Donnerstag, 14. Dezember 2017

12. September 2016 11:17 Uhr

Horgau

Ein Denkmal im Wald erinnert an grausame Zeiten

Die Historikerin Katrin Holly führt zum ehemaligen KZ-Außenlager Horgau.

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Da ist zum Beispiel Jan. 1942, gerade einmal 14 Jahre alt, wird er aus seiner polnischen Heimatstadt verschleppt und wird Zwangsarbeiter. Er schafft es zu fliehen. Um zu überleben, klaut er Lebensmittel. Dabei wird der Junge 1943 erwischt – und ohne ein Gerichtsverfahren als „Gefährdung für die Sicherheit des deutschen Volkes“ eingestuft. Der Dieb muss ins Konzentrationslager. Im März 1945 kommt Jan schließlich in Horgau an – zusammen mit 306 anderen KZ-Häftlingen, die ein Zug von Bergen-Belsen hierher bringt. Dort befindet sich ein Außenlager des KZ Dachau, in dem die Gefangenen unter menschenunwürdigen Bedingungen Teile für das Düsenflugzeug Me 262 herstellen sollen.

Jahrzehntelang war das KZ-Außenlager Horgau kein Thema in der Region, bis Markus Seiler sich in seinem Studium damit beschäftigte – und damit den Anstoß für ein großes Projekt gab. Viele Menschen, Ehrenamtliche und Profis, arbeiteten zusammen, und so gelang es 2010, die Überreste des Lagers frei zu legen, zu dokumentieren und mithilfe von Zeitzeugeninterviews und Archivarbeit die Geschichte zumindest teilweise zu rekonstruieren.

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Gestern stapften nun etwa 60 Interessierte, Familien, Jugendliche und Senioren, durch den Wald, um sich über dieses dunkle Kapitel der Geschichte zu informieren – für das schwere Thema und den tollen Sommertag eine beachtliche Resonanz. Das ehemalige KZ-Außenlager war eine von 13 Stätten im Landkreis Augsburg, die man zum Tag des offenen Denkmals besichtigen konnte. Ja: Auch diese Beton- und Stahlstücke, die nahe Horgau-Bahnhof im Wald verborgen liegen, sind ein Denkmal. Es steht als Bodendenkmal sogar offiziell unter Denkmalschutz.

Die Fundamentreste und rote Holzstelen geben dem Besucher eine Ahnung davon, welche Dimensionen das Werk mit dem Tarnnamen „Blechschmiede“ hatte. Die größte der drei Montagehallen war 95 mal 15 Meter lang. Doch anschaulicher wird die Geschichte erst durch die Erzählungen der Historikerin Katrin Holly. Sie berichtet, wie es zu dem Lager kam: Als die Messerschmittwerke in Augsburg 1944 durch Bomben größtenteils zerstört wurden, wurde die Produktion dezentralisiert. Messerschmitt zahlte an die SS für jeden Zwangsarbeiter etwa zwei Reichsmark am Tag, die Häftlinge bekamen nichts. In Horgau sollten sie die Tragflächen und Bugspitzen für die Me262 fertigen, im Kuno-II-Werk bei Zusmarshausen sollte das Flugzeug dann montiert werden.

Von September 1944 bis März 1945 wurde die Blechschmiede geplant und gebaut, sagt Holly. Die meisten der 21 Gebäude waren einfache Holzhütten. Nur die wenigsten hatten ein Betonfundament, deshalb ist nicht mehr viel vorhanden. Wirklich in Betrieb war das Werk wohl nur einen Monat. Ob überhaupt Flugzeugteile gefertigt wurden, das konnten die Historiker noch nicht klären. Auch wie viele Menschen tatsächlich dorthin gebracht wurden, ist unklar. Ausgelegt war es für 700 Arbeiter. Belegt ist der Zug mit den 307 Häftlingen aus Bergen-Belsen, der am 9. März 1945 ankam. Darunter waren viele Jugendliche, sagt Holly. So wie Jan, der Lebenmitteldieb aus Polen.

In den Erzählungen der Historikerin wird deutlich, unter welch grausamen Bedingungen sie hier lebten. Sie waren unterernährt und geschwächt, wurden misshandelt und geschlagen. Die Wohnbaracken hatten womöglich nicht einmal Außenwände. Das Waschhäuschen, von dem man noch die Sickergrube sieht, war nur für das Personal. Die Häftlinge mussten zum Bach – und das „im schweinekalten Winter“, betont Holly. Mindestens sieben Menschen sind im Horgauer Lager gestorben, Dutzende in der Folgezeit. Von vielen verliert sich die Spur, so wie von Jan. Das Denkmal soll an sie erinnern. Ein Thema war am Sonntag auch dessen Pflege. Das Gelände gehört den Staatsforsten. Forstbetriebsleiter Hubert Droste erklärte, dass die Auszubildenden einmal im Jahr die Fundamente und Wege frei schneiden. Das letzte Mal war das vor zwei Wochen, deshalb kamen die Denkmaltag-Besucher gut durch. Droste sagte aber: „Am liebsten wäre es uns, wenn sich Schulklassen aktiv in die Pflege einbringen würden – so wie es auch bei der Erforschung war“.

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Ein Artikel von
Manuela Bauer

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Ressort: Lokalnachrichten


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