Samstag, 16. Dezember 2017

07. Dezember 2017 06:53 Uhr

Gundremmingen

Der Countdown für die Abschaltung von Block B läuft

Silvester wird ein historischer Tag: Block B des Atomkraftwerks Gundremmingen geht vom Netz. Und der Chef in Rente. In der Schaltzentrale wird mit einem Kollegen-Andrang gerechnet.

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Wenn man so will, ist das Atomkraftwerk (AKW) in Gundremmingen ein Familienbetrieb. Es gibt nicht wenige Väter und Mütter hier, deren Söhne und Töchter ebenfalls in der Anlage arbeiten. So war Tobias Feils Vater Ernst einer derjenigen, die Block B am 9. März 1984 in Betrieb nahmen. Er ist heute im Ruhestand, aber der Sohn wird am 31. Dezember ebenfalls bei einem historischen Ereignis dabei sein: der Abschaltung des Blocks. Der 36-jährige Reaktorfahrer empfindet Wehmut, aber für ihn wird es erst einmal im benachbarten Block C weitergehen. Dessen Betrieb endet erst vier Jahre später.

Was danach sein wird, beschäftigt ihn noch nicht. „Ich mache mir keine großen Sorgen, bei Ledvance in Augsburg geht es jetzt schneller zu Ende.“ Denn weil der Rückbau des Kraftwerks noch Jahrzehnte dauert, „sehe ich das hier als sicheren Arbeitsplatz“. Auch künftig wird die Überwachung der Anlagen über die Warte, also die Schaltzentrale, laufen, wo er sitzt. Seit 2008 ist Feil im Betrieb, er war in der letzten Ausbildungsgruppe für Reaktorfahrer. Am 31. Dezember wird er in der Schicht auf der Warte sein, die Block B herunterfährt.

An diesem Tag endet aber nicht nur für die Anlage die Arbeitszeit. Auch ihr Chef verabschiedet sich in den Ruhestand. Siegfried Offner ist seit 1981 im Kraftwerk, seit 2005 ist er der Leiter des Blocks. Der Elektroingenieur kennt hier alles in- und auswendig, auch den längst abgeschalteten Block A, wo er als Schüler in den Ferien im Lager arbeitete. Der lief bis zu einem Störfall 1977 und wird seit 1983 zurückgebaut. Heute dient das Gebäude als Technologiezentrum und wird auch für den Abbau der restlichen Anlage von Bedeutung sein. An Silvester werden nicht nur die mindestens sieben Mitarbeiter der Schicht, sondern auch die Führungsriege und noch weitere Kollegen auf der Warte dabei sein. Platz gibt es für gut 50. Der wird wohl auch gebraucht. Die Öffentlichkeit aber bleibt draußen.

Mittags geht der Block vom Netz

Gegen 8 Uhr beginnen die Vorbereitungen, mittags wird der Block dann vom Netz genommen. Dafür wird die Leistung reduziert, die ohnehin schon seit einiger Zeit kontinuierlich verringert wird. Die Megawatt-Anzeige im Infozentrum des Kernkraftwerks ist inzwischen bereits unter die 1000er-Marke gesunken. Dann wird die Turbine abgeschaltet, die Steuerstäbe werden zur Leistungsreduktion eingefahren und schließlich ein Knopf gedrückt, um auch die letzten Steuerstäbe einzufahren. „Dann ist es aus.“

Letztlich ist es dasselbe Prozedere wie bei der Revision, der regelmäßigen Wartung. Bloß wird die Anlage nun in diesem Ruhezustand bleiben und nicht wieder ans Netz gehen. Wer denkt, dass es zu diesem Anlass einen kleinen Abschieds-Sekt-Umtrunk unterm Weihnachtsbaum auf der Warte geben wird, der irrt. „Alkohol ist bei uns strikt tabu.“ Und auch für Saft neben den Bedienpulten mit ihren vielen Anzeigen und Knöpfen ist wohl keine Zeit, der übrige Betrieb geht schließlich normal weiter. Für Offner aber beginnt am Ende des Arbeitstags der Ruhestand. Und er sieht es wie viele seiner Kollegen nüchtern, dass sein jahrzehntelanger Arbeitsplatz verschwinden wird. „Seit 1984 haben wir hier sehr sicher und wirtschaftlich Strom produziert, jetzt leisten wir dem Atomgesetz Folge.“

