Donnerstag, 19. Oktober 2017

14. Februar 2017 12:08 Uhr

Schule

In Augsburg schreiben Schüler jetzt Zeugnisse für ihre Lehrer

An zwei kirchlichen Gymnasien in der Region sollen Schüler künftig einschätzen, wie gut ihr Lehrer den Unterricht gestaltet. Ist das ein Modell für ganz Bayern?

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Diesmal sind die Schüler dran: Ab März sollen sie am kirchlichen Gymnasium in St. Ottilien ihren Lehrern Rückmeldungen zum Unterricht geben.
Foto: Stephan Jansen, dpa (Symbolbild)

Die Diskussion kennen alle Eltern – und wenn am Freitag Bayerns Schüler ihre Zwischenzeugnisse bekommen, dürfte sie wieder besonders leidenschaftlich geführt werden: Ist der Lehrer schuld, wenn das Kind eine Fünf nach Hause bringt? Wenn es beim Stoff einfach nicht hinterherkommt? Oder müsste sich der Nachwuchs vielleicht doch ein bisschen mehr zum Lernen aufraffen?

Digitaler Fragebogen als "Lehrer-Zeugnis"

Zwei Schulen in der Region wollen jetzt ganz sicher gehen, dass Schüler und Lehrer die gleichen Ziele verfolgen. Am kirchlichen Mariengymnasium in Kaufbeuren und dem katholischen Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien (Kreis Landsberg am Lech) stellen die Schüler künftig eine Art Zeugnis für Lehrer aus. Sie beantworten anonym einen digitalen Fragebogen, der sich mit der Leistung des Lehrers befasst. Einmal im Jahr sehen sie sich unter anderem dessen Motivation an. Sie beurteilen, wie gut man den Stoff versteht und ob der Lehrer respektvoll ist. Noten von eins bis sechs gibt es nicht, die Skala reicht in vier Abstufungen von „trifft zu“ bis „trifft nicht zu“.

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Die Befragung ist ein Modellversuch des Schulwerks im Bistum Augsburg. Bewährt sich das Konzept, könnte das Zeugnis für Lehrer auch an den 36 weiteren Schulen des Schulwerks eingeführt werden.

Michael Häußinger, Schulleiter des Rhabanus-Maurus-Gymnasiums, hat den Fragebogen mitentwickelt. Er betont, dass sich viele Lehrer schon lange Rückmeldungen von ihren Schülern holen – an kirchlichen Schulen ebenso wie an staatlichen. Allerdings sei das bisher immer auf freiwilliger Basis geschehen. Vier Jahre lang hat es gedauert, bis die richtige Form für das Pflicht-Feedback gefunden, der Schulträger überzeugt und Vorbehalte einzelner Lehrkräfte ausgeräumt waren.

Mit dem Begriff „Zeugnis für Lehrer“ hat Schulleiter Häußinger seine Probleme. „Das Schülerfeedback wirkt sich auf keinen Fall auf die Bewertung der Lehrer durch die Schulleitung aus“, betont er. Die nämlich erfahre das computergenerierte Ergebnis gar nicht – ganz im Gegensatz zum einzelnen Lehrer natürlich. Häußinger zufolge soll die Meinung der Schüler die Lehrkräfte zur „Selbstreflexion“ anregen und ihnen eine Hilfe sein. An den Träger der Schule wird das Ergebnis allerdings schon weitergeleitet. Lehrer, die sich in einzelnen Bereichen verbessern sollten oder möchten, sollen dann passgenaue Angebote erhalten.

Referendare im Freistaat sind nicht begeistert

An den staatlichen Schulen im Freistaat gibt es bisher kein flächendeckend verbindliches Schülerfeedback. Seit November 2016 läuft aber an 80 bayerischen Schulen ein Pilotprojekt, in dem angehende Lehrer im Referendariat die Meinung ihrer Schüler einholen müssen. Sie werten die Aussagen selbst aus und suchen sich einen erfahrenen Lehrer, mit dem sie das Ergebnis besprechen. Der Versuch findet an allen Schultypen statt, für die dienstliche Beurteilung spielt er dem Kultusministerium zufolge aber keine Rolle.

Ob das Modell nach zwei Jahren Probe verpflichtend eingeführt wird, sei noch nicht abzusehen. Bayerns Referendare und Junglehrer jedenfalls sind nicht gerade begeistert davon. Ihr Sprecher Dominik Lörzel hält das System für unnötige Bevormundung. Er selbst unterrichtet heute Wirtschaft und Informatik am Hans-Sachs-Gymnasium in Nürnberg. „Schon vor Jahren habe ich im Referendariat freiwillig meine Schüler nach ihrer Meinung gefragt“, sagt Lörzel. Viele andere täten das ebenfalls längst von sich aus. Auch beim Pflicht-Feedback entscheidet jeder angehende Lehrer selbst, ob er die Erkenntnisse umsetzt. Dazu könne man also weiterhin niemanden zwingen, sagt Lörzel.

In St. Ottilien sollen im März die ersten Schüler den Fragebogen ausfüllen. Welche Klasse ihn bewertet, kann sich jeder Lehrer selbst aussuchen. Aber was, wenn ein Schüler die Chance nutzen will, um dem Lehrer endlich alles heimzuzahlen, was er ihm übelnimmt? Häußinger macht sich da keine Sorgen. Erstens werde die Meinung eines einzelnen Schülers durch die seiner Klassenkameraden relativiert. „Außerdem haben unsere Schülersprecher einen großartigen Imagefilm gedreht, in dem sie den Schülern zeigen, dass man genau das nicht tun sollte.“

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Ein Artikel von
Sarah Ritschel

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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