Freitag, 18. August 2017

18. August 2015 14:12 Uhr

Interaktive Karte

Darum fliehen die Menschen aus ihren Ländern

Im ersten Halbjahr 2015 haben rund 179.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Kein Thema beschäftigt das Land derart. Doch warum fliehen die Menschen aus ihrer Heimat?

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Flüchtlinge warten in Mazedonien auf einen Platz im Zug in Richtung Mitteleuropa.
Foto: Georgi Licovski (dpa)

Im ersten Halbjahr 2015 haben insgesamt rund 179.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es rund 77.000 Anträge - das bedeutet eine Erhöhung von rund 130 Prozent.

Wir zeigen die Flüchtlingsströme aus den zehn häufigsten Herkunftsländern auf einer interaktiven Karte. Klicken Sie auf die Linien, um zu erfahren, wie viele Asylanträge aus dem jeweiligen Land in Deutschland gestellt wurden. Die roten Standort-Punkte nennen die Fluchtgründe.

 

Darum fliehen die Menschen aus diesen Ländern

1. Syrien:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 34.400 (im Vorjahr: 12 800), davon 32.470 Erstanträge

Einwohner: Nach Schätzungen der CIA 17 Millionen.

Gründe: Bürgerkriegsland mit Mehrfrontenkrieg: Neben der Regierung und regierungsfreundlicher Milizen terrorisieren regierungsfeindliche Milizen und islamische Organisationen, wie der Islamische Staat (IS) oder die "Al-Nusra Front", die Bevölkerung.

Amnesty International beklagt schwere Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverstöße und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Großflächige Bombardements mit Fassbomben und Streumunition fänden oft weitab der Frontlinie in dicht besiedelten Wohngebieten statt. Vermutlich wurde wiederholt auch Giftgas eingesetzt.

Wie die Grenzschutzagentur Frontex mitteilt, ist etwa die Hälfte der ursprünglich 22 Millionen Einwohner vor diesen Zuständen auf der Flucht.

Asylchancen: Sehr gut. In der ersten Hälfte 2015 wurden nur sieben von 29.500 bearbeiteten Anträgen abgelehnt.

2. Kosovo:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: 31.400 (Vorjahr: 2440), davon 28.670 Erstanträge.

Einwohner: 1,7 Millionen

Gründe: Kosovo ist das ärmste Land Europas und weltweit auf Platz 134 von 213 (nach der „Atlas-Methode“ der Weltbank gemessen). Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt in existenzbedrohender Armut. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 35 Prozent, unter den 15- bis 24-Jährigen bei 60 Prozent. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage ist nicht abzusehen.

Zudem werden rechtsstaatliche Prinzipien schlecht umgesetzt. Die Roma-Minderheit ist vielfacher Diskriminierung ausgesetzt und macht einen Großteil der Asylsuchenden in Deutschland aus.

Asylchancen: Schlecht. Im ersten Halbjahr entschied das BAMF über 23.000 Asylanträge. Dabei erhielten 22 Antragsteller einen Aufenthaltsstatus.

Das Bundesamt für Migration versucht, die vielen Balkan-Flüchtlinge mit einem Hinweis bei Facebook über die schlechten Asyl-Aussichten zu informieren. Der Chef der Flüchtlingsbehörde in Deutschland, Manfred Schmidt, erklärt in einem Schriftstück, das in die jeweilige Sprache übersetzt wird:

"Antragstellende aus den Ländern Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Albanien, Mazedonien und Montenegro haben fast keine Aussicht auf Asyl in Deutschland. 99,8 Prozent der Asylanträge aus diesen Ländern werden vom Bundesamt abgelehnt."

3. Albanien:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 22.200 Asylanträge (Vorjahr: 3900), davon 21.800 Erstanträge.

Einwohner: 2,9 Millionen

Gründe: Laut Europäischer Kommission ist das Land geprägt von Korruption und Schattenwirtschaft sowie organisierter Kriminalität.

Zudem hohe Armutsquote. Über 60.000 Menschen fehlt es an grundlegender Ernährungssicherheit.

Asylchancen: Schlecht. Im ersten Halbjahr 2015 erhielten von 5100 entschiedenen Anträgen nur 14 Asylsuchende eine Aufenthaltsstatus.

4. Serbien:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 15.820 (Vorjahr: 9360), davon 10.120 Erstanträge.

Einwohner: 7,1 Millionen

Gründe: Schlechte wirtschaftliche Lage. Das monatliche Nettodurchschnittseinkommen liegt bei 380 Euro. Die Situation wird verstärkt eine schwere Flut im Mai 2014. Schätzungen der Europäischen Kommission zufolge sind 125.000 Menschen durch die Flut unter die Armutsgrenze gefallen.

Außerdem werden fundamentale Rechte wie Meinungsfreiheit und der Schutz von Minderheiten, vor allem der Roma, nicht genug respektiert, wie die EU im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen anmahnte.

Asylchancen: Extrem gering. Von 13.700 bearbeiteten Anträgen im ersten Halbjahr 2015 wurde kein einziger positiv entschieden.

