennen, sei auch in der Provinz möglich gewesen: „25000 Juden ins KZ verschleppt, etwa 100 ermordet. Auch im Ries Schutzhaft, Terror, Schändung, Raub.“

Ausrottung angekündigt

Zunächst habe man Vertreibung angekündigt, doch war bereits die „Beseitigung der Juden“ vorgesehen. Es mehrten sich die Anzeichen, dass ein rücksichtsloses Vorgehen gegen die Juden von der Mehrheit hingenommen und teils sogar begrüßt wurde. Der Pöbel begeisterte sich am Judenpogrom. Die Gier auf den Besitz der Juden und der verblendete Hass steigerten sich.

In einem umfassenden Referat beschäftigte sich Eckart Dietzfelbinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Nürnberg, mit dem Antisemitismus in der Gegenwart. Er sprach davon, dass bei etwa 10 bis 15 Prozent der heutigen Bevölkerung ein versteckter Antisemitismus vorhanden sei. Äußerungen und Handlungen würden nicht offen gemacht, sondern anonym, zum Beispiel in Besucherbüchern von Ausstellungen oder Schändungen von jüdischen Friedhöfen oder Einrichtungen. Aber auch Anschläge und Brandstiftungen zeigten den verborgenen Antisemitismus.

Nach Jahrzehnten der Änderung in ein demokratisches Grundwertesystem sei ein allmählicher Rückgang von Übergriffen erkennbar. Ein harter Kern der Gesellschaft berufe sich noch auf antisemitische Vorurteile, teilweise mit dem Vorwurf, die Juden nutzten die Schuld der Deutschen am Holocaust aus, um Deutschland finanziell und politisch zu erpressen. Eine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus bestehe in Deutschland nicht.

Einen „Schlussstrich zu ziehen“ sei die Forderung vieler, und auch Kritik über die Politik des Staates Israel werde herangezogen mit dem Wunsch nach einem eigenen Staat. Es werde der Holocaust in ungerechtfertigter Weise mit dem Nahostkonflikt verschmolzen, dazu unter Umständen sogar noch mit der Finanzkrise.

Wiederbelebung ist ein Phantom

Er halte eine Wiederbelebung der deutsch-jüdischen Kultur, die große Bedeutung für Wissenschaft, Kunst; Musik und Literatur hatte, für ein Phantom, schon in Hinsicht darauf, dass diese zwischen Reichsgründung und Beginn der Weimarer Republik nur 50 Jahre bestand, ansonsten herrschten stets antisemitische Ressentiments vor. Auch nach 1945 hätte sich in Deutschland eine wirklich substanzielle deutsch-jüdische Kultur nicht herausgebildet.

Es bleibe im Wesentlichen eine nach innen orientierte Pflege jüdischer Tradition in Familie, Synagoge und Gemeinde und die Hoffnung, dass die „schwarzen Löcher des Schweigens in den Seelen der Täterkinder“ (Solomon Korn) in der dritten und vierten Generation verschwänden.

Meditative Begleitung

Eine sehr meditative musikalische Begleitung mit eigenen Kompositionen für die Gitarre bot Ulrich M. Baur aus München mit dem Titel „Ataraxia“ (Gleichmut). Siegfried Merz las das Gedicht „Theresienstadt“ von Ilse Werner vor, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

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