Donnerstag, 14. Dezember 2017

12. Oktober 2017 04:01 Uhr

Buchmesse Frankfurt

Mindelheimer schreibt Buch über seine Depression

Vor einem Jahr war er in Therapie, nun ist der Mindelheimer Jochen Gerbershagen auf der Buchmesse in Frankfurt vertreten – mit seinem eigenen Gedichtband „therapichten“.

i

Er kann wieder strahlen: Jochen Gerbershagen hat mithilfe seiner Gedichte seine Krankheit in den Griff bekommen.

Zehn Jahre lang reitet Jochen Gerbershagen sprichwörtlich auf der Rasierklinge, und als das von ihm gegründete Startup-Unternehmen endlich gut läuft, sagt sein Körper: „Jetzt ist Feierabend.“ Als Jungunternehmer hat er viel Energie in seine Firma gesteckt, die von Mindelheim aus chirurgische Einwegprodukte in die ganze Welt vertreibt. Es ist sein Geschäftspartner, der ihm sagt, dass er sich professionelle Hilfe holen muss, um seine Erschöpfung in den Griff zu bekommen, und Gerbershagen hört auf ihn.

Burnout. Das ist seine erste Vermutung. Doch schnell stellen der 46-Jährige und sein Therapeut in Memmingen fest: Es ist kein Burnout. Es ist eine schwere Erschöpfungsdepression, an der er leidet. Er, der großgewachsene Mann, der aussieht, als könnte ihn nichts umhauen. „Ich hab’ das Wort erst gar nicht über die Lippen gebracht“, sagt Jochen Gerbershagen. „Burnout ist gut. Bei Burnout denkt man: Der hat viel gearbeitet. Bei Depression denkt man: Der ist ein Psycho.“

ANZEIGE

Der Mindelheimer geht in eine Oberstdorfer Klinik

Doch er will das Problem angehen, verlässt seinen Alltag und betritt zum ersten Mal in seinem Leben eine psychosomatische Klinik. Für ihn ist es ein großer Schritt, aber das Konzept der Oberstdorfer Adula-Klinik gefällt ihm. Am dritten Abend kauft sich der Mindelheimer einen Gedichtband, liest seinem Zimmernachbarn daraus vor.

Tags darauf will Gerbershagen beginnen, Tagebuch zu führen. „Ich musste was aufschreiben, weil ich merkte, hier passiert ganz viel.“ Doch schon ist der Druck wieder da. Aufschreiben müssen. Überhaupt: Müssen, müssen, müssen – das war genau der Grund, weshalb er hier war. Frustriert gibt er auf. Da fällt ihm plötzlich ein, dass er schon als junger Erwachsener beim Spazierengehen Gedichte im Kopf formuliert hat – und es bis heute tut.

Keine zehn Minuten später ist Gerbershagens erstes Gedicht fertig. Es handelt von seiner Ankunft: (...) ich bin ganz hier, ich bin ganz da / hab selbst mich mitgenommen/ hab angst im bauch / hab angst im Kopf / ich drohe zu zerspringen / ich spür den druck / ich spür die enge / von all den wirren dingen / mein weg beginnt, ich schleich ganz leis / auf meinen nackten sohlen / die erste zeit durchs nebelreich / noch bin ich ganz verstohlen / doch taucht so mancher funke auf / in meinem wirren sinnen / ich setz ihm nach/ will fassen ihn / doch schon ist er von hinnen / ich geb nicht auf, ich schaff das schon / ich werde weiter suchen / nach dem, was tief vergraben ist / und hör’s in mir schon rufen.

„Ich war selbst baff, wie ich das formuliert habe“, sagt er heute. Die Gedichte sind der Beginn eines Prozesses, den der 46-Jährige „vom Muss zum Darf“ nennt. „Es ist das Kernstück meiner Heilung, das mich bis heute begleitet“, sagt er. „Ich darf heute aufstehen, ich darf ins Büro gehen – aber ich muss auch nicht.“

Über die ganze neunwöchige Therapie hinweg greift Gerbershagen immer wieder zu Stift und Papier. Er notiert in seinen Gedichten Gedanken und Gefühle, die er selbst noch gar nicht bewusst wahrgenommen hat. „Die Gedichte sagen mir, was mich beschäftigt.“ Die Mitpatientin, die an Magersucht leidet. Die Musikerin, die ihre Gesangsstimme verloren hat. Aber auch seine eigenen Traumata. Als Sechsjähriger wurde Gerbershagen Opfer eines Missbrauchs; als Teenager wurde er vor den Zug geworfen. Wie sehr ihn der Lehrer, der ihn „Fliegenbein“ nannte, und der Mordversuch noch beeinflussen, merkte er in de Therapie – und man merkt es in seinen Gedichten. Was man darin aber ebenfalls erfährt: Seine Genesung schreitet voran. Am Ende geht es um einen neuen Anfang: anders als zuvor/ verändert / die form / die farbe / vielleicht manche narbe / die gestalt / der gehalt / mal besser, mal schlechter / das außen / das innen / mal zart / mal spinnen / das ich / die masse / mal falsch / mal klasse / doch nie alt / sondern neue gestalt.

