Samstag, 25. November 2017

17. Juni 2017 19:20 Uhr

Wertingen/Höchstädt

Afghane stirbt nach freiwilliger Rückkehr in Kabul

Der Afghane Abdullrazaq Sabier wohnte bis März in einer Asylunterkunft in Höchstädt. Mitbewohner, Freunde und Asylhelfer sind über die Todesnachricht entsetzt. Von Bärbel Schoen

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Bei dem verheerenden Anschlag im Diplomatenviertel in Kabul am 31. Mai wurden etwa zweihundert Menschen getötet und mehrere hundert verletzt. Auch Abdullrazaq Sabier, der in einer Höchstädter Flüchtingsunterkunft „An der Kohlplatte“ zwei Jahre lang gelebt und als Automechaniker gearbeitet hatte, zählt offenbar zu den Opfern, wie erst am Freitag bekannt wurde.

Der 23 Jahre alte Afghane war erst im März dieses Jahres freiwillig ausgereist. Die Nachricht vom Tod verbreitete sich in den Flüchtlingsunterkünften im Landkreis Dillingen wie ein Lauffeuer. Wie viele andere Landsleute hatte Abdullrazaq Sabier Anfang des Jahres einen Abschiebebescheid erhalten. Er zog jedoch die freiwillige Ausreise vor, denn auch von zu Hause kam offenbar Druck, die langjährige Verlobte zu heiraten. Ansonsten wäre es wohl zu einer Trennung gekommen.

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Abdul Wahed Ahmadzai teilte sich fast zwei Jahre lang mit Sabier ein 2,5 mal sieben Meter großes Zimmer in der Unterkunft. „Wir saßen noch am Abend seines Abflugs hier auf dem Bettsofa zusammen“, erzählt der 29-Jährige sichtlich erschüttert von der Todesnachricht seines Freundes. „Abdullrazaq weinte. Er zweifelte, ob er überhaupt zurück wollte und die richtige Entscheidung getroffen hat.“ Außerdem hätten ihn Ängste geplagt – vor Repressionen seitens der Taliban und vor Bombenanschlägen durch die Terrormiliz IS.

Ahmadzai steckt selbst in einer ähnlichen Zwangslage und sieht kaum mehr eine Perspektive für sich. Seit vier Wochen weiß er, dass er ebenfalls abgeschoben werden soll. Gegen den Abschiebebescheid läuft mittlerweile eine Klage, die ehrenamtliche Helfer des Asylkreises für ihn formuliert und eingereicht haben. Obwohl in Afghanistan seine Frau und seine zwei kleinen Kinder leben, kann er nicht zurückkehren: „Ich war beim Militär, mich würden sie gleich ins Gefängnis stecken und vielleicht auch töten. Die Taliban waren schon drei Mal im Haus meiner Familie, um nach mir zu suchen.“ Endete der Krieg in seinem Heimatland, er wäre der erste, der seine Koffer packen würde. „Meine Kinder fragen jedes Mal – Papa, wann kommst du endlich nach Hause?“ 18000 Dollar habe er für seine Flucht nach Deutschland bezahlt. Nun arbeitet er bei einer Metallfirma in Höchstädt in drei Schichten. 500 Euro bleiben ihm nach Abzug aller Abgaben. In der Gemeinschaftsunterkunft ist er inzwischen der einzig verbliebene Afghane unter den 45 Bewohnern.

Die jüngsten Anschläge in der Hauptstadt Kabul entfachten unter den Flüchtlingen und den Helfern vor Ort eine Debatte um die Abschiebepraxis. Die Nachricht vom Tod des afghanischen Asylbewerbers hat Ängste geschürt und die Frage aufgeworfen, wie sicher ihr Heimatland wirklich ist. Die meisten jungen Männer vom Hindukusch stehen derzeit vor einer Abschiebung. „Trotz der Vorkommnisse verändert die Bundesregierung ihre Haltung zur Abschiebepraxis nur teilweise. Ein generelles Aussetzen wurde bisher nicht beschlossen“, sagt Wolfgang Plarre vom Wertinger Asylhelferkreis. Er erhielt die Todesnachricht am vergangenen Dienstag: „Uns informierte Sabine Heidbüchel darüber.“ Sie ist die Leiterin der Gemeinschaftsunterkünfte in Schwaben. Für Plarre, der bereits vor über 20 Jahren einen ähnlichen Fall miterlebt hat, ist der Tod des jungen Afghanen Ansporn, sich weiter für die hier lebenden Flüchtlinge einzusetzen. „Für alle Afghanen mit Abschiebebescheid haben wir Klage eingereicht.“

Georg Schrenk, Asyl-Koordinator in Dillingen, ist im Netzwerk des bayerischen Flüchtlingsrates verbunden. Ihn überraschte der Tod von Sabier nicht: „Afghanistan ist kein sicheres Land mehr. Wir warten jetzt auf ein neues Dossier des Außenministers Sigmar Gabriel zur Abschiebepraxis.“ Unter den Flüchtlingen in Dillingen gehe die Angst um, Deutschland verlassen zu müssen. „Sie zittern vor der Abschiebung.“ Vor Kurzem habe sich aus diesem Grund ein junger Mann abgesetzt und sei untergetaucht. „Er lebte drei Jahre hier, hatte Arbeit und war integriert“, so Schrenk. Sorge bereitet ihm, was mit einem weiteren jungen Afghanen passieren könnte, wenn er in zwei Wochen im Juni seine Ausbildung als Altenpflegehelfer beendet. Schrenk: „Er lebt seit sieben Jahren in Deutschland und spricht perfekt unsere Sprache.“ Sollte er einen Abschiebebescheid erhalten, müsste er innerhalb von 30 Tagen damit rechnen, abgeholt zu werden. „Bei Helfern bröckelt es langsam. Was hier geschieht, frustriert immer mehr Menschen“, bedauert Schrenk die Situation.

Über 12500 Afghanen sollen nach dem Willen des Bundesinnenministeriums in diesem Jahr in ihr Heimatland abgeschoben werden, hieß es vor wenigen Monaten. Demnach müssten fünf Prozent der knapp 250000 in Deutschland lebenden Afghanen mit einer Abschiebung rechnen.

Von Glück kann dagegen Habib Pupal sprechen. Der 20-Jährige, der aus der südafghanischen Stadt Kandahar stammt, lebt seit zwei Jahren in Unterthürheim (wir berichteten) und hatte vor kurzem mit seiner Klage gegen die Abschiebung Erfolg. Mit Hilfe politischer Unterstützung – Bürgermeister Hans Kaltner und Landtagsabgeordneter Georg Winter unterstützten das Anliegen – sei die Abschiebung ausgesetzt worden. Nun hält Habib Pupal nicht nur eine Arbeitserlaubnis in der Hand, sondern sogar einen Arbeitsvertrag mit einem Autohaus. Dort darf der junge Mann in Kürze eine Ausbildung zum Automechatroniker beginnen. Nach Abschluss der Lehrzeit und einer erfolgreich abgelegten Prüfung kann er nach der so genannten „3 plus 2 Regelung“ noch zwei weitere Jahre arbeiten. „Ich bin sehr glücklich darüber“, freut sich Habib Pupal, der eine freiwillige Rückkehr ebenfalls schon in Erwägung gezogen hatte. „Wer weiß, vielleicht wäre ich dann auch schon tot.“

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