Montag, 23. Oktober 2017

19. Juni 2017 18:55 Uhr

Ulm

Er zahlt 11000 Euro Siegprämie an alle

Ernst Prost, Inhaber der Ulmer Öl-Firma Liqui Moly, war einst häufig im Fernsehen zu sehen. Dann zog sich der Unternehmer zurück. Jetzt erzählt er, woran das lag, und verrät, warum Arbeit für ihn wie eine Sucht ist. Von Oliver Helmstädter und Ronald Hinzpeter

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Ernst Prost
Foto: A. Kaya

Es war einmal eine Zeit, in der Ernst Prost fast jeden Abend Stammgast in deutschen Wohnzimmern war: als Hauptdarsteller eines einfach gestrickten Werbespots zur allerbesten Sendezeit. Sein Bekenntnis zu „Made in Germany“ und hohen sozialen Standards führte den Inhaber der Öl-Firma Liqui Moly außerdem als gefragten Gast in viele Polit-Talkshows der Republik. 2011 soll Prost der deutsche Unternehmer mit den meisten Fernsehauftritten gewesen sein.

Ein Jahr später war Schluss. Denn Prost bezeichnete in einer Rundmail, die der Stern veröffentlicht hat, einen unehrlichen Mitarbeiter als „jämmerlichen Spesenbetrüger“, was nicht so recht zu seinem Saubermann-Image passte. Interviews gab er seitdem nicht mehr. Für unsere Zeitung macht er eine Ausnahme.

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Der 60-Jährige redet nicht gerne über die Mails, die ihm Ärger einbrachten. Aber die darauf folgende öffentlich gewordene Kritik an seinen Führungsqualitäten sei nicht der Grund für seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit gewesen. Er habe nach Jahren im Rampenlicht schlicht keine Lust mehr auf Publicity gehabt, wie er sagt. Auch wenn es trotz allem Gegenwind weiter funktioniert hätte, so Prost. Jeder Werbespot hätte zu 300 zusätzlichen Mails am Tag geführt. Es sei schlichtweg zu viel geworden. Er setze sich stattdessen lieber auf sein „Moped“ und fahre auf der Schwäbischen Alb spazieren, bevor er wieder ein Fernsehstudio betrete. „Es gefällt nicht jedem, was ich sage. Damit kann ich leben.“

Nicht alle Begleiterscheinungen der Popularität sind erfreulich gewesen. Prost spricht von „vermeintlichem Ruhm“. „Rechtsradikale haben mir den Besuch mit Baseballschlägern versprochen.“ Eingetreten ist die unverhohlene Drohung glücklicherweise nicht. Doch sie hinterließ Spuren. „Ich wollte das einfach nicht mehr. Ich lebe jetzt viel ruhiger“, sagt Prost, der 2006 das Schloss Leipheim (Kreis Günzburg) gekauft und aufwendig saniert hat. Prost ist seitdem zwar Schlossherr, doch die Rollen des Showmans oder Politikers wolle er nicht spielen. Seine Aufgabe sei es, sich auf seinen Betrieb zu konzentrieren. Und der brummt: Seit 2007 verdoppelte sich der Umsatz auf 489 Millionen Euro, die Mitarbeiterzahl stieg von 400 auf 793. Jeder einzelne Mitarbeiter bekam im vergangenen Jahr 11000 Euro „Siegprämie“, wie er es nennt. „Das zahlt sich aus, das kommt zurück“, findet der Liqui-Moly-Chef. Seine Belohnung liege damit fast doppelt so hoch wie der Jahresbonus, den Daimler seinen Mitarbeitern zahlt. Was Prost schon irritierte Anrufe des Stuttgarter Konzerns eingebracht habe: „Da hatte ich die Burschen am Telefon.“

„Mitarbeiter“ hat Ernst Prost sowieso nicht, wie er stets betont. Sondern nur Mitunternehmer. Nachhaltige Unternehmensführung sei sein Credo und nicht zuletzt ein wichtiges Kaufkriterium. „Kaufst du beim kleinen Kapitalistenschweinchen? Nein.“ Das sei die Botschaft der Werbespots gewesen, die noch Gültigkeit habe. Und so kann sich Prost so richtig aufregen über „Starbucks-Fuzzis“, die jedes Steuerschlupfloch ausnutzen. Es sei eine „brutale Unterlassungssünde“ der Behörden, nicht zu verhindern, dass multinationale Konzerne Gewinne munter von einem Land ins andere verschieben und so versuchen, Steuern zu vermeiden. Kleine Handwerker und kleine Unternehmer hätten keine Chance, „so einen Mist zu machen“, die würden automatisch geschröpft, während die großen multinationalen Konzerne teilweise kaum Steuern zahlen.

