Mittwoch, 29. März 2017

20. März 2017 19:25 Uhr

Prozess

Georg Funke vor Gericht: Ein gescheiterter Banker wehrt sich

Georg Funke war einst Chef der Hypo Real Estate. Der Manager gilt als deutsches Gesicht der Finanzmarktkrise. Jetzt muss er sich mit einem Mitstreiter vor Gericht verantworten.

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Er ist wieder da: Georg Funke, der frühere Chef der Skandal-Bank HRE, steht für die nächsten Monate in München vor Gericht.
Foto: Christof Stache, dpa

Steht nun seit gestern in München das Prachtexemplar eines Banksters, der gefährlichen Mixtur eines Bankers und Gangsters vor Gericht? Oder ist Georg Funke – wie es ihm naturgemäß besser behagt – vielmehr ein Opfer der Verhältnisse, sozusagen ein Kapitalist, dem andere Kapitalisten und Politiker böse mitgespielt haben? Die Antwort, ob der frühere Chef der Münchner Bank Hypo Real Estat, kurz HRE, sich vor dem Zusammenbruch und der Verstaatlichung des Finanzhauses etwas zuschulden kommen ließ, kann lange dauern. Die Richterinnen und Staatsanwältinnen haben sich darauf eingestellt, bis September mit Funke und seinem einstigen Finanzvorstand Markus Fell intensiv zu verhandeln. Dabei waren die Ermittlungen gegen den einstigen HRE-Aufsichtsratschef Kurt F. Viermetz schon lange eingestellt worden. Der gebürtige Augsburger ist 2016 gestorben.

Es drohen mehrjährige Haftstrafen

Mit dem Prozess in München soll das abschreckende und aus Sicht der deutschen Steuerzahler teuerste Kapitel der Finanzmarktkrise aus den Jahren 2007 und 2008 aufgearbeitet werden. Denn die Hypo Real Estate wurde mit einer Kapitalinfusion des Bundes von knapp zehn Milliarden Euro samt weiterer Staatsbürgschaften von 124 Milliarden Euro vor dem Zusammenbruch bewahrt. Funke und Fell stehen wegen einer nationalen Wirtschaftstragödie vor Gericht. Ihnen drohen mehrjährige Haftstrafen. Die Anklageschrift ist so lang, dass es gut zweidreiviertel Stunden dauert, sie vorzutragen. Zwei Staatsanwältinnen teilen sich den stimmlich belastenden Münchner Lesemarathon auf. Sie werfen den beiden Angeklagten vor, den krisenhaften Zustand des Bank-Konzerns geschönt und verschleiert zu haben. Letztlich wird ihnen angelastet, die Liquiditätslage des Unternehmens falsch dargestellt zu haben. Fell wird als einstiger Finanzvorstand zusätzlich der Marktmanipulation bezichtigt. Die Hypo Real Estate war schließlich eine Aktiengesellschaft, die zu ihren besten Zeiten sogar im 30 Werte umfassenden Deutschen Aktienindex Dax Aufnahme fand – ein erstaunlicher Aufstieg des Unternehmens, in das die HypoVereinsbank ihr gewerbliches Immobiliengeschäft ausgegliedert hatte, weil es den Bankern zu risikoreich war. Spötter nannten die HRE eine „Bad Bank“. Aber dass es so schlecht kommen würde, hatte kein Experte auf dem Prognosezettel.

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Liquiditätsrisiken sollen falsch eingeschätzt worden sein

Die Staatsanwaltschaft zeichnet nach jahrelangen – Kritiker sagen zu langen – Ermittlungen das Bild eines Finanzinstituts, in dem es auf erschreckende Weise vor allem an einem mangelte: der korrekten Einschätzung von Liquiditätsrisiken. Auch fehlte es an einheitlichen IT-Systemen, sodass die Qualität der Daten mangelhaft gewesen sei.

