Samstag, 18. November 2017

14. Juli 2014 11:19 Uhr

Wie der Lech gebändigt wurde

Aus dem Fluss ist in den vergangenen 100 Jahren ein langes Kraftwerk geworden. Ein neues Buch zeigt nicht nur die Veränderung. 

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Die Fotos führen den Wandel ganz brutal vor Augen: Wer auf der einen Seite den freien, ungezähmten Lech sieht, wie er sich einst durch Schwaben schob und schlängelte, bekommt auf der anderen Seite schnell ein Gefühl des Jammers. Sie zeigt den heutigen Lech als Wasserweg, der in ein Korsett aus Beton gezwängt dahinfließt und brav wie ein Fabrikarbeiter seine Aufgabe erfüllt – Strom machen: Als hätte man ein kleines Kind voller Tatendrang dazu verdonnert, nur noch still sitzend die eintönigste Arbeit der Welt zu erledigen. Die Bilder sind echt, sie sind die Wahrheit. Sie regen die Gefühle an und lassen uns rufen: Befreit den Lech! Doch das sind nur die Emotionen.

Sie sind gewaltig, aber doch zu wenig. Das zeigt ein neues Buch der Universität Augsburg. „Der gezähmte Lech. Ein Fluss der Extreme“ (Volk Verlag) schildert den Umbau des Lechs vom freien Fluss zum „Cyborg“, einem Mischwesen aus Natur und Technik, in großem Format mit eindrucksvollen Bildern. Doch die Aufsätze von Wissenschaftlern, Studenten und Naturschützern beschreiben nicht nur, was das Auge sieht. Sie liefern neue Eindrücke aus der Geschichte des Lechs: Warum Selbstmörder in Fässern in den Fluss geworfen wurden, welche Rolle er im Mittelalter spielte und wie er Augsburg mit Holz und Wasser versorgte. Sie fassen vor allem aber seinen Wandel zusammen und liefern Denkanstöße. Und plötzlich ist manches gar nicht mehr so eindeutig.

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In Augsburg wird das klar, wenn Daniela Holzmann auf den Einsatz der Bürger für den Lech blickt. Kaum jemand würde heute noch gegen eine „Renaturierung“ des Lechs reden – die Wertach ist das perfekte Beispiel dafür. Doch im Detail sind die Wünsche und Ansichten der Menschen doch erstaunlich wandelbar, beschreibt die Historikerin: Während für viele der Lech nur befreit würde, wenn man die Rampen und Schwellen herausreißt, hätte das am Hochablass nie jemand gefordert. Als es dort Streit um das Wasserkraftwerk der Stadtwerke gab, kämpften die Bürger für den Erhalt des Wehres samt Wasservorhang. Die Wissenschaftlerin beschreibt, wie in der Debatte um ein weiteres Kraftwerk im Stadtwald beide Seiten das Wort ökologisch nutzen. Und an anderer Stelle stellt das Buch künstliche Seen unter touristischen Gesichtspunkten vor. Und man stellt sich die Frage: Würden die Menschen auf den Mandichosee – aufgestautes Lechwasser – noch verzichten wollen? Oder ist er schon Teil unserer Natur?

Wer den alten Lech kennt, den muss so eine Frage schmerzen. Es ist unzweifelhaft, dass der Fluss geschunden wurde und unheimlich viel verloren hat. Deutlich wird das unter anderem im Aufsatz von Jens Soentgen (Wissenschaftszentrum Umwelt), der das Buch mit Marita Krauss und Stefan Lindl (beide Lehrstuhl Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte) herausgegeben hat. Er schreibt: „Der Lech (...) ist kein Fluss mehr, er ist etwas Neues geworden, ein Mischwesen aus einem natürlichen Gewässer und einem kilometerlangen maschinellen System.“ Das bringt ihn zum schon erwähnten Begriff des „Cyborg“, der in Science-Fiction-Werken für Mischwesen aus Mensch und Roboter steht. Es war auch ein wenig Science Fiction, die den Lech so degradierte.

Man träumte von Strom. Klar, man ängstigte sich auch vor Hochwasser. Doch dieser Einwand verfliegt, wenn man liest, wie planvoll der Lech zu einem Kraftwerk umgebaut wurde. Marita Krauss erzählt, wie Ingenieure zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Hunger nach Strom am liebsten das Voralpenland umgepflügt hätten. Von einer Vereinigung von Lech und Wertach ist zu lesen und von einer Trockenlegung der „uralten Stadtkanäle“ in Augsburg. Das blieb uns erspart, doch was kam, ist tiefgreifend genug. Heute wird der Lech, schreibt Soentgen, gefahren wie ein Kraftwerk. Im Rhythmus der Menschen fließt unter der Woche und unter Tags mehr Wasser aus dem Forggensee gen Augsburg und unterwegs durch die Kraftwerke. Kraftwerksbetreiber können allerdings erwidern: Das ist ökologischer Strom. Ohne Atom, ohne CO2. Dennoch zahlen wir und die Natur einen ökologischen Preis.

Ökologischer Strom gegen ökologischen Verlust

Der äußerliche Wandel ist der eine. Doch die Folgen gehen tiefer. Der Lech kann keine Kieselsteine mehr transportieren und gräbt sich ein. Flussfische sind verschwunden, die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entlang des Lechs leidet und ist in Gefahr. Und nun? Das Buch ist ein Appell für eine Lechbefreiung. Unter dem Schlagwort „Licca liber“ laufen die Planungen. Sie werden noch zu vielen Diskussionen führen. „Der gezähmte Lech“ liefert Argumente – wissenschaftlich, aber nicht wissenschaftlich kompliziert.

, von Marita Krauss, Stefan Lindl, Jens Soentgen, Volk Verlag München, 231 Seiten, ¤ 24,90

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Marcus Bürzle

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