Montag, 30. Mai 2016

23. Februar 2014 09:13 Uhr

Gerhard Schröder

Der alte Wolf ist wieder da

Es ist still geworden um Gerhard Schröder. Seine Frau macht jetzt Politik, während er sich um die Kinder kümmert oder Skat spielt. Doch der Altkanzler hat noch ein letztes Ziel.

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Er ist wieder da. Der Altkanzler schafft es auch heute noch, mit seiner Aura einen Raum auszufüllen. Zwei Legislaturperioden sind vergangen, seit der Sozialdemokrat abgewählt worden ist. In den letzten Jahren hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jetzt greift er noch einmal an. Der Mann hat eine letzte Mission.
Foto: Bodo Marks, dpa

Er schmiert jetzt Pausenbrote für die Kinder. Er will ein guter Vater sein. Damals war ja kaum Zeit dafür. Das ist heute anders. Zeit hat Gerhard Schröder genug. Zum Hausmann taugt er trotzdem nicht. Er hat noch immer kein eigenes Handy. Wie damals als Kanzler. Einer wie er hat es doch nicht nötig, dauernd erreichbar zu sein. Oder ist es eher die vage Befürchtung, das Ding könnte tagelang stumm bleiben? Schröder wird bald 70. Und er sucht seinen Platz in der Geschichte.

Gerhard Schröder: Immer Alphatier geblieben

Die blauen Augen, die zwischen den schwer gewordenen Lidern herausblitzen. Das süffisante Lächeln, das eine kleine ironische Boshaftigkeit ankündigt. Die rauchige Stimme, die nach kubanischen Zigarren und trockenem Rotwein klingt. Der Haifischkragen. Das Testosteron. Schröder ist ein Alphatier geblieben. Allerdings ist ihm mit dem politischen Machtverlust sein Rudel abhandengekommen. Droht ihm nun ein Leben als einsamer Wolf? Acht Jahre und 157 Tage sind vergangen, seit die Deutschen den Sozialdemokraten abgewählt haben. Bis zur letzten Sekunde hatte er sich an die Macht geklammert. 61 ist doch kein Alter zum Aufhören. Nicht für ihn. So richtig verwunden hat er das abrupte Ende seiner Karriere bis heute nicht. Aber er hat seinen Frieden gemacht. „Tja, wissen Sie: Ich bin eigentlich ein glücklicher Mensch, ich habe erreicht, was ich erreichen wollte“, sagt Schröder in einem Interviewbuch, das gerade erschien. Es trägt den Titel „Klare Worte“ und ist seine Eintrittskarte für die Rückkehr auf die große politische Bühne. Der alte Wolf ist wieder Gesprächsthema. Er genießt das sichtlich – auch wenn ihm nicht alles passt, was da über ihn gesagt wird.

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Dieser Mann hat noch ein Anliegen

Die Journalistin Ulrike Posche hat mehr als 100 Artikel über den Politiker geschrieben. Damals. Im Stern zeichnet sie nun das Bild eines traurigen alten Mannes und seiner rastlosen Suche nach Anerkennung. „Die absurdeste Geschichte, die ich je über mich gelesen habe“, sagt Schröder im ARD-Interview mit Reinhold Beckmann. Er klang schon einmal überzeugender. Man muss jedenfalls nicht viel mehr als ein Semester Psychologie studiert haben, um zu spüren: Dieser Mann hat noch ein Anliegen. Er will selbst darüber mitbestimmen, was die Historiker eines Tages über ihn sagen, was die Deutschen über ihn denken werden.

