Donnerstag, 25. August 2016

21. Februar 2016 13:28 Uhr

Allgäu

Hitlergruß und Fackeln: Im Allgäu marschieren 150 Asylgegner auf

Fackeln, Fahnen und Hitlergruß: Radikale Kritiker der deutschen Flüchtlingspolitik und Rechtsextremisten demonstrieren am Samstagabend unangemeldet auf dem Obergünzburger Marktplatz. Von Dirk Ambrosch

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Rund 150 Asyl-Kritiker und Mitglieder der rechten Szene haben sich am Samstagabend in Obergünzburg (Ostallgäu) zu einer Kundgebung versammelt. Bereits seit Anfang Februar war in sozialen Netzwerken – beispielsweise in den offenbar NPD-nahen „STOPP“-Gruppen – der Aufruf zu einer sogenannten ALLGIDA-Versammlung (Allgäuer gegen Islamisierung des Abendlandes) verbreitet worden. In der Ostallgäuer Marktgemeinde war die Information bekannt, offiziell wurde allerdings keine Versammlung angemeldet. Daher ermittelt die Polizei nun wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz. Die Initiatoren hatten angekündigt, sich „still und friedlich“ versammeln zu wollen, um unter anderem gegen die Politik der Bundesregierung zu demonstrieren.

Gegen 18.30 Uhr auf dem Marktplatz. Bürgermeister Lars Leveringhaus beobachtet, wie einzelne Grüppchen zusammenkommen. Schnell wächst die Menge an. Um 19 Uhr sind es etwa 100 Demonstranten – überwiegend Männer, viele in Kapuzenpullis und Lederjacken, teils tragen sie Militärhosen, einige wenige sind vermummt. Fackeln werden entzündet, Deutschlandfahnen in die Höhe gereckt. Ihnen gegenüber, in etwa zehn Meter Entfernung, hat sich eine Gruppe von Gegendemonstranten versammelt – auch sie haben über soziale Netzwerke von der Versammlung erfahren. Die meisten von ihnen kommen aus Obergünzburg und der näheren Umgebung. Sie sind teils in Asyl-Helferkreisen engagiert und halten Banner in Händen: „Gegen Nazis und ihre Umtriebe.“ Zwischen den Lagern zwei Polizisten.

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Die Demonstranten werden mehr, die Polizei hat Verstärkung angefordert. Insgesamt waren nach Angaben des Polizeipräsidiums in Kempten 60 Beamte im Einsatz. Später werden die Verantwortlichen einräumen, von der Demonstration überrascht worden zu sein. Weil sich die Hinweise „nicht verdichteten“, war man davon ausgegangen, dass die Versammlung nicht stattfindet, wie es von der Polizei noch Ende vergangener Woche hieß.

Hier und da wird ein Arm zum Hitlergruß gereckt

Etwa eine Viertelstunde stehen sich die Gruppen gegenüber. Dann skandieren die Asylgegner unter anderem Parolen, wie „Wir sind das Volk“, „Merkel muss weg“, „Es gibt kein Recht auf Volksverrat“ und „AfD“. Hier und da wird ein Arm zum Hitlergruß gereckt. Die Gegenseite antwortet mit „Nazis raus“. Bürgermeister Lars Leve-ringhaus stellt sich den nun rund 150 Demonstranten entgegen. Er wird aggressiv angegangen und beleidigt. Sein Gesprächsangebot wird gekontert mit „Wir wollen nicht mit dir reden“. Etwa ein Dutzend Polizisten trennen jetzt die Gruppen. Es bleibt daher bei Sprechchören, Provokationen, Wortgefechten und Beleidigungen. Um kurz nach 20 Uhr verlassen die Asylgegner den Marktplatz. Wohin, ist nicht ganz klar. Die Polizei lässt Streife fahren und schickt auch einen Wagen zur Asylunterkunft in Obergünzburg.

Gegen 20.45 Uhr ist der Marktplatz wieder menschenleer. Bürgermeister Leveringhaus ist anzumerken, wie emotional aufgewühlt er noch ist. Er sei vor allem „unheimlich enttäuscht“ darüber, dass für solch eine Versammlung ausgerechnet seine Gemeinde ausgewählt wurde. „Wo sich gerade hier so viele Menschen Mühe geben mit der Unterbringung und bei Integration von Flüchtlingen“, sagt Leveringhaus. Als eine der ersten Gemeinden im Ostallgäu begann Obergünzburg etwa mit dem Bau einer gemeindeeigenen Flüchtlingsunterkunft mit Platz für 74 Asylbewerber.

Bereits wenige Minuten nach der rechtsgerichteten Demonstration zieht Leveringhaus eine Konsequenz: Das gesellschaftliche Engagement für Flüchtlinge soll in der Gemeinde verstärkt werden. „Jetzt erst recht!“, sagt der Bürgermeister.

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