Nur als „ein Risiko von vielen“ bezeichnet Prost den sich abzeichnenden Abschied des Verbrennungsmotors. „Mobilität wird bleiben“, sagt er. Und Fahrzeuge bräuchten immer Pflege und Schmierstoffe, auch wenn sie elektrisch betrieben werden. „Natürlich wird das Liqui-Moly-Sortiment 2030 anders aussehen als 2020“, sagt er. Aber das sei normal. Auch das Sortiment von 1980 sah anders aus als das von 2017. „Ich sehe das gelassen“, denn Liqui Moly investiere gut fünf Millionen Euro im Jahr in die Forschung und Entwicklung.

Noch mehr – und zwar zehn Millionen Euro – steckt die Ulmer Firma in Marketing. Nachdem die Fernsehspots zur besten Sendezeit der Vergangenheit angehören, setzt die Ölfirma vor allem auf Sport-Sponsoring. Ganzjährig ist das blau-weiß-rote Logo auf Rennautos und Trikots zu sehen. Liqui Moly sponsert die Ulmer Bundesliga-Basketballer oder den US-Eishockey-Klub Los Angelas Kings. „Es könnte auch ein russischer Eiskunstläufer sein“, sagt Prost. Egal, Hauptsache, die Marke wird bekannt gemacht.

Eine Marke, die zu zwei Dritteln vom Export lebt. Einer der größten Absatzmärkte sind die USA. Das Land nimmt aus Sicht von Prost als weltgrößter Automarkt eine Schlüsselrolle ein. Der Unternehmer plant dort mittelfristig den Bau oder Kauf einer Fabrik. Denn die Fertigungsanlage im Saarland der Tochterfirma Méguin, die Prost 2006 erworben hat, sei am Limit angekommen. Mitarbeiter in Deutschland müssten deswegen nicht bangen. „Ohne etwas zu verlagern“, solle der Schritt in die USA gelingen. Liqui Moly müsse da sein, „wo die Märkte sind“. Prost rechnet in etwa mit einer Investition von 20 Millionen Euro. Mit der protektionistischen Politik des US-Präsidenten Donald Trump habe dies nur sekundär zu tun. Auch wenn sich das Klima in den USA spürbar gewandelt habe, was auch die dortigen Liqui-Moly-Mitarbeiter spüren würden. „In den USA haben alle gerade die Hosen voll, weil sie in einem deutschen Laden arbeiten“, sagt Prost über seine Übersee-Präsenz. Der Trump-Slogan „America first“ würde sich bereits auf das Konsumverhalten der Amerikaner auswirken. Bisher aber nur vereinzelt. „Aber jeder Kauf ist ein emotionaler Akt.“

An Übernahme-Ambitionen seitens anderer Branchenriesen mangele es nicht: „Jeden Tag schmeiß ich die Angebote in den Papierkorb.“ Doch auch 100 Millionen Euro können Ernst Prost nicht locken. „Was soll ich damit?“ Für einen Großkonzern zu arbeiten ist für Prost genauso undenkbar wie der Ruhestand. Für einen geborenen Unternehmer wie ihn gleiche die Arbeit für einen Global Player einer „Kastration“. Zu lange seien die Entscheidungswege, zu mühsam die Abstimmung innerhalb der Firma.

Obwohl Prost 60 ist, denkt er nichts ans Aufhören. „Ich habe in meinem Leben nicht viel anderes gemacht.“ Liqui Moly sei für ihn wie eine Sucht: „Es macht Spaß, es ist geil.“ Doch seine Sucht sei im Gegensatz zu herkömmlichen Süchten sinnvoll. „Es kommt für andere etwas dabei rum.“ Nicht zuletzt durch seine wohltätige Stiftung, die der Leipheimer aus seinem Privatvermögen finanziert. Generell sei Liqui Moly unabhängig – sowohl von Banken als auch von ihm selbst. Für die Nach-Prost-Ära sei „alles geregelt“. Wie, sagt er nicht, doch die Firma funktioniere auch ohne ihn. Das „Offiziersteam auf dem Schiff namens Liqui Moly“ sei gut auf den Tag X vorbereitet.

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