Freitag, 15. Dezember 2017

24. März 2014 11:52 Uhr

Darmkrebsmonat März

Darmspiegelung: Das Bier danach soll Patienten anlocken

In der Vorbeugung gegen Dickdarm-Tumore ist nichts so effektiv wie die Darmspiegelung. Doch die Untersuchung ist aus verschiedenen Gründen nicht besonders beliebt.

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Begehbares Darm-Modell in Gera: Patienten sollten keine Angst vor einer Darmspiegelung haben - der Eingriff erfolgt unter einer leichten Narkose.
Foto: Bodo Schackow/Illustration (dpa)

Darmkrebs wächst üblicherweise langsam. Er entsteht meist aus Polypen, also zunächst gutartigen Gewächsen im Dickdarm. Wenn man die Polypen rechtzeitig entdeckt und entfernt, ist die Krebsgefahr gebannt. Deshalb sei es nicht verkehrt, die Darmspiegelung zur Früherkennung auch als „Vorsorge“ zu bezeichnen, schrieb unlängst die Ärztezeitung.

Die Screening-Koloskopie (Reihen-Darmspiegelung symptomfreier Personen) ist nicht besonders beliebt; obwohl sie seit 2002 den gesetzlich Krankenversicherten ab dem 55. Lebensjahr zusteht, wird sie nur wenig in Anspruch genommen. Und dabei, so meldete das Deutsche Krebsforschungszentrum schon 2010, konnten Berechnungen zufolge durch die Koloskopie zwischen 2002 und 2010 rund 100 000 Darmkrebsfälle vermieden werden; weitere 50 000 Fälle seien in einem frühen, noch heilbaren Stadium entdeckt worden. Dies sei umso erstaunlicher, als sich nur drei Prozent der Berechtigten pro Jahr der Untersuchung unterzogen hätten.

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Frei von Nebenwirkungen ist eine Darmspiegelung nicht

Freilich: Darmspiegelungen sind invasiv und damit nicht gänzlich frei von möglichen Nebenwirkungen. Es kann in sehr seltenen Fällen zu Blutungen kommen oder sogar zu einer größeren Verletzung des Darmes, und Ende vergangenen Jahres sorgte in Augsburg ein Prozess für Schlagzeilen, in dem es um einen Todesfall ging, der sich nach einer Darmspiegelung in einer Arztpraxis ereignet hatte.

Viele niedergelassene Gastroenterologen berichteten danach, dass Vorsorgeuntersuchungen abgesagt worden seien, sagt Professor Helmut Messmann, ebenfalls Gastroenterologe und Chefarzt der III. Medizinischen Klinik am Augsburger Klinikum. Ein solcher Todesfall sei ohne Zweifel enorm tragisch und für Betroffene und Angehörige ganz schrecklich, so der Chefarzt, „aber im Grunde“, betont er, „ist die Darmspiegelung eine der sichersten Untersuchungen.“

Der Nutzen der Koloskopie übersteigt die Risiken bei der Untersuchung

In weniger als drei von 1000 Untersuchungen komme es zu meist leichten Komplikationen; demgegenüber stehe der Nutzen der Koloskopie. Messmann verweist auf Studien, die den Nutzen der Vorsorge-Darmspiegelung belegten. So habe eine Studie gezeigt, dass die Sterblichkeit an Darmkrebs dadurch gesenkt werde. Und zwar um über 50 Prozent. Der Test auf verborgenes Blut im Stuhl  – Hämoccult genannt – sei deutlich weniger effektiv.

Überhaupt, die Stuhltests: Sie werden zwar, da einfach selbst anzuwenden, von der Bevölkerung besser angenommen als die Koloskopie, aber was bringen sie im Vergleich zur Spiegelung? In randomisierten, multizentrischen Studien habe der konventionelle, seit Jahrzehnten verwendete biochemische Test auf okkultes Blut im Stuhl eine durchschnittliche Sensitivität von 24 Prozent erzielt, heißt es in einer Info-Broschüre der Barmer GEK. Sensitivität beschreibt die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Test eine Krankheit zutreffend erkennt.

Der Haken ist, dass nicht alle Polypen entdeckt werden können

Doch es gibt einige Haken: Nicht alle Polypen bluten, und sogar bei Karzinomen ist das nicht immer der Fall. Zudem können auch eine bestimmte Ernährung oder Medikamente fälschlicherweise eine Blutung anzeigen. „Für drei Tage vor und während des Erfassungszeitraumes für Stuhlproben ist beispielsweise der Genuss von rotem Fleisch, Radieschen, Rettich, Brokkoli, Spinat, Bananen, Zitrusfrüchten und Säften zu vermeiden“, heißt es bei der Barmer GEK. „Mehr als 250 mg Vitamin C pro Tag können das Screeningergebnis verfälschen.“

Das ist bei den neueren immunologischen Stuhltests, die Blut mittels Antikörpern nachweisen, nicht der Fall, und sie zeigen auch genauere Ergebnisse. Noch müssen sie vom Patienten meist selbst bezahlt werden. Sie haben eine Sensitivität von 50 bis 60 Prozent, also deutlich mehr als biochemische Tests, sagt Messmann. Aber was ist das im Vergleich zur Koloskopie, die mit einer Sensitivität von 95 Prozent nahezu alle Tumoren und Polypen erkennt?

