Dienstag, 21. November 2017

20. Juni 2017 06:45 Uhr

London

Anschlag auf Moschee: Polizei nennt Namen des Terrorverdächtigen

Ein Lieferwagen rast in eine Menschengruppe unweit einer Londoner Moschee. Passanten überwältigen den Fahrer. Dann schützt ihn ein Imam vor der Menge. Von Katrin Pribyl

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Abermals wacht Großbritannien mit Nachrichten über einen Anschlag auf. Wieder trifft die Gewalt London, dieses Mal wird die muslimische Gemeinde im Norden der Stadt angegriffen. Ein Mann stirbt vor Ort, zehn Menschen erleiden Verletzungen, zwei davon schwere. Ob der Tod eine Folge des Anschlags war, wird noch untersucht.

Es ist kurz nach Mitternacht, als zahlreiche Gläubige nach dem abendlichen Fastenbrechen und den Gebeten beschwingt die Moschee in der Gegend von Finsbury Park verlassen. Wegen des Fastenmonats Ramadan sind besonders viele Menschen unterwegs. Offenbar fühlt sich ein älterer Mann nicht wohl, Umstehende kümmern sich um ihn, als plötzlich vor einem Gemeindezentrum ein weißer Lieferwagen auf sie zurast und absichtlich in die Menge fährt. Es bricht Panik aus. Der Angreifer wird aus dem Fahrzeug gezerrt, während er angeblich schreit: „Alle Muslime, ich will alle Muslime töten.“

Mutmaßlicher Täter soll vierfacher Familienvater aus Cardiff sein

Beim Versuch zu flüchten wird er von einigen Männern überwältigt und am Boden festgehalten, unter anderem vom Imam Mohammed Mahmoud, der sich laut Zeugen daraufhin vor den Terrorverdächtigen stellt, um ihn so vor der Wut der Menschen zu schützen. „Fasst ihn nicht an“, ruft er. Später wird der Imam als „Held des Tages“ gefeiert.

Die Polizei nimmt den mutmaßlichen Täter wenig später fest. Der Mann, gegen den nun wegen Mord und Terror ermittelt wird, soll der 47 Jahre alte Darren Osborne aus der walisischen Hauptstadt Cardiff sein, ein vierfacher Familienvater. Zunächst hatte die Polizei sein Alter mit 48 Jahren angegeben. Bis Sonntagabend war er der Polizei nicht wegen extremistischer Aktivitäten aufgefallen.

Der "Telegraph" berichtete, der 48-Jährige hätte sich allerdings seit einigen Wochen zunehmend negativ über Muslime geäußert. So habe er einen zwölfjährigen Asiaten aus der Nachbarschaft beleidigt und sei am Tag vor der Attacke wegen ausländerfeindlicher Äußerungen aus einer Kneipe geflogen. "Er ist laut und aggressiv", zitierte die Zeitung einen Besucher des Pubs in Cardiff, der Hauptstadt von Wales.

Mit Handschellen winkt der Täter aus dem Polizeiwagen zur aufgebrachten Menge, die immer wieder fragt: „Warum hast du das getan?“ Polizeichefin Cressida Dick sagte am Montag, die Bluttat sei "ganz klar eine Attacke auf Muslime."

May verurteilt möglichen Terroranschlag auf Muslime in London

Premierministerin Theresa May tritt nach dem möglichen Terroranschlag wie so oft in den vergangenen Wochen vor die Downing Street und verurteilte das Attentat als „widerlich“. Sie kündigt an, man werde gegen Terrorismus und Extremismus jeglicher Art ankämpfen.

Sie preist London als vielfältig, einladend, lebhaft, mitfühlend, selbstsicher – und „entschlossen, niemals dem Bösen und dem Hass nachzugeben“. Kurz darauf besucht sie den Tatort und spricht mit Überlebenden. Oppositionsführer Jeremy Corbyn tut es ihr gleich.

Mays schnelles Handeln rührt aus der Erfahrung der vergangenen Woche. Nach dem verheerenden Hochhausbrand in Westlondon wurde sie unter anderem als mitleidslos kritisiert, weil sie zunächst zwar Einsatzkräfte getroffen hatte, aber keine Opfer des Infernos.

Muslime fordern mehr Sicherheit für Moscheen

Vertreter muslimischer Gemeinden reagieren schockiert, verurteilen die Attacke und fordern mehr Sicherheit für Moscheen. Unterstützt werden sie von christlichen, jüdischen und hinduistischen Führern des multikulturellen und multireligiösen Viertels. „Ein Angriff auf einen Glauben ist ein Angriff auf alle Glaubensrichtungen“, sagt Mohammed Kozbar von der nahen Finsbury-Park-Moschee. Es sei ein erneuter schockierender Terroranschlag – „und wir müssen ihn auch so nennen“, sagte er.

Zuvor war Kritik aufgeflammt, weil die Polizei in der Nacht zunächst nur von einem „schwerwiegenden Vorfall“ gesprochen hatte und auch die rechtskonservative Boulevardpresse den Begriff Terror vermied. Doch Kozbar sagt, unschuldige Menschen seien kaltblütig umgebracht worden. Das sei nicht anders als kürzlich in Manchester, Westminster oder auf der London Bridge. Der neue Angriff war „ganz klar eine Attacke auf Muslime“, sagt dann auch Scotland-Yard-Chefin Cressida Dick. (mit dpa)

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