Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Proteste und ein Sturmtief: Castor im Wendland

Proteste und ein Sturmtief

Castor im Wendland

  • |
  • |
  • |
    Polizisten gehen in Metzingen (Kreis Lüchow-Dannenberg) gegen Demonstranten vor. Der 13. Castor-Transport verzögert sich wohl. Foto: Julian Stratenschulte dpa
    Polizisten gehen in Metzingen (Kreis Lüchow-Dannenberg) gegen Demonstranten vor. Der 13. Castor-Transport verzögert sich wohl. Foto: Julian Stratenschulte dpa

    Sechs Fakten zum Castor-Transport

    Elf Spezialbehälter werden wie im vergangenen Jahr zunächst mit dem Zug, dann per Tieflader nach Gorleben transportiert. In jedem Castor stecken 28 Glaskokillen mit radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken.

    Rund 1200 Kilometer lang ist die Strecke vom französischen La Hague bis nach Gorleben. Die letzte Etappe auf der Straße von Dannenberg bis zum Zwischenlager beträgt etwa 20 Kilometer.

    Rund 20 000 Polizisten sollen nach Angaben der Polizei Lüneburg den Castortransport schützen. 12 000 Beamte werden von der Landespolizei eingesetzt, etwa 8000 von der Bundespolizei aus ganz Deutschland.

    Etwa 16 000 Demonstranten werden am letzten Novemberwochenende gegen den Atommülltransport protestieren, schätzt die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.

    Dieses Jahr rollt der letzte Castortransport mit hoch radioaktivem Atommüll aus Frankreich nach Gorleben. Zwischen 2014 und 2017 plant das niedersächsische Umweltministerium, weitere 21 Behälter mit Atommüll aus dem britischen Sellafield nach Deutschland zu holen.

    102 Behälter mit Atommüll und abgebrannten Brennelementen lagern derzeit im Zwischenlager Gorleben.

    Begleitet von mehreren Protestaktionen in den vergangenen Tagen, wird der Castor-Transport am Samstag im niedersächsischen Wendland erwartet. Umweltschützer planen eine Großkundgebung an der Verladestation Dannenberg. Dort sollen die elf Atommüll-Behälter aus dem französischen La Hague auf Tieflader umgehoben und ins etwa 20 Kilometer entfernte Zwischenlager Gorleben transportiert werden. Unklar blieb zunächst, ob die Behälter noch am Wochenende verladen werden können, da sich in Norddeutschland ein Sturmtief angekündigte.

    Castor-Transport wird durch Blockierer aufgehalten

    Am Samstagmorgen gegen 7.00 Uhr hatte der Zug bei Hann.-Münden die Landesgrenze von Hessen nach Niedersachsen passiert und war dann bei Friedland durch Blockierer auf den Gleisen erneut zum Stillstand gekommen. Wie bei Friedland hatten Atomkraft-Gegner schon zuvor den Zug auf seiner am Mittwochnachmittag in Frankreich begonnenen Fahrt mehrfach zum Stopp gezwungen, teilweise für mehrere Stunden.

    Im niedersächsischen Wendland kam es am Freitag bei der Ortschaft Metzingen bereits in der zweiten Nacht in Folge zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizisten. Rettungssanitäter berichteten von mehreren Verletzten.

    Autonome von Polizei umstellt

    Wie ein Reporter der dapd beobachtete, umstellte die Polizei dort am Freitagabend ein für autonome Anti-Castor-Aktivisten bekanntes Camp. Die Aktivisten warfen Flaschen, Steine und auch Holzpfähle auf die Beamten. Die Polizisten setzte Wasserwerfer ein. Am Freitagnachmittag waren in Göhrde, etwa 35 Kilometer nordwestlich von Gorleben, zwei Polizeiwagen in Brand gesteckt worden.

    Bei den Ausschreitungen am Abend zuvor waren nach Polizeiangaben acht Beamte verletzt und vier Aktivisten festgenommen worden. Auch Demonstranten wurden verletzt. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg rief daraufhin zu "friedlichen Protesten" auf.

    Diskussion um atomare Strahlung

    Trotz des massiven Polizeiaufgebots entlang der Strecke gelang es einem Umweltschützer in der Pfalz am Freitagabend, auf den Zug zu steigen. Der Aktivist kletterte bei Haßloch auf einen Waggon, wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur dapd berichtete. Dabei hielt er ein Transparent mit dem Logo der Anti-Atomkraft-Bewegung hoch. Beim Anrücken der Polizei flüchtete der Mann über ein Feld und entkam, wie ein Polizeisprecher auf dapd-Anfrage bestätigte.

