Mittwoch, 13. Dezember 2017

23. April 2013 07:18 Uhr

Mindelheim

Jehova-Aussteigerin: „Ich habe Leuten 60 Jahre einen Unsinn erzählt“

Barbara Kohout war die meiste Zeit ihres Lebens Zeugin Jehovas. Die Aussteigerin erzählt von ihren Erfahrungen. Sie spricht von Diktatur und Heuchelei - und warnt. Von Melanie Hofmann

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Barbara Kohout (74) war 60 Jahre Zeugin Jehovas. Nun hält die Aussteigerin aus Augsburg Vorträge und warnt.
Foto: Anne Wall

Barbara Kohout (74) war 60 Jahre Zeugin Jehovas. Nun hält die Aussteigerin aus Augsburg Vorträge, vor Kurzem auch in Mindelheim. Wir sprachen danach mit ihr.

Die meisten Menschen haben zu Zeugen Jehovas Kontakt, wenn diese bei ihnen klingeln oder wenn sie sie auf der Straße sehen. Wie sollte man auf die Zeugen Jehovas reagieren?

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Kohout: Ich kann jemandem, der nicht bibelfest ist, nur raten, sich nicht mit ihnen einzulassen, sondern nur freundlich „Nein, danke“ zu sagen. Die Zeugen denken, dass sie die Wahrheit wissen, Gegenargumente empfinden sie als Lüge. Sie sind geschult, auf emotionale Bedürfnisse zu achten und dann Hilfe anzubieten: bei Todesfällen, Scheidung oder Arbeitsplatzverlust, zum Beispiel.

Wozu stehen die Zeugen Jehovas überhaupt in den Straßen?

Kohout: Angefangen hat es damit, dass enthusiastische Bibelforscher Werbung für ihre Idee machen wollten. Inzwischen ist der Straßendienst obsolet und wird meiner Meinung nach nur von denen gemacht, die sich nicht umstellen können. Die offizielle Anweisung lautet inzwischen, durch die Straßen zu gehen, in Parks und Geschäfte, dort Leute anzusprechen und in ein Gespräch zu verwickeln, also Face-to-Face-Marketing. Viele schaffen es nicht, andere anzusprechen und zu sagen: „Ich habe die Wahrheit und du bist auf dem falschen Dampfer.“ Darum machen sie Straßendienst: Sie demonstrieren für ihre Überzeugung und geben dem Anderen Gelegenheit, zu reagieren – ähnlich wie bei einem Schaufenster.

Was hat Sie zum Ausstieg bewegt?

Kohout: Ich war 60 Jahre überzeugt. Doch beim Wachturmstudium tauchten Ungereimtheiten auf, die mir immer mehr zeigten, dass die Leitung der Zeugen Jehovas nicht vom Geist Gottes geleitet sein kann.

Welche zum Beispiel?

Kohout: Es heißt, Zeugen Jehovas hätten nie an Kriegen teilgenommen, dabei haben die Deutschen Bibelforscher den Kaiser bei der Befreiung Jerusalems unterstützt.

Was passiert mit Zweiflern?

Kohout: Sie werden ausgeschlossen. Zeugen dürfen keinen Kontakt zu Abtrünnigen haben. Meine Mutter und Schwester sprechen nicht mehr mit mir.

Eine schlimme Bestrafung ...

Kohout: Auf jeden Fall. Wenn die emotionalen Bindungen zur Familie abgetrennt werden, ist das ein Trauma, an dem viele zerbrechen.

Was machen die Zeugen Jehovas gut?

Kohout: Sie schaffen es, das elitäre Empfinden aufzubauen, dass sie die einzig wahre Religion verkörpern. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das auch auf internationalen Kongressen zum Ausdruck kommt, ist das, womit Menschen eingefangen werden. Man steigt auf – mein Mann und ich waren im Sonderpionierdienst – und gilt dann als gläubig und vorbildlich, steht aber auch unter Druck, vorbildlich zu sein. Das tut mir heute für meine Kinder leid.

Was kritisieren Sie heute?

Kohout: Die Diktatur und die Heuchelei. Dass sie sich mit Gott sozialisieren und nur ein Verein von Menschen sind, die eine internationale Vertriebsorganisation aufgebaut haben. Dass man sich vor Abtrünnigen ekeln soll, ist menschenverachtend.

Wie verbreitet sind die Zeugen Jehovas?

Kohout: Mindelheim ist, glaube ich, ganz gut besetzt. In Augsburg gibt es meines Wissens nach 2000 Zeugen Jehovas und zehn Königreichssäle. Ich schätze, dass das Verhältnis zu Nicht-Zeugen etwa 1:400 ist.

Gibt es Unterschiede innerhalb der Glaubensgemeinschaft?

Kohout: Eine Abweichung von dem, was im Wachturm steht, ist absolut unmöglich. Privates Bibelstudium ist nicht erlaubt. Zweifel bedeuten, dass Satan schon auf der Lauer liegt. Es gibt keine Zwischentöne, das System ist immun gegen Kritik von Innen und Außen. Die Überwachung funktioniert perfekt.

Inwiefern?

Kohout: Erst vor Kurzem habe ich eine E-Mail von einem Zweifler bekommen. Er hat auch mit einem Freund gesprochen – und der hat gleich den Ältesten informiert. Das Ganze läuft unter dem Etikett der liebevollen Fürsorge, es geht aber um Drohbotschaften.

Sind Sie auch selbst bedroht worden?

Kohout: Durch das Kontaktverbot zu Abtrünnigen bin ich geschützt. Aber bei Veranstaltungen wird über mich gesprochen als senile alte Frau, die man nicht ernst nehmen soll.

Warum bieten Sie Vorträge an?

Kohout: Ich fühle mich meinen Mitmenschen verpflichtet. Ich habe den Leuten 60 Jahre einen Unsinn erzählt, was ich erst jetzt erkannt habe, und möchte das richtig stellen. Es ist eine Art Wiedergutmachung.

Wer kommt zu Ihren Vorträgen?

Kohout: Menschen, die in irgendeiner Weise mit Zeugen Jehovas in Kontakt kommen: Nachbarn, Mieter, Angehörige. In Mindelheim hat mich ein Mann angesprochen, dessen Mutter nach dem Tod seines Vaters häufig besucht wird.

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Ein Artikel von
Melanie Lippl

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Ressort: Lokalnachrichten Mindelheim


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