Immer wieder las Jochen Gerbershagen Mitpatienten seine Texte vor und viele motivierten ihn, sie bei einem Verlag einzureichen. Der Mittvierziger selbst dachte: „Wer will das denn schon hören?“ Er versuchte sein Glück dennoch beim Deutschen Lyrikverlag – und hatte drei Tage später den Vertrag in der Tasche. Ohne die geringste Änderung wurden seine 33 Gedichte, die in der Therapie entstanden sind, veröffentlicht. Gerbershagen verwendet wenig Satzzeichen und schreibt alle Wörter klein, um dem Leser möglichst viel Interpretationsspielraum zu lassen. Den Titel „therapichten“ – eine Wortschöpfung aus „Therapie“ und „Gedichten“ – behält der Verlag ebenfalls bei. Das Titelbild hat Jochen Gerbershagens Frau Birgit gemalt.

Trotz einiger Bedenken aus seinem Umfeld will der gebürtige Siegener seine Gedichte und seine Geschichte öffentlich machen. „Ich habe in der Klinik gemerkt, dass ich etwas geschafft habe. Ich habe es geschafft, dass ich mich mit der Depression beschäftige“, sagt er. „Es gibt so viele da draußen, die es nicht tun.“ Er hält Offenheit, gerade bei einem solch hochsensiblen Thema, für den richtigen Weg. „Der erste Schritt ist, darüber zu reden. Und ich wüsste nicht einen, der mir negativ begegnet ist.“

Gerbershagen hat einen tiefen Glauben an Gott, der ihn durch diese schwere Zeit getragen hat und weiterhin trägt. Heute sieht er seine Krankheit als „Geschenk des Himmels“ an, weil er gelernt habe, mehr auf sich selbst zu achten. „Eine Depression ist ein Warnsignal des Körpers“, erklärt der 46-Jährige. „Dahinter steckt eine große Verletzung.“ Seit er die Klinik verlassen hat, habe sich sein Blick auf die Menschen verändert. Er urteile nicht mehr so schnell über sie.

20 Jahre lang wollte er schon einen Fantasy-Roman schreiben

Was er beibehalten hat, ist das Schreiben. Gedichte. Und einen Fantasy-Roman, von dem er schon lange träumt. Er nennt das Realitäts-Check. Früher habe er gedacht, er könne kein solches Buch schreiben. „Aber behaupten, dass man etwas nicht kann, kann ja jeder“, sagt er und grinst. Früher habe er sich selbst abgewertet, wie es viele Menschen tun. „Das ist der Grund, warum ich 20 Jahre nicht geschrieben habe.“

Wie schnell sich das Leben drehen kann – Jochen Gerbershagen ist der lebendige Beweis dafür: Heuer, gut ein Jahr nach seiner Therapie, ist er mit seinem eigenen Buch zum ersten Mal in seinem Leben auf der Buchmesse unterwegs. Er plant, künftig Lesungen abzuhalten, will sie mit Informationen zur Depression verknüpfen. Und er will die sogenannte Bibliotherapie bekannter machen – das ist eine Therapie durch aktives Lesen und Schreiben. „Wir nennen uns das Volk der Dichter und Denker“, sagt er. „Denker haben wir jede Menge – aber Dichter zu wenig, finde ich.“ Mit seinem eigenen Beispiel will er andere ermutigen, zum Stift zu greifen und den Realitäts-Check zu machen: „Es gibt so viel mehr Leute, die was zu sagen haben, aber sich nicht trauen.“

i

Schlagworte

Mindelheim | Frankfurt | Memmingen

Ihr Wetter in Mindelheim
14.12.1714.12.1715.12.1716.12.17
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                Regenschauer
	                                            Wetter
	                                            Regenschauer
                                                Wetter
                                                Schneeregen
Unwetter2 C | 6 C
-1 C | 5 C
-1 C | 2 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Ein Artikel von
Melanie Lippl

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Lokalnachrichten Mindelheim


Alle Infos zum Messenger-Dienst
Unternehmen aus der Region

Bauen + Wohnen

Wandern und Radeln in Mittelschwaben

Veranstaltungen vom 14.12.2017
Partnersuche