Zwar könnten die Anlagen problemlos weiter Energie erzeugen, sagt der 59-Jährige, „aber es hilft ja nichts“. Was er damals dachte, als der Atomausstieg nach dem Unglück im japanischen Fukushima 2011 beschlossen wurde, will er lieber nicht sagen. Aber, dass die Sicherheit des Kraftwerks Gundremmingen von den Grünen, einer Bürgerinitiative und weiteren Kritikern immer wieder infrage gestellt wird, ärgert ihn. „Denn ich weiß, was die Anlage kann und wie sicher sie ist. Was die Kritiker verbreiten, sind nichts als Unwahrheiten.“ Ob aus dem Gelände ein Industriepark oder eine grüne Wiese wird, sieht er leidenschaftslos, auch wenn er ein Gundremminger ist.

Die Wege müssen erst einmal frei gemacht werden

Die Vorbereitungen für den 31. Dezember sind bereits abgeschlossen. Nun geht es um die Zeit danach. Für zwei Monate werden die Brennelemente im Reaktor bleiben, acht Castorbehälter werden beladen, um Platz für die Rückbauarbeiten zu schaffen. Die Wege werden frei gemacht, Zwischenwände und schwere Betonriegel entfernt. Bis alle Brennelemente ins Zwischenlager am Standort gebracht sind, werden um die fünf Jahre vergehen. Das Technologiezentrum wird voll ausgelastet; wenn die Kapazitäten erschöpft sind, wird auch Block B für den Rückbau umgerüstet.

Mit dem 31. Dezember wird hier die Generatortechnik überflüssig. Denn die ist nur für die Stromerzeugung da. „Sie wird zuerst zurückgebaut“, sagt Produktionsleiter Gerhard Hackel. Wenn sie abgeschaltet ist, wird es auch merklich kühler und leiser im Maschinenhaus. Dort ist es jetzt noch so heiß und laut, dass ohne Gehörschutz keiner rein darf. Generator, Turbine und Gehäuse abzubauen wird zwei bis drei Jahre dauern. Ob alles einzeln zerlegt oder in recht kompakte Stücke zerschnitten wird, muss noch geklärt werden. Im Gegensatz zu manchen Kollegen im gleichen Alter wird der 58-jährige Maschinenbauingenieur Hackel noch nicht in den Ruhestand gehen. Auch er kennt die Anlage seit Jahrzehnten, seit dem 11. November 1982 ist er im Kraftwerk. Er will auf jeden Fall noch Block C mit außer Betrieb nehmen.

Unklar ist, wann der Block-Rückbau genehmigt wird. Die Betreiber wünschen sich, dass es zur Abschaltung soweit ist. Doch ein Sprecher des Bayerischen Umweltministeriums erklärt, dass die Antragsunterlagen von Behörde und Gutachter noch geprüft werden. „Genauigkeit geht hier vor Schnelligkeit.“ Auch der Bund kann sich beteiligen. Noch ungewisser ist, ob RWE den Zuschlag fürs geplante Reservegaskraftwerk am heutigen Betriebsgelände bekommen wird. Oder ob ihn die Konkurrenz der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm für eine Fläche auf dem ehemaligen Leipheimer Fliegerhorst am anderen Ende des Landkreises erhält. Oder ob es irgendwo ganz anders in Süddeutschland angesiedelt wird. Es ist noch nicht einmal klar, wann die Ausschreibung kommt. Hackel würde sich freuen, wenn zumindest ein paar hoch qualifizierte Arbeitsplätze am Standort erhalten blieben. Mehr als 50 werden es aber wohl auf keinen Fall sein, also kein Vergleich zu den mehreren hundert Stellen im bisherigen Kernkraftwerk.

