Samstag, 1. Oktober 2016

12. Juli 2012 18:41 Uhr

Amazon in Graben

Druck und Überwachung: Mitarbeiter kritisieren Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen im Logistikzentrum bei Augsburg sollen schlecht sein. Die Rede ist von psychischem Druck und Überwachung. Unternehmen wehrt sich gegen Vorwürfe

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Amazon in Graben: Mitarbeiter kritisieren Arbeitbedingungen.
Foto: Pitt Schurian (Archiv)

Seine Hoffnungen waren groß. Wie alle Amazon-Mitarbeiter will der 54-Jährige seinen Namen nicht in der Zeitung oder im Internet lesen. Als gelernter Speditionskaufmann hat er sich einen gesicherten Arbeitsplatz ausgerechnet, als das Unternehmen im vergangenen September ein Logistikzentrum in Graben südlich von Augsburg eröffnete – und Personal suchte. Heute ist er nicht mehr gut auf den Online-Versandhändler zu sprechen. „Die Art, wie man dort mit den Leuten umspringt, ist menschenunwürdig“, sagt er. Und ein Kollege nickt.

Die Liste der Vorwürfe, die die Beschäftigten gegen ihren Arbeitgeber anbringen, ist lang. Von Leistungsdruck berichten sie. Die Kommissionierer, die im Lager bestellte Waren einsammeln, bekämen stündlich Nachrichten auf ihre tragbaren Computer. Darin würden sie gedrängt, „schneller, noch schneller“ zu arbeiten. Mit Kollegen zu sprechen, sei tabu. „Wer redet, bekommt die gelbe Karte“, sagt der 54-Jährige. Nach zwei bis drei Ermahnungen folge die rote Karte – und die Drohung, das in die Personalakte aufzunehmen.

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Wer zu viel Wasser trinkt oder wer zur Toilette geht, wird gerügt. „Es kommt fast täglich vor, dass Leute während der Arbeit umkippen“, sagt ein Beschäftigter. Andere berichten, dass der Notarzt mehrmals die Woche im Einsatz sei.

Verdi: Mitarbeiter laufen bis zu 40 Kilometer am Tag

Verdi-Vertreter Thomas Gürlebeck kennt Geschichten wie diese. Der zeitliche Druck sei enorm, die Wege, welche die Mitarbeiter zurücklegen müssten, seien lang. „Manche laufen 30 bis 40 Kilometer am Tag“, sagt der Gewerkschafter. Wer als Kommissionierer die Artikel nicht schnell genug aus den Regalen holt, bekomme eine Nachricht auf sein Lesegerät. Der 54-Jährige spricht von Überwachung. Sein Kollege sagt: „Das ist Akkordarbeit. Nur wird man nicht so bezahlt.“ Nach Angaben von Verdi verdienen Amazon-Mitarbeiter 9,50 Euro pro Stunde.

Gürlebeck spricht darüber hinaus vom „Generalverdacht des Diebstahls“, unter dem die Amazon-Mitarbeiter stünden. Auf dem Weg ins Lager müssten sie Metalldetektoren passieren – ebenso, wenn sie in die Pause gehen. Die Schlangen vor der Schleuse seien lang, sagen Mitarbeiter. Von 35 Minuten Pause blieben ihnen allenfalls 20 übrig.

Amazons Deutschland-Zentrale reagiert auf die Vorwürfe schriftlich. Die Schleusen würden im Rahmen des Sicherheitsprogramms eingesetzt. „Eine Aufgabe unseres Managements ist es, zu jeder Zeit für ein sicheres Arbeitsumfeld aller Mitarbeiter zu sorgen sowie das Unternehmen vor Schaden auch finanzieller Art zu schützen“, schreibt das Unternehmen, das derzeit in Graben rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt, nach eigenen Angaben die meisten mit langfristigen Verträgen. Die Suche nach befristeten für das Weihnachtsgeschäft hat bereits begonnen. Im vergangenen Jahr arbeiteten zur Hauptgeschäftszeit rund 3000 Personen im Logistikzentrum.

Amazon betont, dass bei der Einstellung darauf hingewiesen werde, dass in Zeiten mit erhöhtem Bestellaufkommen Überstunden oder Sonderschichten nötig sein können: „Für Überstunden erhalten Mitarbeiter einen Zuschlag, die zusätzlichen Stunden werden auf ein Zeitkonto gebucht.“ Aber auch hier gibt es Kritik. Mitarbeiter monieren, sie hätten keinen Lohn bekommen, andere klagen über fehlende Zuschläge. Mehrarbeit werde kurzfristig verordnet, der freie Tag gestrichen. Feiertage müssten am Samstag wieder hereingearbeitet werden. „Es traut sich doch keiner was zu sagen. Hier hat jeder Angst um seinen Arbeitsplatz“, sagt ein Mitarbeiter.

Die Arbeitsagentur spricht von einem Glücksfall für die Region

Für Reinhold Demel, Chef der Arbeitsagentur Augsburg, ist Amazon nach wie vor ein Glücksfall. „Ich bin froh, dass wir einen solchen Arbeitgeber in der Region haben, der auch Ungelernten und Langzeitarbeitslosen eine Chance gibt.“ Amazon verlange Leistung. „Aber es wird auch niemand gezwungen, bei diesem Arbeitgeber zu bleiben.“

So einfach sieht man das bei der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) nicht. „Die meisten sind befristet beschäftigt, sie haben eine schlechte Verhandlungsposition“, sagt Erwin Helmer, Leiter der Betriebsseelsorge und KAB-Präses. Er glaubt, ebenso wie Verdi, ein „System“ erkannt zu haben: „Amazon nutzt alle legalen Mittel aus – bis zum äußersten Rand.“ Für beide ist klar, dass in Graben ein Betriebsrat eingerichtet werden muss. Andernfalls, ist sich Betriebsseelsorger Helmer sicher, bleibe es bei den chaotischen Zuständen. Mitarbeiter berichten, derartige Pläne würden von der Werksleitung unterbunden.

In der Deutschland-Zentrale von Amazon betont man, die „aktive Kommunikation mit den Mitarbeitern“ sei entscheidend. Man habe in Graben ein Forum geschaffen, um den Dialog zwischen Beschäftigten und Management zu fördern.

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Ein Artikel von
Sonja Krell

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern

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