Dienstag, 26. September 2017

06. Juli 2017 06:47 Uhr

Nationalsozialismus

Hitler lebte jahrelang bei einem Augsburger Juden

Der Massenmörder Adolf Hitler wohnte in München bei einem jüdischen Kaufmann zur Miete. Ein Historiker berichtet: Die beiden pflegten einen entspannten Umgang miteinander. Von Werner Reif

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Der deutsche Staatsterrorist Nr. 1 war ja angeblich privat gaaanz anders. Jedenfalls kein Unmensch, sagen manche: Babys tätschelte dieser Hitler hingebungsvoll die Wangen; Damen pflegte er per Handkuss zu begrüßen; seinen Sekretärinnen in der Reichskanzlei war er bis zum Ende im Bunker ein ewig charmierender Diktator. Keine Spur von ordinär. Auch sein Hund hatte es gut bei dem Staatsverbrecher mit dem „Psychopathengesicht“ (Historiker Joachim Fest), der eine weltgeschichtliche Vernichtungsorgie in Szene setzte. Und nun auch noch das: Die renommierten Münchner Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte haben einen weiteren Beitrag dazu geliefert, den Privatmann Adolf Hitler zu entdämonisieren. Er soll nämlich ein höflich-sympathischer Untermieter in München gewesen sein, der Miete und Telefonkosten stets im voraus bezahlte und mit dem sich auch im Treppenhaus manch friedliches Wort wechseln ließ.

Alles andere als welterschütternde Erkenntnisse, gewiss. Die eigentliche Pointe der Publikation ist denn auch eine ganz andere: Der Urheber der „Endlösung“ der Judenfrage war jahrelang Untermieter in einem Haus, das ausgerechnet einem aus Augsburg stammenden Juden gehörte. Und die beiden pflegten einen entspannten Umgang miteinander.

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In dem Artikel der Vierteljahreshefte geht es um das Gebäude Thierschstraße 41 im Münchner Stadtteil Lehel und um den Zeitraum von 1920 bis 1929. Also um die Münchner Anfänge des späteren „Führers“. Thema ist, wie der ehemalige Wiener Obdachlose über die Zwischenstufe des Kasernenbewohners zum zunächst bescheiden möblierten Herrn aufstieg.

Warum auf Hitler schon 1925 vier Autos zugelassen waren

Materiell dürfte der Kleinbürger mit Reitpeitsche (die er viele Jahre bei sich trug) schon um 1925 ausgesorgt gehabt haben. Es gab Honorare für sein Buch „Mein Kampf“ und für politische Vorträge. Bezeichnend, dass bereits um diese Zeit vier Autos auf den NSDAP–Chef zugelassen waren. Er konnte sich auch Chauffeur und Privatsekretär leisten.

Der schriftstellernde Politiker war, nachdem er auf dem Lechfeld bei einigen propagandistischen Gehversuchen die öffentliche Wirkung seiner Besessenheit erprobt hatte, vom Heer am 31. März 1920 aus dessen Diensten entlassen worden. Bis dahin hatte Hitler freie Unterkunft und Verpflegung und einen um Zulagen erhöhten Sold genossen.

Am 1. Mai 1920 verließ er die Kaserne und bezog an der Thierschstrasse 41 eine Wohnung im ersten Stock: ein Zimmer, abgetretenes Linoleum, fadenscheinige kleine Teppiche, nicht üppig möbliert. Es war eine Bleibe mit Familienanschluss und Frühstück; sie war ihm vom Wohnungsamt zugewiesen worden. Als sich sein parteipolitisches Engagement zur Bewegung ausweitete, mietete er einen zweiten Raum. Schließlich brauchte er auch ein „Vorzimmer“ für die zahlreicher werdenden völkischen Wallfahrer.

Im Zentrum dieses merkwürdigen Mikrokosmos stand also ein Weltkriegs-Gefreiter und führender Antisemit, und ein Stockwerk über ihm wohnte der jüdische Hausherr, der aus Augsburg stammende Kaufmann Hugo Erlanger, Jahrgang 1881.

Der Vater Erlangers hatte in Augsburg mit Woll-, Weiß- und Kurzwaren gehandelt. Der Sohn besuchte nach der Volksschule vier Jahre das Humanistische Gymnasium St. Stephan und wechselte dann auf ein Realgymnasium, das er nach drei Jahren verließ. Im Ersten Weltkrieg war der Kriegsfreiwillige zum 4. Chevauleger-Regiment in Augsburg kommandiert und kurz vor Kriegsende noch zum Leutnant der Reserve ernannt worden. Obwohl ein Teil des Offizierskorps der Einheit dagegen war, einen Juden in diesen Rang zu befördern. Nach 1918 eröffnete Hugo Erlanger im Erdgeschoss der Thierschstraße ein Herrenbekleidungsgeschäft. Schon vor der Weltwirtschaftskrise 1929 geriet er jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, wie der Verfasser des Beitrags in den „Vierteljahresheften“, Paul Hoser, recherchierte.

Hitler störte es offenbar überhaupt nicht, im Haus eines Juden zu wohnen

Nach Darstellung des freien Historikers störte es den Ober-Nazi mitnichten, im Hause eines Juden zu wohnen. Freimütig bekannte Erlanger nach 1945: „Da ich Jude bin, habe ich mich so wenig wie möglich um die Aktivitäten meines Hausbewohners gekümmert. Ich muss zugeben, dass ich Hitler ganz sympathisch fand. Ich begegnete ihm oft auf der Treppe oder am Eingang – und üblicherweise wechselte er mit mir recht freundlich einige unverbindliche Worte. Er gab mir nie das Gefühl, dass er mich anders als andere Leute betrachtete.“

Im Dritten Reich wurde das Haus in München Teil des „Führerkults“. Die Stadt hatte es von Erlanger nach einer „Zwangsversteigerung“ übernommen und unter Denkmalschutz gestellt. Sein früherer Eigentümer kam kurzzeitig ins KZ Dachau und musste später teilweise unter erniedrigenden Umständen Zwangsarbeit leisten. Dass Erlanger mit einer Nicht-Jüdin verheiratet war, bewahrte ihn vor einer Deportation.

„Sein“ Haus Thierschstraße 41 wurde im Krieg von Bomben erheblich beschädigt. Außerdem war es noch durch Hypotheken belastet. So gestaltete sich nach 1945 die Rückgabe der Immobilie an den gebürtigen Augsburger, der 1964 im Alter von 83 Jahren starb, äußerst zäh.

Der bürokratische Hickhack mit der Stadt München zog sich jedenfalls so grotesk lange hin, dass es für Hugo Erlanger problematischer gewesen sein dürfte, seinen Besitz zurückzuerhalten, als zuvor unter einem Dach mit dem Mann mit der Peitsche gelebt zu haben.

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