Montag, 25. September 2017

16. März 2017 19:07 Uhr

Pflege

Massenandrang bei Krankenkassen nach Pflegereform

Die Pflegebedürftigkeit wird seit der Reform anders eingestuft und betrifft eine halbe Million mehr Menschen. Das hat eine Antragsflut zur Folge. Was bedeutet das für die Beiträge?

i

Durch die Pflegereform haben mehr Menschen Anspruch auf Pflegeleistungen.
Foto: Patrick Pleul (dpa)

Die Umstellung trifft fast drei Millionen Menschen und ihre Angehörige: Seit Januar ist die Pflegereform in Kraft und gilt als wichtigste Sozialreform des Jahrzehnts. Mit der Änderung der bisherigen drei Pflegestufen in fünf Pflegegrade mit neuen Kriterien wächst auch der Kreis der Empfangsberechtigten, besonders bei Demenzkranken. Wie die Pflegekassen gegenüber unserer Zeitung erstmals bestätigten, hat die Reform eine wahre Antragsflut bei der Pflegeversicherung ausgelöst.

Ein Drittel mehr Anträge als im Vorjahr

„Wir hatten im Januar 2017 einen Anstieg der Anträge um ein Drittel im Vorjahresvergleich“, sagte der Bundesgeschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, Peter Pick. Bislang waren Steigerungsraten um fünf Prozent üblich. Auch in den Monaten vor der Umstellung hätten bereits mehr Menschen Anträge auf Leistungen gestellt: „Wir hatten im vierten Quartal eine Steigerung der Begutachtungsaufträge um knapp 20 Prozent.“ Pick erwartet, dass der starke Zuwachs noch anhält und ab Jahresmitte auf Normalmaß zurückgeht.

ANZEIGE

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, erklärte, bei der Reform sei ein Anstieg einkalkuliert worden: „Die wichtigste Verbesserung der Reform ist, dass Demenz-Erkrankungen heute gerechter und wesentlich realistischer bei den Pflegeleistungen eingestuft werden, als zuvor“, sagte der CDU-Politiker unserer Zeitung. „Durch den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff bekommen viele Menschen jetzt Leistungen, die vorher keine bekommen haben.“

Eine halbe Million mehr Menschen haben jetzt wohl Anspruch auf Pflege

Die Regierung erwarte, „dass voraussichtlich 500.000 Menschen zusätzlich in den Anspruchsbereich der Pflegeversicherung kommen“, so Laumann. Dies stellt auch die Betreiber von Pflegeeinrichtungen vor zusätzliche Herausforderungen: „Mehr Pflegebedürftige heißt am Ende auch immer: Wir brauchen mehr Personal“, betonte Laumann. Insgesamt stünden für die Pflege rund fünf Milliarden Euro mehr pro Jahr zur Verfügung: „Etwa die halbe Summe geht in die Versorgung an Demenz erkrankter Menschen, die werden diesen Schub merken“, sagte Laumann. Mit der Reform soll die Betreuung der Pflegebedürftigen und die Unterstützung der Angehörigen verbessert werden. Allerdings herrscht in der Branche Fachkräftemangel; viele Pflegekräfte klagen über niedrige Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen.

Nach Berechnungen des Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang steigen die Ausgaben der Pflegekassen mit der Reform um ein Viertel. Die Beitragserhöhung könnte für dieses Jahrzehnt ausreichen. „Langfristig wird die Zahl der Pflegebedürftigen und damit der Finanzierungsbedarf jedoch deutlich ansteigen, so dass der Beitragssatz erneut angehoben werden muss“, sagte der Professor unserer Zeitung.

Mit dem Anstieg der Antragszahlen steigt auch die Bearbeitungsdauer. „Wer heute einen Antrag stellt, der muss im Normalfall sechs bis acht Wochen warten“, sagt Geschäftsführer Pick vom Medizinischen Dienst, bislang waren vier Wochen üblich. Eilanträge würden allerdings fristgerecht bearbeitet.

Lesen Sie dazu: Pflegereform: Was ändert sich durch die Umstufung zum Pflegegrad?

i

Ein Artikel von
Michael Pohl

Augsburger Allgemeine
Ressort: Politik



Alle Infos zum Messenger-Dienst