Dienstag, 26. September 2017

19. Mai 2017 07:56 Uhr

Italien

Warum Mafiosi jetzt aufs Rad umsteigen

Die italienische Unterwelt hat frisierte E-Bikes für sich entdeckt. Warum sie so beliebt sind - und die Polizei besorgt ist. Von Julius Müller-Meiningen

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Nur ein Vorteil: Für ein E-Bike braucht man keinen Führerschein.
Foto: Caroline Seidel (dpa), Symbol

Einen „Boom auf den Straßen“ hat die italienische Zeitung La Repubblica in Neapel beobachtet. In den infernalisch anmutenden Verkehr der Stadt haben sich ungezählte Elektrofahrräder gemischt. Was nach einem harmlosen Trend klingt, beschäftigt jedoch die Polizei in einem immer stärkeren Maße.

Frisierte E-Bikes sichergestellt

Denn es sind nicht nur normale E-Fahrräder unterwegs, wie man sie auch aus Deutschland kennt. Es sind vor allem frisierte E-Bikes, die ihrem Fahrer einen entscheidenden Vorteil bieten: Er muss nicht, wie beim normalen Elektrorad, selbst in die Pedale treten, um von einem 0,25-Kilowatt-Motor Anschub zu bekommen. Man dreht einfach den rechten Lenkergriff zur Beschleunigung und flitzt ohne eigene Körperkraft mit bis zu 60 Stundenkilometern durchs Chaos im Schatten des Vesuvs.

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Jüngst haben die Carabinieri bei Kontrollen auf der zentralen Piazza del Plebiscito 26 dieser Räder sichergestellt. Und die sind nicht nur bei Jugendlichen beliebt, sondern auch bei Mafiosi. Denn Motorroller darf man in Italien erst ab 14 fahren; man braucht einen entsprechenden Führerschein, einen Helm und eine Versicherung. All dies fällt beim frisierten E-Raser aus – so denken sich das zumindest offenbar die neapolitanischen Bike-Tuner. Und offenbar hat sich auch ein professioneller und illegaler Vertrieb der Räder etabliert. Die zuletzt konfiszierten Fahrzeuge sollen aus einem Geschäft im südlichen Stadtzentrum stammen. Bereits vor vier Jahren stellte die Polizei mehr als 100 verdächtige Gefährte in Pompeji bei Neapel sicher. Bis heute wirbt dort das Geschäft Vispini mit „Elektrofahrrädern, ohne Nummernschild, Führerschein und Versicherung“.

Lautlos gleiten sie dahin

Dass die schnellen Räder so beliebt in der Unterwelt sind, hat gleich mehrere Gründe. Sie sind wendig, gleiten lautlos dahin – und können vor allem ohne Führerschein gefahren werden. Vorbestraften Mafiosi wird nämlich auch der Führerschein entzogen. Als die Carabinieri im vergangenen September den wegen Drogenhandels und Mafiazugehörigkeit verurteilten Carlo V. auf der Hauptverkehrsstraße von Torre Annunziata bei Neapel erspähten, trauten sie ihren Augen kaum. Der Mafioso glitt auf einem Fahrrad dahin, trat aber nicht in die Pedale. Die Carabinieri nahmen den 30-Jährigen fest.

Wie es scheint, hat der Trend mittlerweile die Grenzen Neapels weit überschritten. In Palermo, aber auch bei Mailand stellte die Polizei bereits frisierte E-Räder sicher. Für Schlagzeilen sorgte ein Mann aus der Nähe von Rimini, dem das Autofahren untersagt worden war. Nachdem er trotzdem am Steuer erwischt worden war und seinen Führerschein endgültig verlor, legte er sich ein frisiertes Elektrorad zu. Das ist er auch schon wieder los.

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