Mittwoch, 17. Januar 2018

31. Oktober 2011 00:12 Uhr

Schicksalsschlag

Das Leben geht weiter. Vergessen ist ausgeschlossen.

Ein Vater erzählt vier Jahre nach dem Tod seines kleinen Sohnes von seinen Gefühlen, Gedanken und wie sich sein Leben verändert hat. Hilfe fand er beim Roten Kreuz. Von Sandra Kraus

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Ein Mensch stirbt. Ein Kind. Von diesem Moment an ist nichts mehr so, wie es war. Ein Vater will jetzt mehr als vier Jahre nach dem Tod seines kleinen Sohnes darüber reden, wie es war, damals, als er in der Arbeit den Anruf erhielt: „Tobi atmet nicht mehr.“ Wie er sofort nach Hause eilte und wie ferngesteuert mit einem Arzt aus der Nachbarschaft mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnt, seinem Sohn nicht mehr von der Seite weicht. Einen Beatmungsbeutel haben sie daheim, seit der Kleine als Frühchen aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Rettungssanitäter und Notärzte kamen dazu. Helfen konnten sie nicht mehr. Irgendwann bittet der Vater: „Lasst uns aufhören.“ Die Reanimationsversuche werden beendet.

Die Kräfte des Kriseninterventionsdienstes (KID) des Roten Kreuzes übernehmen. Sie haben Zeit für die Betroffenen nach schockierenden Ereignissen, sind für Gespräche da. Sie haben Erfahrung im Umgang mit dem Tod. Der ist ganz natürlich. Einmal im Monat treffen sie sich, um über ihre Einsätze zu reden. Und zu solch einem Treffen kommt Manfred A. (Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert), um Rückschau zu halten, ob das KID-Team helfen konnte, was besser hätte sein können.

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Andrea Berchtold, Leiterin und Initiatorin des KID im Raum Günzburg vor fünf Jahren, war damals selbst dabei, erinnert sich an die Verabschiedung der Eltern und Großeltern vom verstorbenen Kleinkind, auf die das KID-Team viel Wert legt. Das erleichtere die Trauerarbeit. Der Vater des Kindes nickt zustimmend. Entgegen dem Rat des Bestatters verabschiedeten sich die Eltern vor der Beerdigung noch ein zweites Mal.

Man lerne seine wahren Freunde kennen

Nicht geholfen haben dagegen die wohlgemeinten Standardsätze von Bekannten, wie „Das wird schon wieder“ oder „Ihr seid ja noch jung und könnt noch weitere Kinder bekommen“. Man lerne seine wahren Freunde kennen. Nicht gut kommt bei der Rückschau die Kriminalpolizei weg. Äußerst ruppig seien stundenlange Verhöre geführt, das Kinderzimmer mehr oder weniger auseinandergenommen, ein Milchfläschchen mit Nahrungsresten ungefragt mitgenommen worden. Tage später nach der Obduktion, die nicht den vermuteten plötzlichen Kindstod, sondern einen schweren Infekt für das vorbelastete ehemalige Frühchen ergab, entschuldigte sich die Kripo, gab vor, sich durch geschäftsmäßige Routine selbst schützen zu müssen.

Auch der Klatsch und Tratsch im Ort machte der Familie zu schaffen. Kein Wunder, wenn drei Rettungswagen und vier Polizeiautos im Hof stehen. In kürzester Zeit waren unwahre Schuldgerüchte im Umlauf. „Ihr bringt’s den Tod mit“, mussten sich die verwaisten Eltern sagen lassen. In den ersten Wochen stürzte sich Manfred A. in seine Arbeit, fraß den Kummer in sich hinein, ein körperlicher Zusammenbruch ließ ihn umdenken, er sucht seither das Gespräch. Anderes hat sich ebenfalls geändert. Die Ehe zerbrach. „Männer und Frauen trauern unterschiedlich“, führt er an. Andrea Berchtold bestätigt: „80 Prozent der Paare, die ein Kind durch plötzlichen Kindstod verlieren, trennen sich laut Statistik.“

Im Fahrdienst des Roten Kreuzes hilft er nun anderen.

Eine Kündigung nur wenige Wochen nach dem Todesfall leitete eine berufliche Neuorientierung ein. Im Fahrdienst des Roten Kreuzes hilft Manfred A. nun anderen. Kürzlich transportierte er ein Frühchen im Wärmebettchen – ein schönes Gefühl. Wird es doch leichter mit den Jahren, mit solch einem Schicksalsschlag umzugehen. „Nützt die Trauerkarte etwas, die das KID-Team nach dem Einsatz dagelassen hat?“, will Andrea Berchtold wissen. „Auf jeden Fall, sie stand lange umringt von Kuscheltieren im Wohnzimmer.“ Dabei erinnert sich Berchtold noch genau an ihre eigenen hemmenden Gefühle, den Auslöser der Polaroidkamera abzudrücken.

Im Fokus ist das gerade gestorbene, gut ein Jahr alte Kind. Einen Fußabdruck fertigte sie damals auch noch an. „Solche handfesten Erinnerungen helfen den Trauernden, auch wenn sie im Moment manchmal schockiert sind“, weiß das KID-Team im Landkreis Günzburg. Der Vater nickt.

Eine passende Trauer-Selbsthilfegruppe fand sich nicht. Anstelle professioneller Beratung suchte sich Manfred A. seine Gesprächspartner lieber selber aus. Reine Gefühlssache seien seine Friedhofsbesuche: „Immer nachts, da habe ich meine Ruhe. Zum Glück ist da auch offen.“ Das Leben geht weiter. Vergessen ist ausgeschlossen.

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