5. Irak:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 9290 (Vorjahr: 2520), davon 8330 Erstanträge.

Einwohner: 34,3 Millionen

Gründe: Religiöse Diskriminierung, die fragile Sicherheit und die schlechten ökonomischen Bedingen. Der Irak ist ein äußerst instabiler Staat, in dem sich schiitische und sunnitische Muslime teils unversöhnlich gegenüberstehen. Beinahe täglich wird das Land von Bombenanschlägen mit vielen Toten erschüttert. Im Norden des Landes hat der "Islamische Staat" die Kontrolle über große Gebiete übernommen und kämpft dort gegen die kurdischen Peschmerga. Flüchtig sind vor allem arabische Sunniten, Kurden und die nicht islamischen religiösen Gemeinschaften, die Christen und Jesiden.

Asylchancen: Hoch. Von 7400 Asylanträge aus dem Irak wurden lediglich 19 Anträge abgelehnt.

6. Afghanistan:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 8180 (Vorjahr: 4530), davon 7930 Erstanträge.

Einwohner: 31,3 Millionen

Gründe: Nach vielen Jahren Bürgerkrieg liegen Infrastruktur und Wirtschaft in Afghanistan am Boden. Der Vielvölkerstaat mit seinen zerstrittenen Volksgruppen und rivalisierenden Glaubensrichtungen zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt.

Seit 2014 hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan massiv verschlechtert. Anschläge mit vielen Toten gehören zum Alltag.

Asylchancen: Gut. Im ersten Halbjahr 2015 entschied das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über rund 3200 Asylanträge aus Afghanistan. 402 Anträge wurden abgelehnt.

7. Mazedonien:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 6700 (Vorjahr: 3740), davon 4180 Erstanträge.

Einwohner: 2,1 Millionen

Gründe: Diskriminierung und Gewalt gegen die Roma-Minderheit sowie insgesamt autokratische Politik, der Wahlbetrug, Manipulationen von Gerichtsprozessen, die Kontrolle der Presse und willkürliche Inhaftierung von politischen Feinden vorgeworfen wird. Außerdem Spannungen zwischen Albanern und Mazedoniern. Die Mazedonier wollen alleiniges Staatsvolk bleiben. Die Albaner wollen als zweite konstitutive Volksgruppe anerkannt werden.

Asylchancen: Gering. Im ersten Halbjahr 2015 wurde in Deutschland über rund 4100 Asylanträge aus Mazedonien entschieden. Lediglich sechs Personen erhielten dabei einen Aufenthaltsstatus.

8. Bosnien-Herzegowina:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 4060 (Vorjahr: 3280), davon 2560 Erstanträge.

Einwohner: 3,8 Millionen

Gründe: Politische und wirtschaftliche Stagnation und ethnische Spannungen. Mit 60 Prozent kommen die meisten Anträge von Angehörigen der Roma-Minderheit. Sie sind von politischer Teilhabe ausgeschlossen und erleben systematische Diskriminierung.

Asylchancen: Kaum vorhanden Von 1600 bearbeiteten Anträgen wurde keiner positiv entschieden.

9. Eritrea:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 3640 (Vorjahr: 3970), davon 3580 Erstanträge.

Einwohner: 6,5 Millionen

Gründe: Menschenrechtslage. Menschenrechtsverletzungen, eritreische Bürger werden im In- und Ausland beinahe total überwacht. Es gibt willkürliche Festnahmen, Menschen „verschwinden“ und werden gefoltert. Regelmäßig werden Bürger ohne Gerichtsprozess hingerichtet. Zudem wird jeder seit 2002 auf unbestimmte Zeit zum Militär- und Arbeitsdienst eingezogen. Letzter Platz auf dem Pressefreiheitsindex der Organisation „Reporter ohne Grenzen“.

Asylchancen: Groß. Von 2100 entschiedenen Anträgen im ersten Halbjahr 2015 wurde der Antrag nur in 19 Fällen abgelehnt.

10. Nigeria:

Asylanträge im ersten Halbjahr 2015: rund 2860 (Vorjahr: 1660), davon 2800 Erstanträge.

Einwohner: 178, 5 Millionen

Gründe: Innenpolitische Konflikte und wirtschaftliche Gründe. Die in Deutschland ankommenden Nigerianer kommen hauptsächlich aus dem wohlhabenden und wirtschaftlich starken Süden. Die Bevölkerung sei in Nigeria stark gestiegen, der Süden dicht besiedelt. Außerdem betrage die Quote der unter 15-Jährigen über 40 Prozent, was eine weitere Konzentrierung auf zu wenige Arbeitsplätze für die Zukunft voraussage. Die Flucht "ist sozusagen eine Investition in die Zukunft" für die reiche Bevölkerung, sagt Experte Heinrich Bergstresser.

Entgegen der Erwartung fliehen die Bürger vor der Terrorgruppe "Boko Haram" nur innerhalb des Landes.

Asylchancen: Unsicher. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entschied im ersten Halbjahr 2015 über rund 660 Asylanträge von Menschen aus Nigeria. 23 davon erhielten einen Aufenthaltsstatus und 67 eine Ablehnung. Die meisten Anträge (85 Prozent) waren „sonstige Verfahrenserledigungen“, das heißt, dass sich die Fälle bereits vor der Entscheidung der Behörde anderweitig erledigt haben.

Quellen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), Bundesregierung, Bundesinnenministerium, Europäischen Kommission, Reporter ohne Grenzen, Amnesty International, Weltbank, Frontex, Mediendienst Integration, Bundeszentrale für politische Bildung

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Ein Artikel von
Carolin Oefner

Neu-Ulmer Zeitung
Ressort: Lokalnachrichten


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