Donnerstag, 23. März 2017

10. September 2013 12:50 Uhr

RTL-Beitrag

Kinder der Zwölf Stämme: Fast 100 Schläge in zwei Tagen

Eine RTL-Reportage zeigt, dass Prügeln bei den Zwölf Stämmen zur Erziehungsmethodik gehört. Der Reporter dokumentierte die Züchtigungen mit einer verdeckter Kamera.

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Im bayerischen Klosterzimmern lebt die umstrittene Glaubensgemeinschaft der «Zwölf Stämme».
Foto: Daniel Karmann (dpa)

Das kleine Mädchen mit der blauen Hose weint laut. Der Schmerz ist nicht zu überhören, aber die Frau mit dem Baby auf dem Arm ist völlig unbeeindruckt. Sie zieht dem Mädchen die Hose herunter, die Schläge einer Rute knallen auf die nackte Haut. Das Mädchen schreit, schluchzt. Die Frau schlägt weiter.

Szenenwechsel, ein anderes Mädchen mit blonden Zöpfen betritt den Kellerraum. Nur ein fahles Licht beleuchtet die Szene aus einem dunklen Gang heraus. „Ich bin nicht müde“, weint das Mädchen. Die Frau sitzt auf dem Stuhl, wiederholt immer wieder: „Sag: Ich bin müde!“ Am Anfang entgegnet das Mädchen noch: „Nein.“ Nach mehreren Rutenschlägen wimmert sie undeutlich „Ich bin müde.“

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Erziehungsmethoden der Sekte „Zwölf Stämme“ erschüttern ganz Deutschland

Die Erziehungsmethoden der Sekte „Zwölf Stämme“ erschüttern ganz Deutschland. Was die heimlich gedrehten Szenen  des RTL-Reporters Wolfram Kuhnigk zeigen, ist wohl der Beleg für die systematische Züchtigung in der „urchristlichen Glaubensgemeinschaft“. Kuhngik berichtet, er habe insgesamt 84 Stockhiebe an zwei Tagen aufgenommen, davon 81 auf das Gesäß, drei auf die geöffnete Hand eines Jungen. „Über sechs verschiedene Kinder werden von über sechs Erwachsenen geschlagen, die nicht die Eltern sind.“ Damit konfrontiert Kuhnigk im Film Alfred Kanth, Fachsbereichsleiter Jugend und Familie am Landratsamt Donau-Ries. Der ist sichtlich erschüttert: „Sie predigen Frieden und quälen ihre Kinder. Ich bin fassungslos.“

Alleine waren die Aufnahmen von Kuhnigk nicht für die Aufnahme des neuen Ermittlungsverfahrens ausschlaggebend, sagt Matthias Nickolai, Sprecher der Augsburger Staatsanwaltschaft. Aber sie haben wohl vieles ins Rollen gebracht: Wie der Direktor des Amtsgerichts Nördlingen, Helmut Beyschlag berichtet, haben Familienrichter die Aufnahmen von Kuhnigk gesehen und nach einer Prüfung der „Originalität“ die Ermittlungen intensiviert.

Reporter war insgesamt drei Mal für mehrere Tage vor Ort auf dem Hof in Klosterzimmern

Der Reporter war insgesamt drei Mal für mehrere Tage vor Ort auf dem Hof in Klosterzimmern. Er gab sich als Rettungssanitäter aus, der sich in einer Lebenskrise befindet und bei der Gemeinschaft nach einer Lösung sucht.

In dem rund 40-minütigen Beitrag von Kuhnigk wird klar, wie normal Schläge als Erziehungsmethode in der Gemeinschaft sind. Bei Versammlungen ab sechs Uhr morgens müssen Kinder eine Stunde lang still stehen.

Christliche Idylle ist brüchig

Die Idylle mit Singen, Tanzen und Bibelzitaten ist brüchig: Halten die Kinder nicht durch, werden sie aus dem Raum geführt und kommen Minuten später verstört und verweint zurück, berichtet Kuhnigk. Er schließt daraus: Einer der „Schlagräume“ muss sich in der Nähe befinden. Kuhnigk will die Züchtigungen mit Videomaterial belegen, das aber ist zunächst schwierig. Erst arbeitet er vor allem mit einer Videobrille, um unbemerkt filmen zu können. Ein Amerikaner, der zu Besuch ist, erkennt diese aber: Kuhnigk reist überstürzt ab. Erst als klar ist, dass der Amerikaner seine Beobachtung niemandem gesagt hat, kann Kuhnigk noch einmal zu den Zwölf Stämmen. Dieses Mal stellt er kleine selbst arbeitende Kameras in den von ihm beobachteten „Schlagräumen“ auf, einem Kellerraum im Versammlungsraum und einem Heizungsraum in der Schule.

Die Gewalt an den Kindern ist „so ruhig, so systematisch, so geplant“ wie Folter

Und tatsächlich: Was die Kameras in zwei Tagen aufnehmen, erschüttert. Die Gewalt an den Kindern ist „so ruhig, so systematisch, so geplant“ wie Folter, sagt Sabine Riede von der Sekteninfo Nordrhein-Westfalen im Film. Zu sehen ist auch das „Restraining“ der Babys, auf einem Arm ist ein streng gewickeltes Baby mit schwarzem Haarschopf zu sehen, dass sich kaum mehr rühren kann.

Spielen und Fantasie sind für die Kinder verboten, beobachtet Kuhnigk. Der junge Sven, der mit 14 Jahren alleine aus der Sekte flüchtete, versucht, das zu erklären: Wenn ein Kind zum Beispiel Flugzeuggeräusche nachmachen würde, würde es dafür geschlagen. „Man ist dann in eine andere Welt eingetreten, wo Satan von einem Besitz ergriffen hat“, schildert er, mit Schlägen würde man die Kinder dort wieder herausholen. Besonders schlimm sei es, wenn der Ältestenrat entscheide, den Eltern das Kind wegzunehmen und die Erziehung an eine andere Frau weiterzugeben. „Sie wirkt wie eine liebe Mutti, aber für Sven ist sie die grausamste Person der ganzen Sekte“, sagt Kuhnigk im Film. Sie schlägt Sven nach dessen Aussagen massiv.

Kuhnigk stellt seine Aufnahmen dem Familiengericht und dem Jugendamt zur Verfügung. Währenddessen besucht er die Zwölf Stämme noch einmal bei ihrem Hoffest, eine Art Tag der offenen Tür: Sie spielen den Gästen eine einfache Idylle vor. Zwei Wochen nach dem Hoffest, am vergangenen Donnerstag, holt ein Großaufgebot der Polizei wie berichtet die Kinder der Sekte ab und bringt sie zunächst in Pflegefamilien und öffentlichen Einrichtungen unter. Ein Ermittlungsverfahren wird eingeleitet, im zuständigen Familiengericht in Nördlingen sollen die Anhörungen der Eltern in der kommenden Woche anlaufen.

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