Montag, 11. Dezember 2017

31. Oktober 2014 00:32 Uhr

Allerheiligen

Lifestyle am Grabesrand

Romantische Grabsteine, Urnen als Fußball: So wandelt sich die Bestattungskultur Von Stefanie Graf

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Der Tod ist auch nicht mehr das, was er mal war. Der moderne Mensch hat sich nämlich einen neuen Umgang mit den letzten Dingen angewöhnt und „bringt ganz schön Unruhe in das normalerweise finale Thema Tod“, findet Bestattermeister Daniel Streidt aus Illertissen. „Da gibt es jede Menge vorgefertigte Vorstellungen, wie die Sache zu laufen hat.“

Wo früher ganz klar vorgegeben war, was laut Tradition bei einem Sterbefall zu geschehen hat, sind jetzt „zementierte Regeln für den Umgang mit dem Tod im Abbau begriffen“, wie es Daniel Streidt ausdrückt. Angehörige denken im Angesicht des Todes zukunftsorientiert und planen finanziell rentabel. „Eine Feuerbestattung ist eben schon kostengünstiger auf längere Frist als eine Erdbestattung“, sagt Streidt.

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Zusätzlich gehen die Menschen deutlich unkonventioneller als früher an alle mit dem Tod verbundenen Themen heran, wie es auch Steinmetzmeister Harald Stölzle aus Altenstadt bestätigt: „Wo früher christliche Symbole auf dem rechteckigen Grabstein selbstverständlich ihren Platz fanden, geht es jetzt eindeutig um den Bezug zur Person.“ Ganz automatisch hat man über Generationen das bewährte Kreuzsymbol gewählt und bei jedem neu verstorbenen Familienmitglied einen Namen dazugeschrieben. Heute glitzern stattdessen Strasssteinchen im Morgenlicht und es fliegt ein Engelchen über die Grabstele.

Vom Trend zur Individualisierung weiß Daniel Streidt ebenfalls und betont, dass die Leute eben jetzt „offener und freier denken und handeln“. Teils handle es sich aber auch um Orientierungslosigkeit.

Fest steht, dass die alternativen Bestattungsarten langsam und stetig zunehmen. Nur in ausgesprochen ländlichen Regionen ist immer noch die Erdbestattung das Mittel der Wahl. Im Raum Illertissen sind aber nach Schätzungen von Streidt bereits 65 Prozent aller Beerdigungen Feuerbestattungen, erklärt Streidt. „Das spiegelt definitiv wider, dass sich unsere Gesellschaft verändert.“

Allerdings regiert bei Bestattungen nicht immer der Geldbeutel – das kann Hans Strobel von der gleichnamigen Gärtnerei in Illertissen bestätigen. Bei Dekoration und Beiwerk hört nämlich endgültig das Sparen auf: „Wer die Grabstätte seiner Angehörigen pflegt und darauf achtet, scheut keine Kosten für die Gestaltung.“ Gerade kurz vor Allerheiligen kommen wieder viele Leute in die Gärtnereien, um den passenden Schmuck für das Grab zu erwerben. „Immer stärker merkt man, dass die Leute auch zu den Naturmaterialien tendieren – gefärbte Blumen oder große Prachtblüten brauche ich kaum mehr“, erklärt Hans Strobel.

Zurück zur Natur ist auch im Bestattungswesen der Trend: Laut Daniel Streidt, dessen Vater als Präsident des Bundesverbandes der Bestatter den besten Überblick hat, werden Bestattungsformen favorisiert, die in der Natur und außerhalb von festgelegten Räumen stattfinden. So zum Beispiel die Ballonbestattung, bei der die Asche etwa über den Alpen oder den Schweizer Gebirgen verstreut wird.

Auch wünschen sich nach Einschätzung von Streidt etwa zwei Prozent aus der Region eine Seebestattung, die nach dem Bestattungsgesetz aber nur in größeren Gewässern erlaubt ist. Im Millionenbereich bewegt sich dann die Investition für den Schuss der Urne in den Weltraum. Immerhin drei Prozent von Streidts Kunden lassen die Asche des Angehörigen zum Diamanten pressen, was maximal 6500 Euro kosten kann. Vielen erscheint das stilvoller als ein Erdgrab und vor allem ist es „ein sehr schönes und edles Erinnerungsstück“, wie der Bestattermeister selbst betont.

Wie sich die Gesellschaft verändert, so wandelt sich langsam aber sicher auch die Spiritualität und Fragen der Konfession werden nicht mehr so eng gesehen. „Die Pfarrer bestatten auch Bürger, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören“, sagt Streidt. Auch Harald Stölzle weiß aus Erfahrung, dass zum Beispiel auch für Muslime auf den Friedhöfen Lösungen gesucht werden, denn der Friedhof soll eine Begegnungsstätte sein – das zeigt sich in der Neugestaltung von vielen Anlagen hierzulande.

Nicht nur über der Erde, sondern auch unter der Erde ändert sich einiges: So bevorzugen manche Angehörige für den Verstorbenen das Öko-Totenhemd, andere wiederum wünschen die Urne aus dem Korpus eines Musikinstrumentes. Manche nehmen auch ihr Hobby mit ins Grab – und ruhen in einer Fußball-Urne oder sie kaufen einen Spezialsarg mit dem Wappen des Lieblings-Fußballvereins.

Harald Stölzle erzählt von einem Imker, für den „durften wir einen Grabstein in Bienenwabenform gestalten“. Egal wie ausgefallen die Wünsche sind: „Bei all dem ist aber Würde und Echtheit das Wichtigste“, sagt Streidt – und das ist endgültig gemeint.

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