Mittwoch, 18. Oktober 2017

25. September 2013 07:10 Uhr

Augsburg

Sex unter Tränen

Die Kripo beobachtet, dass immer mehr Freier die Prostituierten unwürdig behandeln. Ist die Werbung im Internet daran schuld, die Frauen wie Ware anpreist?

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Raue Sitten hinter den Fassaden der Bordelle: Die Ermittler der Augsburger Kripo beobachten, dass immer mehr Freier die Prostituierten wie Ware behandeln – und teils unwürdige Sexualpraktiken oder ungeschützten Geschlechtsverkehr einfordern. „Es ist erschreckend“, sagt Helmut Sporer vom zuständigen Kommissariat 1.
Foto: Symbolbild

Zuerst ist es ein Geschäft wie viele andere, die Tag für Tag im Bordell „Su Casa“ im Lechhauser Industriegebiet vereinbart werden. Es ist Anfang September, gegen 2 Uhr nachts. Die Prostituierte Sabina C.*, 21, ist mit einem Freier einig. 50 Euro soll der 29-jährige Bauarbeiter zahlen, für 20 Minuten Sex. Doch dann, so erzählt Sabina C., wird der Mann grob. Er packt sie fest, stößt ihr beim Sex den Ellenbogen ins Gesicht. Sie sagt ihm, dass er ihr wehtue und sie verletze. Doch dem Mann ist das offenbar egal.

Zuhälter zwingen Prostituierte zu ungeschütztem Sex

Bei der Augsburger Kriminalpolizei kennt man Fälle wie diesen. „Es ist erschreckend, wie Prostituierte auch in den Augen der Freier immer mehr zur Ware werden“, sagt Helmut Sporer, Chef des Kommissariats 1 bei der Kripo. „Man kauft sich eine Frau und meint, alles mit ihr machen zu können.“ Der Polizist erkennt einen Trend, der ihm Sorgen bereitet: Der Respekt gegenüber den Prostituierten sinke seit Jahren. Zudem beobachten die Rotlichtermittler, dass die Freier in den Bordellen häufiger entwürdigende Sexualpraktiken einfordern.

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Dazu gehört auch ungeschützter Sex ohne Kondom. „Der Wunsch danach steigt“, sagt Sporer – trotz des Risikos, sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken. Mancher Bordellbesucher sehe gerade darin einen besonderen Nervenkitzel. Viele Prostituierte machen das trotz der Gefahr mit, weil sie dafür mehr Geld verlangen können und sie sich einen Vorteil auf dem hart umkämpften Markt der käuflichen Liebe erhoffen.

Mitunter werden die Frauen auch von ihren Zuhältern zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gezwungen. Wie im Fall von Lili M.*, 18, die im Dezember vorigen Jahres auf dem Straßenstrich in Augsburg arbeiten muss. Die Ungarin steht am Nikolausabend in Lechhausen. Als sie einen Freier ablehnt, weil der ohne Kondom mit ihr schlafen will, bekommt sie den Ermittlungen zufolge Ärger mit ihrem Zuhälter. Der hat „seine“ Prostituierte von einem Parkplatz aus beobachtet. Er droht, ihren Eltern werde etwas zustoßen, wenn sie nicht in das Auto des Freiers einsteigt und die Forderungen erfüllt. Dieser Fall wird aufgeklärt; der Zuhälter sitzt in Haft, derzeit wird ihm der Prozess gemacht.

Wenn Zuhälterei und Menschenhandel aufgedeckt werden, dann ist es in der Regel die Polizei selbst, die einen Fall anstößt. Ab und zu gelingt es den Rotlichtermittlern, dass die oft unter einem Vorwand nach Deutschland gelockten Frauen den Beamten vertrauen und sich öffnen. Dann erzählen sie Geschichten von Angst, Verzweiflung und Ausbeutung. Hinweise von Freiern bekommt die Kripo selten. „Die meisten schieben den Gedanken daran, wie die Frauen hierher gekommen sind, wohl weg“, vermutet Helmut Sporer. Diese Erfahrung macht auch Soni Untereithmeier von der Hilfsorganisation Solwodi. Sie kümmert sich in Augsburg um Frauen, die Opfer von Menschenhändlern wurden.

„Es herrscht bei Freiern große Skrupellosigkeit“, sagt sie. Manche Prostituierte hätten schon versucht, den Männern klarzumachen, in welcher Lage sie stecken. Geglückt sei das aber so gut wie nie.

Schuld ist nach Ansicht von Soni Unterreithmeier nicht allein die Sprachbarriere; die meisten Frauen kommen heute als Armutsprostituierte aus Ungarn, Bulgarien oder Rumänien und sprechen fast kein Deutsch. Die Solwodi-Helferin kritisiert auch die Ignoranz der Freier. „Eine Frau hat erzählt, dass ein Mann weitergemacht hat, obwohl sie weinen musste.“ Die Tränen ließen ihn offenbar kalt.

"Was bei uns in Deutschland passiert, ist menschenunwürdig"

Über Gründe für die Verrohung der Sitten kann auch die Polizei nur spekulieren. Helmut Sporer glaubt, dass die Distanz zwischen den Bordellbesuchern und den Frauen größer geworden ist, weil diese heute meist aus dem Ausland kommen und durch die ganze Republik reisen. Häufig bleiben sie nur noch wenige Wochen in einer Stadt. „Früher gab es zumindest ein Mindestmaß an Beziehung zwischen Freier und Prostituierter“, sagt Helmut Sporer. Heute sei das nur noch selten der Fall. Dazu kommt aus Sicht der Polizei auch die Werbung, die vor allem übers Internet läuft. Dort werden die Frauen auf speziellen Seiten als Ware präsentiert – Sexualpraktiken werden aufgezählt wie Leistungsmerkmale eines Computers. Freier haben hinterher die Möglichkeit, die Frauen zu bewerten.

Der Freier von Sabina C.* fügt der Frau in jener Septembernacht nicht nur Schmerzen zu. Er nimmt einfach den 50-Euro-Schein wieder mit, weil er unzufrieden ist. Doch ein Aufpasser des Bordells stoppt den Mann, die Polizei wird gerufen. Kurz sitzt der Freier sogar in Untersuchungshaft, doch sein Anwalt Michael Weiss erreicht rasch die Freilassung. Die Frau habe dem Sex zugestimmt, so der Tenor der Gerichtsentscheidung. Von Vergewaltigung könne man daher nicht ausgehen. Soni Unterreithmeier sieht das anders. Sie sagt: „Was bei uns in Deutschland passiert, ist menschenunwürdig.“ *Namen geändert

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Ein Artikel von
Jörg Heinzle

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