Im Umspannwerk bereitet man sich auf die Block-Abschaltung vor

Involviert ist hier in Zusammenarbeit mit dem Bund der Netzbetreiber Amprion, der dafür sorgen muss, dass die Netze nach einem Ausfall in kürzester Zeit wieder stabilisiert werden. Es ist ein langwieriges Projekt. Zwar hält RWE noch 25,1 Prozent am Unternehmen, aber direkt zu tun haben sie nichts mehr miteinander, betont Amprion-Sprecherin Solveig Wright. Die Umspannanlage am AKW wurde einst zwar extra für dieses gebaut. „Wenn es weg ist, bleiben wir aber, wir sind nicht mehr abhängig. Und die Anlage ist für die Stromversorgung in der Region wichtig.“ Es gebe auch keine Absprachen mit RWE zum Gaskraftwerk-Projekt. Insgesamt 15 Mitarbeiter sind im Umspannwerk tätig, das offiziell den Namen Gundelfingen trägt. Der Stromtransport ist die Aufgabe, und das wird sich auch mit der Abschaltung nebenan nicht ändern. Die Mitarbeiter bereiten sich aber schon auf das Ende der dortigen Stromproduktion vor und auch auf die Einspeisung von noch mehr erneuerbarer Energie.

Denn wenn die konventionellen Kraftwerke abgeschaltet sind, wird etwas Wichtiges für die Stabilität fehlen: die Blindleistung. Sie wird für den Aufbau der Spannung benötigt. Um sie zu kompensieren, wurde die Anlage umgebaut. Ein neuer Teil steht schon bereit, um die Abschaltung von Block B auszugleichen. Wie im Kraftwerk macht man sich auch hier keine Sorgen um die Zukunft der Arbeitsplätze, es wird auch weiter ausgebildet. Allerdings werden dringend Elektroniker gesucht, denn solch klassische Handwerkerberufe seien immer weniger gefragt bei den angehenden Azubis. Viele wollen eben am liebsten etwas mit dem Computer machen – dabei ist die Arbeit im Umspannwerk von der Digitalisierung geprägt.

Kritiker sehen die Sicherheit im Kraftwerk skeptisch

Dass klassische Kraftwerke abgeschaltet werden, bedeutet für Amprion übrigens mehr Arbeit, um das Netz stabil zu halten. „Wir müssen öfter eingreifen als früher“, sagt Wright. Einst wurden Kraftwerke auf Standorte verteilt, in deren Region viel produziert und somit viel Energie gebraucht wurde. „Heute richtet sich der Standort danach, wo Ressourcen für die erneuerbaren Energien sind. Der Strom muss weiter transportiert werden. Dafür ist das Netz nicht ausgelegt gewesen und muss umgebaut werden.“

Ob das mit der Netzstabilität funktionieren wird, macht gerade Unternehmen Sorgen. Atomkraftkritiker sind zudem skeptisch, was die Sicherheit des AKW kurz vor und in der Zeit nach der Abschaltung angeht. Sie fürchten, dass weniger qualifiziertes Personal eingesetzt wird, der Schlendrian einzieht und sich somit Unfälle häufen – was die Betreiber zurückweisen. Aber auch die gemeinnützige Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die vor allem vom Bund als Sachverständiger beauftragt wird, sieht hier keine Gefahr. Es gebe keine Hinweise, dass in den deutschen Atomkraftwerken „eine konkrete Beeinträchtigung der Sicherheit aufgrund eines Motivations- oder Know-how-Verlusts gegeben ist“, erklärt ein Sprecher. Ebenso wenig sei ein Zusammenhang zwischen der Restlaufzeit der Kernkraftwerke und der Anzahl der meldepflichtigen Ereignisse zu erkennen – was Kritiker ebenfalls anders sehen.

In Gundremmingen, betonen die Betreiber, ist man sich bewusst, dass die Verantwortung nicht mit dem Abschalten von Block B endet. Und auch nicht mit Block C. Sie bleibt, bis alles zurückgebaut ist.

Lesen Sie hier unsere Serie zum Rückbau des Atomkraftwerks Gundremmingen.

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