Donnerstag, 25. Mai 2017

21. Mai 2017 10:33 Uhr

Ulm

Steinwurf auf der A7: Opfer leiden jeden Tag unter dem Unglück

Seitdem ein psychisch gestörter Mann einen Betonbrocken auf die A7 warf, ist in einer Familie aus Laupheim nichts mehr, wie es war. Wie es Serdal und Deniz Öztürk heute geht. Von Christian Gall und Dorina Pascher

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Serdal Öztürk lenkt sich ab, so gut er kann. Stück für Stück renoviert er den Bungalow, in den er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern einziehen wird. Der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest – vielleicht Ende Juni, wenn seine Frau endlich aus dem Krankenhaus entlassen wird. Der Vater schraubt Haltegriffe an die Wand, macht das Haus rollstuhlgerecht. Bei jedem Handgriff wird er daran erinnert, warum er das tut – weil heute vor genau 237 Tagen ein Fremder das Leben seiner Familie für immer verändert hat.

Die Öztürks fahren in einer Septembernacht des vergangenen Jahres über die A7, als bei Giengen an der Brenz ein Hindernis auftaucht – ein zwölf Kilogramm schwerer Betonpflasterstein, den der geistig verwirrte Jörg B. auf die Straße geworfen hat. Es kommt zum Unfall, das Auto überschlägt sich. Die Kinder der Öztürks, damals vier und sechs Jahre alt, werden leicht verletzt. Serdal Öztürk bricht sich Becken, Knie und Rippen.

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Am schlimmsten erwischt es seine Frau Deniz. Die heute 27-Jährige bricht sich Hals- und Brustwirbel, erleidet einen Schädelbasisbruch und Hirnblutungen. Ein Unterschenkel muss amputiert werden. Tagelang ist ungewiss, ob sie überleben wird.

Deniz Öztürk wird wohl dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen sein

Heute, 34 Wochen nach dem Unfall, liegt sie noch immer im Universitätsklinikum Ulm. Ihr Arzt, Yorck-Bernhard Kalke, hat den Fall seiner Patientin nun deutschlandweit unter Medizinern bekannt gemacht. Während der Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (Querschnittlähmung), die vier Tage lang in Ulm stattfand und heute endet, sprach er über die Behandlung seiner Patientin: „Am Anfang hatte sie kaum Gespür im Rumpf und den unteren Extremitäten“, sagt er.

Inzwischen habe Deniz Öztürk Fortschritte gemacht. Mithilfe einer Prothese und der Unterstützung von medizinischem Personal könne sie einige Meter weit gehen. Die Fortschritte sind aus seiner Sicht überaus bemerkenswert und der Grund dafür, warum er vor Kollegen über Deniz Öztürk spricht. Sie werde dennoch wohl dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen sein.

 

Darauf stellt sich die Familie aus Laupheim, einer Stadt 20 Kilometer von Neu-Ulm entfernt, nun ein – mit der Renovierung des Hauses. „Die Arbeit hilft mir“, sagt Serdal Öztürk. Manchmal vergesse er für kurze Zeit dabei sogar den Unfall. Ganz vergessen wird er ihn nie. „Der Grund für die Renovierung ist mir klar – ich tue das, weil meine Frau im Rollstuhl sitzt“, sagt er. Er sagt aber auch, dass die Renovierungsarbeiten seine Frau ablenkten.

Täter Jörg B. rief im Gerichtssaal: "Ich knall dich ab!"

Von ihrem Krankenbett aus wählt sie aus Katalogen Bodenbeläge und Möbelstücke für den Bungalow aus. An den Täter Jörg B., der im vergangenen Monat verurteilt und in eine Psychiatrie zwangseingewiesen wurde, verschwendet Serdal Öztürk kaum Gedanken. „Ich habe keinen Nerv für diesen Vollidioten.“ Dabei hatte der Täter ihn selbst noch im Gerichtssaal bedroht – Jörg B. rief ihm zu: „Ich knall dich ab!“

Den Bungalow, an dem Serdal Öztürk arbeitet, hat die Familie mithilfe von Spenden gekauft – 35.000 Euro sind zusammengekommen. Die Renovierung muss der Familienvater nicht alleine stemmen. Seine Eltern und Brüder helfen ihm, auch seine Kinder packen mit an: „Meistens spielen sie aber im Garten und springen über den Rasen, während wir innen arbeiten.“ Deniz Öztürk hingegen weiß nicht, ob sie jemals wieder mit ihren Kindern so draußen spielen kann. „Normalität wird es für uns nicht mehr geben. Nicht für meine Frau“, sagt Serdal Öztürk. Doch er und auch Yorck-Bernhard Kalke sind sich sicher, dass Deniz Öztürk nicht aufgeben wird. „Die Patientin ist eine taffe Frau“, sagt ihr Arzt.

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