    Wie baut man ein Atomkraftwerk ab?

    Ein stillgelegtes Atomkraftwerk kann man nicht einfach mit der Abrissbirne plattmachen - die Demontage des Meilers kostet viel Zeit und Geld.

    Ein Beispiel dafür ist das 2005 vom Netz genommenen Kraftwerk Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis). Seit rund zwei Jahren sind Fachleute damit beschäftigt, das alte Kraftwerk abzubauen.

    Mehr als zehn Jahre werden die Arbeiten insgesamt dauern und rund 500 Millionen Euro kosten. 275.000 Tonnen Material müssen abgebaut werden, darunter 2300 Tonnen radioaktiver Abfall.

    Die Demontage hat in Obrigheim mit den nicht-nuklearen Teilen des Meilers begonnen, zum Beispiel mit dem Maschinenhaus und dem Überwachungsbereich. In einem zweiten Schritt stehen die leicht kontaminierten Anlagenteile des Kontrollbereichs auf dem Programm.

    Von dort an geht es unter anderem mit Hilfe einer Fernbedienung oder auch mit Arbeiten unter Wasser an Teile wie das Druckgefäß, das dem Neutronenbeschuss direkt ausgesetzt war.

    Im vierten Abschnitt kommen die Hilfseinrichtungen wie Kräne, Lüftungen sowie Anlagen zur Wasseraufbereitung und zur Reinigung dran.

    Nur sehr wenige Teile des ehemaligen Kernkraftwerks sind so stark verstrahlt, dass sie nicht gereinigt werden können. Ein Großteil landet in einer Wasserstrahlkabine, wo es mit Hochdruck gesäubert wird, so dass es anschließend wie normaler Abfall entsorgt werden kann.

    Eine «grüne Wiese» wird der Standort allerdings auch nach der Demontage des Kraftwerks nicht: Die 342 abgebrannten radioaktiven Brennelemente könnten bis zu 40 Jahre lang in einem Zwischenlager auf dem Kraftwerksgelände bleiben.

    Kritiker fürchten, dass die Castor-Behälter mit dem Atommüll undicht werden und dann die Umwelt verstrahlen könnten.

    Die Gegner der Atomkraft hielten den Castor-Transport in Rheinland-Pfalz mit verschiedenen Aktionen auf. Entlang der Strecke versuchten sie immer wieder, an die Gleise zu gelangen und diese zu blockieren. In und rund um Haßloch holten die Einsatzkräfte mehrfach Castor-Gegner von der gesperrten Strecke.

    Castor muss immer wieder stoppen

    Auch in Hessen kam es zu Protesten entlang der Route des Atommüll-Transports. In Darmstadt musste der Zug kurz stoppen, als Aktivisten Gleise besetzten. Im osthessischen Fulda kletterten vier Personen neben den Gleisen in Bäume, hielten den Zug damit allerdings nicht auf. Unter ihnen war den Angaben eines Aktivisten zufolge auch die französische Aktionskünstlerin Cecile Lecomte, die in der Vergangenheit bereits mit spektakulären Anti-Atomkraft-Aktionen auf sich aufmerksam machte.

    Neben den Aktionen von Atomkraftgegnern drohen dem Castor-Transport noch ganz andere Widerstände: Ein durchziehendes Sturmtief könnte das Umladen der Atommüllbehälter in der Verladestation Dannenberg deutlich verzögern. Sowohl der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach als auch das Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation bestätigten, dass für Samstag und Sonntag im Wendland Winde der Stärken acht und neun zu erwarten sind. Damit wäre ein Verladen der Behälter unmöglich.

    Sturmtief könnte Weiterfahrt verzögern

    Ein Sprecher der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) als Betreibergesellschaft des Zwischenlagers Gorleben sagte am Freitagabend auf dapd-Anfrage: "Ab Stärke sieben ist das Umladen der Behälter einzustellen." Winde seien für die Verladung derart gefährlich, dass es an der Umladestation im Wendland "extra einen Windmesser" gebe. Wenn es zu stürmisch wird, sei das Rezept klar: "Dann können wir nur warten, bis sich der Wind legt."

    Von Frankreich ins Wendland

    Der Castor-Transport war am Mittwoch in Frankreich gestartet und sollte sein Ziel, das Zwischenlager in Gorleben, nach ursprünglicher Planung am Wochenende erreichen. Auf seinem Weg hat der Zug am Samstagmorgen auch ein paar Kilometer in Bayern passiert. AZ/dapd

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden