Freitag, 15. Dezember 2017

11. April 2014 23:10 Uhr

Ulm

Das ist starker Tobak

Das Theater Ulm Brechts zeigt „Der gute Mensch von Sezuan“ als knallige Farce - die durchaus polarisiert.

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Ein Mann räumt auf: Aglaja Stadelmann (rechts) nimmt als Geschäftsmann Shui Ta die Angelegenheit der gutherzigen Shen Te wahr.
Foto: Martin Kaufhold

Ein kleiner Schnurrbart genügt, schon wird aus einem warmherzigen Menschen ein kühler Kapitalist. Im Theater Ulm ist die Verwandlung des Straßenmädchens Shen Te in ihren Vetter Shui Ta eine Nuance. Und das in einer Inszenierung, die sonst respektlos durch Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ pflügt. Regisseurin Antje Schupp hat das Parabelstück in eine laute und grelle Farce verwandelt, die sicherlich polarisiert, aber trotz einer Spielzeit von über drei Stunden keine Längen offenbart.

In „Der gute Mensch von Sezuan“ begeben sich drei Götter – in Ulm ein weißbärtiger Gottvater, ein gwamperter Buddha und die berüsselte Hindu-Gottheit Ganesha – auf die Suche nach einem wahrhaft guten Menschen. Sie glauben diesen in der Prostituierten Shen Te gefunden zu haben, die das Trio bei sich aufnimmt. Zum Dank geben ihr die Götter Geld, mit dem sich Shen Te einen Tabakladen kauft. Doch Schmarotzer, trickreiche Geschäftsleute und die Liebe zu dem arbeitlosen Flieger Yang Sun machen ihr ein redliches Leben unmöglich. Shen Te schlüpft deshalb in die Rolle ihres Vetters Shui Ta, der rücksichtlos ihre Interessen vertritt – und so zum Großkapitalisten aufsteigt.

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Die Moral des Brecht-Stücks, das derzeit auch auf dem Spielplan des Augsburger Stadttheater steht, ist schnell erzählt: Der Kapitalismus macht es den Menschen unmöglich, gleichzeitig gut zu sich und zu anderen zu sein. Eine Botschaft, die auch heute noch funktionieren kann, wenn es gelingt, den moralisierenden Muff der Vorlage wegzufegen. Dafür hat sich die Regie einen Kniff überlegt: Neben Aglaja Stadelmann, die in der Doppelrolle Shen Te/Shui Ta stets die Balance zwischen Sanftmut und Härte findet, teilen sich die sechs Darsteller die übrigen Rollen auf – und manche Figur wird wiederum im Laufe des Stücks von mehreren Schauspielern verkörpert. Eine starke Ensembleleistung, aus der Raphael Westermeier mit explosiver Energie herausragt.

Ob der Rollentausch nun ein Verfremdungseffekt im Sinne Brechts ist oder nicht: Die eher bewegungsarme Parabel bekommt dadurch mächtig Drive. Immer wieder sprinten die Schauspieler mitten in der Szene in die Garderobe am rechten Bühnenrand und kehren anschließend in einer anderen Rolle zurück. Die Figuren selbst sind – bis auf die Hauptfigur – zu Karikaturen verzerrt. Da stürmt der wütende Schreiner mit der Kettensäge in den Laden, der reiche Barbier lässt eitel die Hüften kreisen und Wasserverkäufer Wang turnt hyperaktiv über die anfangs noch nackten Buchstabenskelette (Bühne: Mona Hapke). Wangs traumhafte Begegnungen mit den Göttern, die in dem Stück als Zwischenspiele fungieren, sind in Ulm trashige Videos im Do-It-Yourself-Stil. Am deutlichsten wird der tabulose Zugriff auf die Vorlage in der Behandlung der Musik Paul Dessaus. Die vor der Bühne postierten Musiker Benedikt Brachtel (E-Gitarre) und Alfredo Moglionico (Piano) bürsten die Lieder in ungewohnte Richtungen oder liefern Business-Lounge-Geklimper. Ein Song, „Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten“, wird zur Pausenbeschallung degradiert.

Bei aller Respektlosigkeit: eine Persiflage ist „Der gute Mensch“ von Ulm nicht. Er gibt vielmehr Brechts Kapitalismus das Gesicht der modernen Konsumgesellschaft. Und die Inszenierung stellt neue Fragen – welche die Schauspieler auch mit dem Publikum diskutieren: Ist ein guter Mensch, wer Gutes kauft? Oder: Darf man „Der gute Mensch von Sezuan“ überhaupt so zeigen? Die Antwort muss „ja“ heißen, wie auch der große Applaus am Ende bewies. Einige Zuschauer hatten das Haus aber schon vorher erzürnt verlassen.

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