Weitwinkel-Endoskope sollen Erkennung erleichtern

100 Prozent werden zwar auch von der Koloskopie nicht erreicht; ein Problem seien die „Intervallkarzinome“, räumt Messmann ein. Intervallkarzinom, das heißt: Obwohl ein Patient koloskopiert worden ist und damit für die nächsten zehn Jahre eigentlich Sicherheit haben sollte, tritt zum Beispiel zwei Jahre später eine bösartige Geschwulst auf. Auch von Mammografien, Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchungen, ist dieses Phänomen bekannt. Gründe dafür könnten schnellwachsende oder bei der Untersuchung übersehene Tumoren sein.

Um die Gefahr zu mindern, dass Geschwulste übersehen werden, gibt es inzwischen Weitwinkel-Endoskope, mit denen man rundum beziehungsweise „um die Ecke sehen“ kann. Sie sollen die Koloskopie besser machen, die so schnell wohl kaum durch andere Methoden abgelöst werden wird. Denn virtuelle Koloskopien mittels Computertomografie, sagt Messmann, haben sich wegen der damit verbundenen Strahlenbelastung nicht durchgesetzt, und die Kapsel-Endoskopie, Hoffnung vieler Patienten, wird auch nicht so rasch kommen – „da tut sich momentan nicht viel, die Vorbereitung für die Untersuchung ist viel zu aufwendig“.

Das Schamgefühl hindert viele

Die Vorbereitung auf die Untersuchung, die Darmreinigung, ist nämlich auch bei einer Kapsel-Endoskopie notwendig – und bei den Patienten nicht beliebt. Vier Liter Spezialflüssigkeit (in Ausnahmefällen auch nur zwei) müssen sie vor einer Koloskopie trinken, um den Darm zu säubern und ein besseres Untersuchungsergebnis zu ermöglichen. Am Vortag der Untersuchung muss damit begonnen werden, sechs Stunden vor der Koloskopie soll die Darmreinigung abgeschlossen sein.

Ist sie ein Grund für die geringe Inanspruchnahme der Screening-Koloskopie? Sicher nicht allein, auch das Schamgefühl dürfte eine Rolle spielen. Messmann betont, dass man sich heute des Problems bewusst sei und behutsam mit dieser Thematik umgehe. Im Klinikum hat er als Chef der Endoskopie-Abteilung Vorkehrungen getroffen: Niemand muss sich im Untersuchungsraum umziehen, und für die Untersuchung selbst gibt es Papierhosen mit Schlitz.

Das Bier danach soll als Motivation dienen

Im Darmkrebsmonat März, den die Felix-Burda-Stiftung jährlich ausruft, sollen heuer Angehörige ersten Grades von Darmkrebspatienten verstärkt motiviert werden, sich koloskopieren zu lassen, wie Messmann sagt. Denn ihr Risiko ist gegenüber der Normalbevölkerung erhöht. Und es gibt heuer eine spezielle Aktion, um zur Teilnahme zu motivieren unter dem Motto „Das Bier danach“. In Zusammenarbeit zwischen einigen Brauereien, Praxen und Kliniken soll es nach der Darmspiegelung ein (alkoholfreies) Freibier geben. Messmann unterstützt die Aktion und spricht von einer „pfiffigen Idee“.

Innovationen auf dem Gebiet lassen noch auf sich warten

Nachdem aus der Hoffnung auf einen baldigen einfachen Bluttest zum Darmkrebs-Nachweis noch nichts geworden ist und auch die Kapsel noch auf sich warten lässt – was könnte kommen? Eine schonendere sogenannte „Kappen-Endoskopie“ oder die Wasser-Endoskopie, bei der anstelle von Luft Wasser in den Darm gepumpt wird, um ihn zu entfalten. Oder die Verwendung des Gases Kohlendioxid zur Darm-entfaltung, das schneller resorbiert und abgebaut wird als Raumluft – so dass es zu weniger Blähungen und Schmerzen kommt. Die MRT-Kolonografie, eine Kernspin-Untersuchung, bei der sich das Kontrastmittel mit dem Darminhalt vermischt, so dass der Darm nicht gereinigt werden muss, wird nach Einschätzung Messmanns noch mindestens fünf Jahre auf sich warten lassen.

Bewegung hilft, das Erkrankungsrisiko zu verringern

Was bleibt also für heute? Medikamente wie Aspirin oder Statine, denen günstige Effekte auf Tumorerkrankungen nachgesagt werden, können aufgrund möglicher Nebenwirkungen nicht zur Vorbeugung von Darmkrebs empfohlen werden. Immerhin kann regelmäßige moderate Bewegung laut Studien das Erkrankungsrisiko verringern. In Sachen Ernährung gebe es nicht viel, was man raten könne außer einer gesunden, ausgewogenen Kost, meint Messmann und betont: „Effektiv zur Vorbeugung ist nur die Darmspiegelung.“

Infos im Internet unter www.das-bier-danach.de

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Augsburg | Barmer

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Ein Artikel von
Sibylle Hübner-Schroll

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal