Wanderschäfer Josef Hartl zog mit fast 500 Schafen durch Augsburg und sorgte für viel Aufsehen. Viele freuen sich, doch der Schäfer bekam wegen seiner Herde auch schon Schläge ab.


Morgens acht Uhr. Noch liegt Tau auf dem Gras. Überall im Griesle hört man Vogelzwitschern. Doch diesmal wird das feine Konzert in den Bäumen übertönt von einem lautstarken, vielstimmigen Määähhh!!!. Fast 500 Schafe blöken rau und aufgeregt. Sie warten darauf, dass es endlich losgeht auf einen neun Kilometer langen Marsch flussaufwärts den Lech entlang – mitten durch den Grüngürtel der Großstadt in Richtung Kuhsee. Es ist ein Schafauftrieb, der in Augsburg in früheren Zeiten üblich war. Heute ist er eine Rarität.
Wanderschäfer Josef Hartl aus Mühlhausen hat sich an diesem Tag viel vorgenommen. Der neue Vertragsschäfer des Landschaftspflegeverbandes im Stadtwald will seine Herde möglichst in einem Rutsch vom Augsburger Norden, aus der Firnhaberau-Heide, in den Süden führen. Dort warten die neuen Weidegründe im Naturschutzgebiet, in denen die Schafe den ganzen Sommer über grasen sollen. Nun aber lautet der Auftrag, rund 400 Mutterschafe, 50 Lämmer und ein paar Ziegen sicher und ohne Verkehrschaos durch Augsburg zu bringen...
Anfangs ist die Herde unerwartet flott unterwegs. Vorneweg marschiert Schäfer Hartl, hinten treiben Hartl junior und ein Hilfsschäfer an. Rundherum um die Schafe kreisen die Hütehunde Luna und Prinz. Auf den Wegen am östlichen Lechufer im Bereich Lechhausen und Hochzoll sind viele Radler unterwegs. Einige fahren in die Arbeit. Doch als die Schafherde den Weg versperrt, reagieren sie sehr gelassen und halten an. Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg will einem die Ausweichroute erklären. „Nein, nein, so was erlebt man schließlich nicht jeden Tag“, wehrt der Radler ab. Dieses Spektakel will er sich nicht entgehen lassen.
Auch mit den Hundebesitzern, die mit ihren Vierbeinern Gassi gehen, gibt es an diesem Tag keine Probleme. Die meisten nehmen ihren Hund an die Leine, sobald sie die Schafe sehen. So soll es sein. Aber es ist nicht immer so. Mit Radlern, Joggern und Hundehaltern gab es im Stadtwald schon öfter Streit, als dort noch Schäfer Willi Hitzler seine Herde weidete. Er bekam sogar Faustschläge von einem Radfahrer ab.
Nach sechs Kilometern Marsch ist Pause an der Lechrainstraße. Für die Buben und Mädchen aus dem Kindergarten nebenan ist die Schafherde mitten in der Stadt eine Sensation. Doch für einen längeren Aufenthalt ist keine Zeit. Denn nun kommt eine schwierige Probe für Wanderschäfer Hartl. Er muss seine Schafe durch die Unterführung an der Friedberger Straße losten. Und prompt beginnen die Tiere kurz vor dem Tunnel zu zögern. Hartl stößt drei scharfe Pfiffe aus und ruft „komm, komm“. Seine Kommandos zeigen Wirkung. Die Schafe sammeln sich, die Hunde treiben sie nach vorn. In der Röhre vermeidet der Schäfer dann aber stärkere Geräusche. Lautes Hallen mögen seine Tiere gar nicht.
Auch unter der Eisenbahnbrücke in Hochzoll kommen die Schafe gut durch, und weiter über die Oberländer Straße, wo Autofahrer anhalten, um die Herde passieren zu lassen. Drei Stunden sind die Tiere nun unterwegs, leicht erschöpft, doch das Ziel ist nah. Kurz vor dem Kuhsee riechen sie Wasser und sind nicht mehr zu halten. Ein kurzer Stopp zum Trinken, dann endlich sind sie angekommen und können auf den Lechdämmen grasen.
Dort sind sie in den kommenden Monaten als lebende Rasenmäher im Einsatz. Denn typische Lechheidearten wie Enzian, Silberdistel oder Kreuzblümchen brauchen die Beweidung dringend zum Überleben.
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