Die Angeklagten folgen mit ernster Miene den Vorwürfen der Staatsanwältinnen. Einige Male schütteln sie den Kopf und flüstern ihren Verteidigern etwas zu. Funke, 61 Jahre alt, hat sich lange in der Öffentlichkeit rargemacht. Äußerlich wirkt er seit seinem Ausscheiden aus der Bank im Jahr 2008 fast unverändert, nur um die Schläfen ist sein sonst schwarzes Haar grauer geworden. Die Vorlieben für einen Seitenscheitel, dunkle, zweireihige Anzüge und unauffällige Krawatten sind ihm geblieben. Und Funke kam auch nicht – wie von manchen erwartet – mit Mallorca-Bräune im Gesicht zur Verhandlung. Seine Exil-Jahre, als er auf der Insel Immobilien verkauft hat, sind vorbei. Wie es heißt, lebt das deutsche Gesicht der Finanzkrise in einem Münchner Vorort.

Der "Gier-Banker" Georg Funke

Dass Funke sich den zweifelhaften Titel eines „Gier-Bankers“ in der Boulevardpresse eingehandelt hat, ist dem Umstand zu verdanken, dass er nach der Zwangsverstaatlichung der Bank, also der Rettung des Unternehmens mit Steuergeldern, Gehalt und Pensionszahlungen in Millionenhöhe eingeklagt hat. Für viele ein ungehöriger Vorgang, der den Skandal perfekt macht.

In München zeigt sich Funke jedenfalls weder geläutert noch gramgebeugt. Der große Mann stellt sich aufrecht den Fotografen, die ihn minutenlang in Beschlag nehmen. Klack, klack und wieder klack. Der Angeklagte bleibt ruhig. Er hat jahrelang auf die Termine vor Gericht gewartet und seine Sicht der Dinge entwickelt, wie er bereits vor dem Prozess angriffslustig durchsickern ließ. Danach wäre nicht allein der von ihm 2007 veranlasste Kauf der Pfandbriefbank Depfa für die HRE-Katastrophe verantwortlich, sondern eben die Verhältnisse. Denn die Neuerwerbung hätte nach dieser Argumentation keine vernichtenden Kräfte entfaltet, wenn die US-Bank Lehman Brothers im Jahr 2008 vor der Pleite gerettet worden wäre. Mit der Insolvenz des amerikanischen Investmenthauses ging aber weltweit ein Sprengsatz hoch, der den Handel zwischen Banken erlahmen ließ. Das Vertrauen war weg – fatal für die Depfa, die an Immobilieninvestoren Kapital auf lange Sicht verlieh, sich das Geld dafür jedoch mit kurzfristigen Krediten besorgte. So griff die Krise auf die HRE über. Das Unglück nahm seinen Lauf.

Verteidiger setzt auf einen Freispruch

Funke wird heute in München zu den Ereignissen von damals eine angeblich 192 Seiten lange Erklärung verlesen. Zumindest soll der Text groß gedruckt sein. So viel scheint sich abzuzeichnen: Er wird versuchen, dem damaligen SPD-Finanzminister Peer Steinbrück und auch dem einstigen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann eine Mitverantwortung für die Katastrophe von 2008 unterzuschieben. Funkes Verteidiger Wolfgang Kreuzer setzt zuversichtlich auf einen Freispruch für seinen Mandanten. Das würde HRE-Geschädigte nicht befriedigen. Der Diplom-Finanzwirt und Steuerberater Bohdan Kalwarowskyj hatte seinen vier Kindern für je 5000 Euro Aktien der Hypo Real Estate zukommen lassen. Jetzt hofft der 55-Jährige das verloren gegangene Geld nach einem Schadenersatz-Musterprozess wieder für seinen erwachsenen Nachwuchs vielleicht noch in diesem Jahr reinholen zu können. Dazu bedarf es aber zunächst einer entsprechenden Entscheidung des Bundesgerichtshofs.

Einige Folgen der letzten weltweiten Finanzkrise sind auch in Europa immer noch nicht überwunden. In München steht nun derjenige Banker vor Gericht, der in Deutschland als «Gesicht» der Krise galt.
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Ein Artikel von
Stefan Stahl

Augsburger Allgemeine
Ressort: Leiter Wirtschaftsredaktion


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