Frank Stauss hat Schröder im Wahlkampf 2005 kennengelernt. Dass der Altkanzler sich ausgerechnet jetzt zurückmeldet, ist für den Politikberater kein Zufall. „Der 70. Geburtstag ist eine Zäsur im Leben eines Menschen. Dieses Alter markiert den Übergang zum weisen Alten“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Schröder als Elder Statesman – ein Mann, der dem politischen Alltag entwachsen ist und über den Dingen steht? Ein jüngerer Helmut Schmidt? Der Image-Experte Stauss kann sich den einstigen Basta-Kanzler durchaus in einer solchen Rolle vorstellen. Er sagt allerdings auch: „Als Helmut Schmidt abgetreten ist, hatte er auch nicht den Nimbus des weisen Methusalems. So etwas braucht Zeit.“ Zeit hat Schröder genug. Aber Geduld ist keine seiner Stärken. Er will nicht darauf warten, dass endlich auch die Deutschen spüren, was sie an ihm hatten. Im Ausland wird er für seine mutigen Reformen bewundert. Er reist durch die Welt, hält Vorträge und wird beklatscht. Die Franzosen wollen jetzt sogar seine Agenda 2010 kopieren.

Skat mit Lüpertz, Schily und Grossmann

In der Heimat steht Schröder vor allem für eine zerrissene SPD, für Hartz IV und für seinen schnellen Seitenwechsel von der Politik in die Wirtschaft. Für viele bleibt er der „Gazprom-Gerd“, auch wenn er noch so oft betont, er arbeite gar nicht für den russischen Energieriesen, sondern für ein europäisches Gemeinschaftsunternehmen, das eine Pipeline baut. „Das wurmt ihn schon sehr, auch wenn er das selbst nie zugeben würde“, sagt Stauss.

Zwei-, dreimal im Jahr spielt Schröder Skat mit treuen Weggefährten. Zur Runde gehören der Künstler Markus Lüpertz, der frühere Innenminister Otto Schily und Jürgen Grossmann. Der war einmal Chef des Energiekonzerns RWE. Damals, als Schröder Kanzler war. Genosse der Bosse. Noch so ein Klischee, das er nicht mehr hören kann. Bei Pils und Barolo quatschen die ergrauten Herren über die alten Zeiten. Ein Rauchverbot gibt es vermutlich nicht und man darf annehmen, dass diese Abende einen hohen Unterhaltungswert haben. Der Alltag in Hannover ist anders. Das Warten. Auf die Frau, die jetzt im Landtag selbst Politik macht. Auf die Kinder, die er von der Schule abholt. Auf Aufmerksamkeit. Ruhestand, das ist nichts für einen wie ihn. Also mischt er jetzt wieder mit, geht in Talkshows, gibt Interviews, rät Angela Merkel, nicht zu spät abzutreten und bastelt an seinem politischen Vermächtnis als „Reformkanzler“. Die Scheinwerfer, die Kameras, die Schlagzeilen, der Applaus – Schröder ist wieder in seinem Element.

Vom "Gazprom-Gerd" zum "Elder Statesman"?

Den Vergleich von Drogen und Politik findet er blöd. Aber eine Art Lebenselixier scheint sie für ihn doch zu sein. Noch immer nimmt Schröder die Menschen für sich ein, mit seinem rauen Charme, seiner Schlagfertigkeit und seinem spöttischen Witz. „Die Leute haben wieder Lust darauf, ihn zu hören, nachdem er sich lange rar gemacht hat“, sagt Politikberater Stauss. Wird es also doch noch etwas mit der ersehnten Rolle des alten weisen Staatsmannes? Die Chancen stehen nicht schlecht. Immerhin wurde Schröder gerade erst als Vermittler in der Ukraine ins Gespräch gebracht. Sein Wort hat Gewicht. Außerdem hat ihn die SPD im vergangenen Jahr nahezu frenetisch gefeiert. Und immerhin sehnen sich viele Menschen im Merkel-Zeitalter, in dem politische Standpunkte zur variablen Größe wurden, nach einem, der einfach einmal „Basta“ sagt. Schröder selbst gibt sich bescheiden: „Eine solche Rolle können Sie nicht anstreben. Sie kommt auf Sie zu oder auch nicht“, sagt er. Aber es kann ja nicht schaden, ein bisschen nachzuhelfen...

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Ein Artikel von
Michael Stifter

Augsburger Allgemeine
Ressort: Politik


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