Libyen hat Washington um Hilfe im Kampf gegen die "Überreste" der Ära von Machthaber Muammar al-Gaddafi gebeten. "Libyens Befreiungskrieg ist fast beendet, aber er wird es erst richtig sein, wenn wir mit diesen Köpfen fertig sind", sagte der Chef der Übergangsregierung, Abdel Rahim al-Kib, am Donnerstag an der Seite von US-Außenministerin Hillary Clinton in Washington. Algerien sagte Libyen Hilfe beim Aufbau von Polizei und Armee zu.
Libyen bittet USA um Hilfe im Kampf gegen Erbe der Gaddafi-Ära
Er habe Clinton diesbezüglich um Hilfe der USA gebeten, sagte al-Kib. Namentlich nannte er die von ihm angesprochenen "Köpfe" nicht, einem Vertreter des US-Außenministeriums zufolge meinte er aber Vertraute des Gaddafi-Clans, vor allem enge Familienmitglieder des im Oktober getöteten Machthabers. Die Anhänger hätten einen "schädlichen Einfluss" und besäßen weiterhin Gelder, die dem libyschen Volk gehörten, sagte al-Kib.
Saadi Gaddafi lebt im Exil in Niger
Der im Exil im Niger lebende Saadi Gaddafi, ein Sohn des früheren Machthabers, hatte im vergangenen Monat gesagt, in Libyen gebe es eine Revolte gegen die neue Führung und er werde in das Land zurückkehren. Gaddafis Tochter Aischa rief von Algerien aus die Libyer gar zum Sturz der Übergangsregierung auf. Dem US-Ministeriumsvertreter zufolge bat Libyen Washington um Hilfe dabei, jene Länder, die Gaddafi-Anhänger beherbergten, dazu zu bringen, derlei Provokationen zu verhindern.
Algerien will Tripolis beim Aufbau von Polizei und Armee helfen
Chronologie: Aufstieg und Fall von Gaddafi
Libyens Muammar al-Gaddafi wurde als Terrorhelfer international geächtet und als Handelspartner hofiert. Im Westen galt der selbst ernannte Revolutionsführer mit bizarr anmutenden Gewohnheiten vielen als unberechenbar.
1942: Im September nahe der Stadt Sirte in Libyen geboren.
1963: Jura- und Geschichtsstudium für Offizierslaufbahn abgebrochen.
1969: Ein «Bund der freien Offiziere» putscht Gaddafi an die Macht.
1970: Ausländische Öl-Firmen in Libyen werden verstaatlicht.
1973: Gaddafi veröffentlicht seine «Dritte Universaltheorie» als Mittelweg zwischen Kommunismus und Kapitalismus.
1977: Der «Revolutionsführer» ruft die «Sozialistische Libysch- Arabische Volks-Dschamahirija (Herrschaft der Massen)» aus.
1985: Wegen Libyens Verstrickung in den internationalen Terrorismus verhängen die USA einen Wirtschaftsboykott.
1986: Die USA machen Gaddafi für einen Anschlag auf die Berliner Diskothek «La Belle» verantwortlich und bombardieren Tripolis.
1988: 270 Tote bei Explosion eines US-Jumbos über Lockerbie.
1991: Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen.
2003: Libyen sagt für den Anschlag von Lockerbie die Zahlung von Entschädigungen zu; die UN heben die Sanktionen auf.
2003: Gaddafi kündigt Einstellung des libyschen Atomprogramms und die Zerstörung seiner Massenvernichtungswaffen an.
2004: Die USA heben ihre Handelsbeschränkungen auf. 2007: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vereinbart mit Gaddafi eine militärische und atomtechnische Kooperation. Anvisiert wird die Lieferung von Kampfjets und eines Atomkraftwerks.
2008: Die USA schließen mit Libyen ein Öl-Handelsabkommen. 2009: Gaddafi wird für ein Jahr Ratsvorsitzender der Afrikanischen Union und fordert die «Vereinigten Staaten von Afrika».
2009: Freundschaftsabkommen und erster Staatsbesuch Gaddafis in Rom.
2010: Nach Festnahme seines Sohns Hannibal in Genf wegen Misshandlung von Angestellten ruft Gaddafi zum Dschihad gegen die Schweiz.
2010: Um den Zustrom afrikanischer Flüchtlinge über Libyen einzudämmen, zahlt die EU Gaddafi 50 Millionen Euro.
2011: Am 15. Februar demonstrieren Tausende gegen Gaddafi. Seine Gefolgsleute richten später ein Blutbad unter Zivilisten an. Der folgende Bürgerkrieg läutet den Sturz des «Führers» ein. (dpa)
Al-Kib bat den US-Privatsektor zudem um Unterstützung beim Wiederaufbau des durch den Bürgerkrieg zerstörten Landes und sagte "freie, faire und transparente" Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung zu. Diese sollen im Juni stattfinden. Clinton lobte ihrerseits die Fortschritte der Libyer in den vergangenen Monaten. Regierungschef al-Kib und die Übergangsregierung hätten eine "effektive Führungsstärke" bewiesen und begonnen, Libyen wieder zu vereinen, sagte sie.
Al-Kib sowie der US-Vertreter gaben sich zudem zuversichtlich, dass Libyen nicht in einen West- und einen Ostteil auseinanderbrechen werde. Die ölreiche Region Kyrenaika um die Stadt Bengasi im Osten des Landes hatte am Dienstag ihre Autonomie erklärt. Al-Kib sagte dazu in Washington, dies gehöre schlicht zur Demokratie. Der Außenamtsvertreter sagte, die Menschen im Osten wollten sichergehen, dass ihre Stimme gehört werde.
Lybien will Phase des Übergangs überwinden
Unterstützung erhält Libyen auch von seinem Nachbarn Algerien. Er habe in Gesprächen mit der Übergangsregierung die Hilfe seines Landes beim Aufbau von Polizei und Armee zugesagt, sagte der algerische Außenminister Murad Medelci. Libyen habe die nötigen Mittel, die Phase des Übergangs zu überwinden und Algerien werde seinem Nachbarland dabei helfen, "wo es nur kann", sagte er laut der Nachrichtenagentur APS.
Keines der Gaddafi-Familienmitglieder hat sich angeblich nach Algerien abgesetzt
Thema der Gespräche mit seinem libyschen Amtskollegen in Tripolis sei auch die Sicherheit an der gemeinsamen Grenze gewesen, sagte Medelci. Er versicherte der libyschen Führung demnach, dass keines der Gaddafi-Familienmitglieder die sich nach Algerien abgesetzt hätten, den Libyern "auch nur ein Haar krümmen" werde. Algerien habe die Gaddafis lediglich "aus humanitären Gründen aufgenommen". afp/AZ