Sonntag, 19. November 2017

22. August 2017 15:30 Uhr

Tierschutz

Nach Verbot in Frankreich: Können Zoos Delfine artgerecht halten?

Frankreich hat langfristig die Haltung von Delfinen und Orcas verboten. In Deutschland gibt es unter anderem noch in Nürnberg ein Delfinarium. Ist das noch artgerecht?

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Sie sehen so glücklich aus, wenn sie aus dem Wasser springen, wie hier im Tiergarten Nürnberg. Über den tatsächlichen Zustand der Delfine kann das aber nichts aussagen.
Foto: Daniel Karmann, dpa (Archiv)

Im Nürnberger Tiergarten sind die Delfine die Stars. Drei bis vier Mal am Tag gibt es eine Show im Delfinarium. Dann versammeln sich kleine und große Fans der Meeressäuger auf den Plätzen rund um das Becken im Außenbereich. Ein Pfleger versorgt sie mit Fakten zu den Tieren. Dann durchbricht ein stromlinienförmiger Körper die Wasseroberfläche und springt meterhoch in die Luft. Es ist beeindruckend, wie die Großen Tümmler – sie werden bis zu 300 Kilo schwer – ihre Körper aus dem Wasser schrauben und dabei Saltos und Drehungen vollführen. Sie wirken dabei so glücklich, so lebensfroh, dass sich der eine oder andere Zuschauer denken dürfte: Delfine zu halten, das ist doch eine tolle Sache für Mensch und Tier.

Doch schon seit Jahrzehnten gibt es eine hitzige Debatte, ob es wirklich richtig ist, Delfine wie auch Schwertwale, oft Orcas genannt, in Gefangenschaft zu halten und sich an ihren Kunststücken zu erfreuen. Frankreich hat im Mai ernst gemacht: Kurz vor der Präsidentschaftswahl hat die damals amtierende Umweltministerin Ségolène Royal ein Verbot der Nachzucht von Delfinen und Orcas in Gefangenschaft erlassen. Das Gesetz verbietet zwar nicht die Haltung der Tiere, die bereits in Gefangenschaft leben. Aber auf lange Sicht wird es dafür sorgen, dass auch die verbliebenen vier Delfinarien in Frankreich dichtmachen.

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Tanja Breining von der Tierrechtsorganisation Peta begrüßt die Entscheidung. „Ein Leben in Freiheit ist immer besser als ein Leben in Gefangenschaft“, erklärt die Meeresbiologin. Sie weist darauf hin, dass Wissenschaftler herausgefunden haben: Delfine verfügen über ein Selbstbewusstsein. Das bedeute, dass sie sich ihrer Gefangenschaft bewusst seien und besonders darunter litten, sagt Breining. Peta, wie auch andere Organisationen, setzt sich für ein Verbot der Haltung von Meeressäugern ein. In Deutschland ist diese erlaubt. Hier gibt es noch zwei Delfinarien, im Zoo Duisburg und im Tiergarten Nürnberg.

Geht es Delfinen in Gefangenschaft besonders gut?

Ebenfalls im Mai ist allerdings auch eine US-Forschungsarbeit erschienen, die sagt: Delfine in Gefangenschaft sind gesünder als die Tiere, die in freier Wildbahn leben. Geht es den Meeressäugern in Zoos also besonders gut?

Das Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) zieht andere Schlüsse aus der Arbeit. Erst einmal kritisiert es, dass darin gerade einmal zwei Delfinarien in den USA untersucht wurden. Dass Delfine in freier Wildbahn häufig krank sind, ist für Tierschützer außerdem ein alarmierendes Zeichen: Als Grund sehen sie die Verschmutzung der Weltmeere. Zudem sind die gefangenen Delfine nach Meinung des WDSF nur deshalb gesünder, weil sie regelmäßig Medikamente erhalten.

Die Tierschutz-Organisation hatte erwirkt, die Akten der beiden deutschen Delfinarien einsehen zu dürfen. Dabei stellten die Aktivisten fest: In Duisburg kamen in fünf Jahren mehr als 20 verschiedene Medikamente und Präparate zum Einsatz, in Nürnberg waren es über 30. Besonders häufig wurden Antibiotika eingesetzt. Doch die Delfine an beiden Standorten erhielten auch größere Mengen Psychopharmaka, wie etwa Valium. Fast alle Delfine bekamen solche Beruhigungsmittel.

Nun gibt es verschiedene Deutungsweisen, was das über die Delfinhaltung aussagt. Für die Tierschützer ist klar: Wenn die Tiere nur durch solche Medikamente gehalten werden können, dürfen sie gar nicht gehalten werden.

Tiergarten-Chef: Valium nur zur Appetitanregung

Dag Encke, Chef des Nürnberger Tiergartens, ist anderer Meinung. Er vermutet außerdem, dass das Gesetz in Frankreich nur erlassen wurde, weil Aktivisten behaupteten, dass Delfine unter Drogen gesetzt würden und nicht anders zu halten seien. Das stimme so aber nicht: „Tiere in den Delfinarien werden medizinisch behandelt, was völlig normal ist.“ Valium diene oft der Appetitanregung. Es helfe, wenn dem Tier ein Medikament verabreicht werden müsse, das über den Verdauungstrakt aufgenommen wird. Bei höherer Dosis würden die Tiere entspannter, bekämen die sogenannte „Rosa Brille“, sagt Encke. Das sei hilfreich, wenn sich „ein Konflikt zwischen zwei Tieren hochgepuscht“ habe.

2014 kam im Tiergarten Nürnberg ein Delfinbaby zur Welt.

 

Meeresbiologin Tanja Breining von Peta kritisiert den Einsatz von Medikamenten, gerade in solchen Situationen. In der Natur suchten sich Delfine ihre Artgenossen aus und seien nicht gezwungen, mit jemandem zusammenzuleben, mit dem sie nicht zurechtkämen. Damit es keinen Streit gibt, werden in Zoos eben Medikamente eingesetzt. „Die werden quasi hier zwangsvergesellschaftet“, sagt Breining mit Blick auf Nürnbergs Delfinlagune.

Auch wenn Dag Encke die Meinung der Aktivisten nicht teilt, sieht er einen Vorteil in der durch sie ausgelösten Diskussion. Und zwar, „dass sie uns Schub gibt in der Entwicklung“. Der Tiergarten Nürnberg habe etwa im Sommer 2011 den Ausbau des Wassergeheges zu einer großen Delfinlagune mit mehreren Becken abgeschlossen. Das hätte sich politisch nie durchsetzen lassen, wenn es vorher den gesellschaftlichen Druck nicht gegeben hätte, meint Encke. mit dpa

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Ein Artikel von
Jakob Stadler

Günter Holland Journalistenschule
Ressort: Volontär


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