Donnerstag, 25. August 2016

30. November 2015 10:21 Uhr

Theater Augsburg

"Hoffmanns Erzählungen": Überall Frauen, überall Desaster

Am Samstag feierte die Oper "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach Premiere im Theater Augsburg. Wie die Aufführung abschnitt und warum die Zuschauer Geduld mitbringen müssen.

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Dass er von der am Theater Augsburg dreifach aufgespaltenen Giulietta (Sally du Randt) seine Seele geraubt bekommt, ahnt Hoffmann (Ji-Woon Kim) noch nicht.
Foto: A.T. Schaefer

Es wird ja auf den Bühnen nicht wenig gezecht. Trinklieder sind fast schon ein eigenes Genre in Oper und Operette. Veritable Affen saufen sich Osmin, Frosch und Frank und auch Hoffmann in „Hoffmanns Erzählungen“ an. Letztgenannte Opéra fantastique ist sogar ein monströser Sonderfall zum Thema Kampftrinken: Man darf behaupten, dass die Akte 2, 3 und 4 quasi Ausgeburt des Hofmannschen Deliriums sind. Da erzählt er bei Bier, Wein, Punsch drei Katastrophen der Liebe und Verblendung – wobei kein Zuhörer in Luthers Keller Gewissheit darüber erhält, was gut erfunden, was böse erlebt. Hoffmanns Muse entsteigt dem Weinfass.

Die Geister, die er ruft, wird er nicht mehr los. Und der fünfte Akt hängt gleich noch eine weitere Liebes-Niederlage an – indem sich die von ihm angebetete Mozartsängerin Stella nach absolvierter Don-Giovanni-Aufführung von ihm abwendet. Weil er halt wieder hackezu ist. Ja, Hoffmann ist ein Looser, eine verkrachte Existenz; womöglich zeitigt der Alk auch schon psychopathologische Wirkung: Schreckgestalten, Phantasmagorien allüberall. Der echte E. T. A. Hoffmann einst hatte übrigens noch Lues...

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Man braucht Geduld im Theater in Augsburg

Auf jeden Fall sind „Hoffmanns Erzählungen“, komponiert von dem sonst so amüsant-parodistischen Jacques Offenbach zutiefst abgründig und destruktiv. Zum Theater Augsburg muss man jetzt Geduld mitbringen, bis sich eben dieses Abgründige und der Horror und das Dämonische ihren Weg auf die Bühne bahnen. Manches treibt inszenatorisch in den ersten drei Akten eher gelaunt statt verbindlich dahin, obwohl auch da schon diese Oper keine Operette ist.

Eingeräumt: Es gibt schöne Regieeinfälle, etwa Stella als „ferne (Plakat-)Geliebte“, etwa der Koloraturen-Singautomat Olympia auf dem Catwalk als ein Frauenmaschinen-Prototyp unter mehreren Frauenmaschinen-Prototypen, auch die Jazz-Combo mit Frantz, Niklausse und Antonia. Aber einen sarkastisch-erschreckenden Zug in Richtung Desaster-Finale, wo Hoffman (musikalisch abrupt) erledigt sein wird, hat das nicht. Die wesentliche Dimension des Albtraums kommt noch zu kurz. Auch weil Hoffmanns Gegenspieler, sängerisch zusammengefasst in einer Person, eher wie Intriganten nur wirken, nicht wie Höllenfürsten. Auch, weil Regisseur Jim Lucassen bei der Personenregie doch häufig etwas steif, formelhaft, kreuzbrav arbeitete. Bisweilen wird mit hängenden Armen gesungen.

Spät dann, gegen Ende des vierten Aktes kriegt der Abend Entsetzen: Vor der glückselig-wiegenden Hintergrundmusik der Barcarole – Opernhitmusik gleich „Va, pensiero“ aus Nabucco – erdrosselt Hoffmann Schlemihl zärtlich, bevor er Pitichinaccio erschlägt. Ein Toter mehr als in den üblichen „Hoffmann“-Fassungen bis zur Jahrtausendwende. Die Verzweiflungstaten und der zuckersüße Klang der venezianischen Lebegesellschaft um das Biest Giulietta, das Hoffmann die Seele entreißt, klaffen nachtschwarz auseinander.

Dieser Hoffmann ist bei Regisseur Jim Lucassen weniger Dichter als Bildender Künstler. Er vertrauerarbeitet seine tragischen Lieben zu Olympia, Antonia, Giulietta in drei abstrahierenden Skulpturen – erkennbar in einer Schaffenskrise steckend: Seine gebastelten Werke, die im Verlauf des Abends im Einheitsbühnenraum eines Foyers enthüllt werden (Bühne: Marc Weeger), dürften es schwer haben, eine Fachjury zu überzeugen. Es fehlt noch an Formfertigkeit. Und für sich selbst, beziehungsweise für sein Alter Ego „Kleinzach“, zimmert Hoffmann eine Vogelscheuche. So ist er als Künstler und Charakter heruntergekommen.

Der Gesamteindruck der Aufführung lässt sich steigern

Diesen Hoffmann singt Ji-Woon Kim mit ansprechendem Timbre, mitunter etwas vorsichtig in der Höhe, aber profund und durchschlagend in der Tiefe – ein Vorteil der Aufführung, wie überhaupt die Solistenleistungen die Produktion emporheben: Einmal mehr beglückt Cathrin Lange, diesmal als Zwitschermaschine Olympia; Adréana Kraschewski als wunderbar sich verströmende Antonia sollte man eigentlich fest verpflichten; Sally du Randt glänzt als berechnende Giulietta; Christiane Bélanger hört und sieht man umgehend die französische Muttersprache und eine gewisse mütterliche Verantwortung für Hoffmann an. Dessen Kontrahenten (von Lindorf bis Dapertutto) singt Young Kwon mit gewichtigem Bass, nun müsste noch das Perfide ins Spiel kommen. Szenenapplaus für die originelle E-Gitarren-Einlage von Frantz (Christopher Busietta).

Nicht unproblematisch zeigt sich die musikalische Gesamtanlage des Abends. Die Inszenierung verlangt einige „Kunstpausen“, Lancelot Fuhry am Pult vor Philharmonikern und Opernchor setzt mit Fingerspitzengefühl auf ausformulierte Detailarbeit – doch beides (plus vielfacher Nummernapplaus) machen die Aufführung mitunter auch etwas behäbig. Wackler im Orchester und Chor kamen hinzu; anderes wiederum erklang betörend schön (Hornsatz). Ein wenig mehr Zusammenhalt, ein wenig mehr Flüssigkeit im szenischen und orchestralen Ablauf: der Gesamteindruck ist steigerbar. Das Publikum seinerseits ließ ungebrochene Zustimmung hören.

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