Molières „Tartuffe“ wird in Augsburg zu einer Angelegenheit reiner Unterhaltung. Von Richard Mayr



Molières „Tartuffe“ ist in die Theaterliteratur eingegangen als der Erzheuchler schlechthin: Er predigt Wasser, trinkt den Wein der anderen und sehnt sich dabei nach Schnaps. Das alles geschieht unter der Tarnung eines gottgefälligen Lebens. Molière hat in seinem Stück einen zeitlosen Typus Mensch beschrieben, der sich bis in die jüngsten Tage und die allerhöchsten Ämter hinein findet. Gab es jüngst in Berlin nicht einen Minister, der im eigenen Ministerium beckmesserte, selbst aber seine Doktorarbeit abgeschrieben hatte? Gab es in Augsburg nicht einen frommen Bischof, der sonntags dem Land ins Gewissen sprach, dem es aber schwer fiel, sich an verteilte Prügel zu erinnern?
Es erscheint also nicht unangemessen, Molières bitterböse Komödie auch in Augsburg aufzuführen. Auf der Ersatzbühne im Textil- und Industriemuseum hat Sigrid Herzog einen unterhaltenden „Tartuffe“ inszeniert, in dem aber nicht recht benannt wird, worin die Tartüfferie Tartuffes besteht.
Mehr ein Schamane als ein Gottesmann
Tartuffe ist ein heuchlerischer Gottesmann, der den reichen Orgon bezirzt und ihn mit frommen Sprüchen um sein Vermögen prellt. Die Familie wird rasend dabei, weil sie den Heuchler durchschaut, dem Vater aber nicht rechtzeitig die Augen öffnen kann.
Herzog weigert sich in Augsburg, ein Thema für die Moral zu benennen. Tartuffe ist immer noch ein Gottesmann; durch die Kürzungen am Text fällt der heuchlerische Umgang mit den frommen Worten aber nicht mehr so stark ins Gewicht. Hinzu kommt, dass der Augsburger Tartuffe gegenüber Orgon mehr wie ein Erfolgscoach und Schamane auftritt, die Moral damit unwichtiger wird, und der Heuchler eher wie ein Betrüger erscheint.
Zudem wird Tartuffe in Augsburg die Heuchelei arg leicht gemacht. Bei Molière bezieht Orgons Frau Elmire eindeutig Stellung gegen ihn. Bei Herzog scheint es so, als ob es Elmire gelegen ist, dass Tartuffe sich in sie verliebt hat. Sie umgarnt ihn nämlich mit ihren Reizen, noch bevor er sich zu erkennen gibt.
Gegen Umdeutungen wie diese ist nichts einzuwenden – wenn sie durchdacht sind. Wenn nach besagter Szene der Sohn aber nur wütet, weil Tartuffe seiner Mutter an die Wäsche wollte, nicht aber, weil die Mutter bereitwillig mit ihrer Wäsche kokettiert hat, verpufft der Einfall, wird das Stück seiner ursprünglichen Aussage beraubt, ohne dass eine neue an die Leerstelle rückt, die das Ganze trägt.
Auch in weiteren Rollen sind heikle Unentschiedenheiten auszumachen. Die Zofe (Lucy Wirth), eine der stärksten Figuren bei Molière, weil sie sich den Mund von niemandem verbieten lässt und durch und durch praktisch veranlagt ist, wechselt teilweise innerhalb von Sekunden die Tonlage: erst ein Backfisch und die Unsicherheit in Person, dann frech, dann wieder verzagt. Man bekommt diese Dorine nicht richtig zu fassen.



Es ist fraglich, ob das Theater wirklich die Instanz zu sein hat, die Doppelmoral der Gesellschaft zu geißeln. Schließlich ist alles auf der Bühne bloß ein Spiel. Herzog allerdings unternimmt in ihrer Inszenierung nicht einmal den Versuch, mit dem Stück eine Aussage zu verbinden. Ihr Theater will nur unterhalten. Das jedenfalls gelingt ihr – schlussendlich vom Publikum stürmisch applaudiert.
Langeweile kommt auf der apfelgrünen, überlangen Chaiselongue, die das Bühnenbild dominiert, tatsächlich nicht auf. Immer wieder tanzen die in Grüntöne gekleideten Akteure (Bühne und Kostüme: Isabelle Kittnar) zu den Tangoklängen von Alexander Kuralionok miteinander, um raumgreifend Besitz von der Bühne zu nehmen. Das Liebesspiel von Elmire und Tartuffe, das zur Entlarvung des Heuchlers dienen soll, ist – abgesehen vom grundsätzlichen Einwand – witzig, zotig und in seiner temporeichen Choreografie auch noch geistreich, die gurrenden Liebenden bleiben einem im Gedächtnis.
Eiskalt selbst in der Hitze des Liebesgefechts
Drei Akteure vor allem beleben den Abend: Martin Herrmann als unbelehrbarer Orgon, der für Tartuffe nicht nur sprichwörtlich das letzte Hemd auszieht; eine verführerische und sinnliche Elmire von Judith Bohle; vor allem aber der durchtriebene und noch in der Hitze des Liebesgefechts eiskalte Tartuffe von Marcus Calvin.
Die Übersetzung des Stückes von Rainer Kohlmayer ist spritzig; an manchen Stellen sind Augsburger Ideen hinzugekommen. Vor allem das Ende folgt nicht mehr der überlieferten Version, in welcher der König wie ein Deus ex Machina den Tartuffe als Heuchler entlarvt. In Augsburg gibt es keinen König, nehmen die Betrogenen ihr Schicksal selbst in die Hand. Ein Schluss, der mit der Inszenierung nicht wirklich versöhnt.
Nur ein Tartuffe könnte ohne Schamesröte behaupten, dass es sich um einen rundweg gelungenen Abend gehandelt hat. Vom Erzheuchler war an diesem Abend kaum eine Spur zu sehen. Dafür löste sich zu viel in bloßem Wohlgefallen auf.
Nächste Termine am 29. November und am 4., 6., 11. und 15. Dezember.
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