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Krankenhaus
11.09.2018

Wie der Pflegenotstand zum Patientenrisiko wird

Protest von Krankenpflegern in Augsburg (2017): „Die Belastung ist einfach zu groß – sowohl körperlich als auch psychisch.“
Foto: Ida König (Archiv)

Krankenpfleger beurteilen ihre Arbeitsbedingungen so negativ wie keine andere Berufsgruppe, Kliniken finden kaum Fachkräfte. Was das für Patienten bedeutet.

Die 32-jährige Krankenpflegerin Esther Hasenbeck hat wie viele Frauen ihren Beruf gewählt, weil sie kranken und alten Menschen helfen wollte. Schon ihre Mutter arbeitete als Krankenschwester. Doch der Beruf werde immer härter und anstrengender. „Unter diesen Bedingungen bis zur Rente durchzuhalten, kann ich mir absolut nicht vorstellen“, sagt die Krankenpflegerin. „Dafür ist die Belastung einfach zu groß – sowohl körperlich als auch psychisch.“

Manchmal wolle sie eigentlich nur noch weinend nach Hause gehen. Es gebe Schichten, da komme sie weder zum Trinken geschweige denn zum Essen. „Ich kenne etliche Kollegen, die wochen- und monatelang wegen Burnouts ausfallen“, sagt die 32-Jährige. Ihre Mutter sei „nach dem x-ten Bandscheibenvorfall jetzt mit 58 Jahren in Frührente gegangen, sie ist kein Einzelfall“, erzählt die Krankenpflegerin, die im Uniklinikum Essen arbeitet.

Risiko von Infektionen, Thrombosen und Todesfällen

Hasenbeck ist eine von vielen Pflegern und Pflegerinnen, die an einer großen Befragung der Gewerkschaft Verdi und des DGB teilgenommen haben. Demnach klagen 80 Prozent der Beschäftigten über zu großen Stress und ununterbrochenes Gehetztsein in ihrer Arbeit. Laut DGB sind das mehr als in jeder anderen Berufsgruppe. Dabei gefährden die sich seit Jahren verschärfenden Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege nicht nur die Gesundheit des Personals, sondern auch die der Patienten.

So fanden Forscher der Hochschule Hannover bei einem internationalen Vergleich heraus, dass sich die Personalbesetzung unter anderem auf das Risiko von Infektionen, Thrombosen und sogar Todesfällen durch zu spät erkannte Komplikationen auswirke. Die Liste reiche dabei von Harnwegsinfektionen bis zu tödlichen Lungenembolien. In vielen Staaten, etwa in Australien oder den USA, gibt es deshalb zum Schutz der Patienten Mindestvorgaben für die Personalbesetzung.

Deutschland ist Schlusslicht im Pflegeschlüssel

In der Studie schnitt Deutschland mit 13 Patienten, die eine Pflegekraft im Jahr 2010 pro Schicht zu versorgen hatte, unter zwei Dutzend untersuchter Industrieländer am schlechtesten ab. In Norwegen oder den USA lag die Quote von pro Pflegefachkraft zu versorgenden Patienten bei fünf zu eins: Der internationale Durchschnitt lag bei neun Patienten pro Fachkraft.

In den vergangenen Jahren dürfte sich das Verhältnis Pflegekraft pro Patient weiter verschlechtert haben. Aktuelle Zahlen für die Bundesrepublik gibt es nicht. „Wir werden immer weniger Kollegen, aber wir haben immer mehr Patienten zu betreuen“, sagt die Berliner Intensiv-Krankenschwester Dana Lützkendorf, die sich bei Verdi engagiert. Die Patientenzahlen steigen, immer mehr hoch spezialisierte Technik müsse überwacht werden.

„Man denkt im Stationsalltag darüber nach, welche Arbeit man jetzt liegen lassen kann, damit man das Wichtigste am Patienten tun kann“, sagt die 41-jährige Krankenschwester. Arbeiten an der Leistungsgrenze sei für ihre Kollegen Dauerzustand, entspannte Phasen selten. Die Folge sei ein fortdauerndes schlechtes Gewissen, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. „Bei vielen Kollegen führt das dazu, dass sie unkonzentrierter sind und am Ende des Tages gar nicht mehr wissen: Was habe ich jetzt eigentlich gemacht?“, sagt Lützkendorf.

Nachdem sich die Klinken und Krankenkassen nicht freiwillig auf Mindestpersonalquoten einigen konnten, erließ Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt eine Verordnung für die sensiblen Bereiche Intensivstationen, Unfallchirurgie, Kardiologie und Geriatrie. Demnach darf beispielsweise in der Kardiologie eine Pflegekraft pro Schicht tagsüber höchstens für elf Patienten und in der Nachtschicht für maximal 23 Patienten eingesetzt werden.

Verdi: Minister Spahn legitimiert den Pflegenotstand

Für die Gewerkschaft Verdi sind diese Quoten noch immer zu hoch: „Die von Bundesgesundheitsminister Spahn vorgelegten Personaluntergrenzen im Krankenhaus legitimieren den Pflegenotstand, statt ihn zu beheben“, kritisiert Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler.

Doch fast alle Krankenhäuser, so auch das Klinikum Augsburg, tun sich immer schwerer, selbst offene Stellen mit Fachkräften zu besetzen. Oft müssen sie „Betten schließen“, das heißt, sie können auf einigen Stationen weniger Patienten aufnehmen und versorgen als vorgesehen. Die städtischen Kliniken München zahlen inzwischen 8000 Euro Anwerbeprämie pro Fachkraft. 4000 Euro bekommt die neue Pflegekraft und 4000 Euro der Mitarbeiter, der sie geworben hat.

Kliniken jagen sich mit Headhuntern Pflegekräfte ab

Teils jagen sich Kliniken im harten Konkurrenzkampf untereinander auch mit Headhuntern Pflegekräfte in ganz Deutschland ab. Andere gehen gezielt im Ausland, etwa in Italien oder auf den Philippinen, auf Suche nach ausgebildetem Pflegepersonal und helfen bei Sprache und Integration. Bei der Ausbildung in Deutschland haben die Krankenhäuser ein weiteres Problem: Fast jeder dritte Auszubildende im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege bricht die Ausbildung ab.

„Bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen – das sind die zentralen Hebel, an denen die Bundesregierung in einer konzertierten Aktion Pflege ansetzen muss“, fordert DGB-Vizechefin Annelie Buntenbach. Der gegenwärtige Arbeitsdruck treibe die Pflegekräfte „in die Selbstausbeutung und schreckt Berufseinsteiger ab“. Auch die Essener Krankenpflegerin Hasenbeck fordert „vor allem eines“, wie sie sagt: „Mehr Personal.“ (mit dpa)

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