Dienstag, 27. Juni 2017

19. August 2015 18:06 Uhr

Asylpolitik

Urteile und Vorurteile über Flüchtlinge - ein Faktencheck

Teure Handys, nur Männer, faule Herumlungerer: Vorurteile über Flüchtlinge gibt es viele. Wir haben einige unter die Lupe genommen - und Fakten gegen Phrasen gestellt. Von Elisa Hipp

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Handys sind kein Zeichen von übermäßigem Wohlstand der Asylbewerber. Sie dienen hauptsächlich als Kommunikationsmittel zur Familie.
Foto: Felix Kästle/dpa (Symbolbild)

Asylbewerber haben teure Handys, lassen sich aber alles vom Steuerzahler bezahlen. Überhaupt nimmt Deutschland sowieso alle auf - die anderen Länder tun gar nichts. Und nicht zu vergessen - ungebildet sind alle Flüchtlinge auch noch: Vorurteile über Flüchtlinge gibt es zuhauf. Meist stimmen sie nicht, oft genug werden Fakten auch "passend gemacht", wenn sie Vorurteile unterlegen sollen.

Wir haben einige verbreitete Vorurteile unter die Lupe genommen - und Fakten gegen Phrasen gestellt. 

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Vorurteil: „Flüchtlinge haben teure Handys, lassen sich aber alles vom deutschen Steuerzahler zahlen“

In „asylkritischen“ Kreisen ist das Smartphone zum Beweis für Reichtum und Sozialschmarotzertum der Flüchtlinge geworden. Tatsächlich kommen die meisten Flüchtlinge schon mit Handys an. Sie dienten und dienen als Kommunikationsmittel zwischen auf der Flucht getrennten Familien, als Übersetzer, als Informationskanal (wenn die Diktatur im Heimatland zum Beispiel Medien zensiert und Festnetztelefone überwacht) und als Zeuge für Menschenrechtsverletzungen, zum Beispiel im syrischen Bürgerkrieg, zählt die österreichische Tageszeitung Der Standard auf.

Auf dem Smartphone speichern Flüchtlinge oft wichtige Dokumente und Bilder, hat Pro Asyl festgestellt. Die laufenden Kosten in Deutschland gehen für sie gegen null. Für den Internetzugang nutzen sie Hotspots und können so Kontakt zur Heimat halten.

Außerdem: So teuer wie sie aussehen, sind viele der Mobiltelefone gar nicht. "Teils sind die Handys in den Herkunftsländern nicht so teuer wie hier", heißt es bei Pro Asyl. Denn Unternehmen wie Samsung, HTC oder LG werfen außerhalb Europas und den USA längst auch Handys auf den Markt, die optisch zwar aussehen wie westliche Premiummodelle, aber weniger Leistung oder eine schlechtere Kamera haben - und damit viel billiger sind.

 

Vorurteil: „Deutschland nimmt mehr Flüchtlinge auf als andere EU-Staaten.“

Tatsächlich kamen 2014 zahlenmäßig mit Abstand am meisten Flüchtlinge nach Deutschland. Zum Vergleich: Deutschland registrierte 202.815 Menschen, Schweden 81.325 und Italien 64.625 (Zahlen: Bundesamt für Migration, Broschüre Seite 29).

Ganz anders ist das Bild allerdings, wenn man die Zahlen in Relation zur Bevölkerungszahl betrachtet. Da trägt plötzlich Schweden die größte Last in Europa. Auf 1000 Einwohner kommen dort 8,4 Antragssteller. Deutschland liegt nun nur noch auf Rang 7 – mit 2,5 Antragstellern pro 1000 Einwohnern. Die zweitgrößte Last trägt Ungarn: 4,3 Flüchtlinge, die einen Antrag stellen, kommen dort auf 1000 Einwohner.

Der europäische Durchschnitt liegt bei 1,3 pro 1000 Einwohnern. In die bevölkerungsmäßig kleineren Staaten wie Schweden, Ungarn, Österreich und Malta kommen relativ mehr Asylbewerber als in die mit über 30 Millionen Einwohner wie Frankreich, Großbritannien, Polen und Spanien. Letztere haben alle unter einem Antragsteller pro 1000 Einwohner. Ausnahmen davon sind Deutschland und Italien.

 

Vorurteil: „Es kommen fast nur junge Männer.“

Richtig ist, dass mehr männliche Flüchtlinge einen Asylantrag in Deutschland als weibliche. Je nach Herkunftsland sind es jedoch mal mehr, mal weniger viele. Aus Serbien kommen beispielsweise fast genauso viele Frauen – von Januar bis Juni 2015 waren es 7689 - wie Männer (8133) nach Deutschland. Aus Syrien kamen dagegen 26.066 Männer und 8362 Frauen.

Wieso diese Aufteilung so ist, darüber liegen laut einer Sprecherin des Bundesamtes für Migration dem Amt keine auswertbaren Erkenntnisse vor. Bernd Mesovic von Pro Asyl kennt verschiedene Gründe. In mehreren Staaten seien Männer von „bestimmten Verfolgungsmaßnahmen“ eher betroffen als Frauen. Zum Beispiel würden sie eher im Krieg eingesetzt.

Dann kommt dazu, dass für Familien häufig nur ein Mitglied nach Europa geht. „Zum Teil ist es zu teuer, zum Teil wollen die Familien das Risiko minimieren“, sagt Mesovic. Denn der Weg sei gefährlich, zum Beispiel die Überfahrten über das Mittelmeer und die Ägais. Diesen Fluchtweg müssten die Flüchtlinge überstehen.

Viele Asylbewerber in Deutschland hoffen, die Familie auf legalem Weg nachzuholen – und so für diese Familienmitglieder die Reise deutlich weniger gefährlich zu machen. „Da sitzen viele auf heißen Kohlen. Sie fühlen sich auch häufig verpflichtet gegenüber den Zurückgebliebenen", sagt Mesovic.

Für Frauen droht in manchen Gebieten die Gefahr, verschleppt und vergewaltigt zu werden. Mesovic nennt als Beispiel den Weg über Sinai. Ein weiterer Grund: In Westafrika gibt es traditionell eine starke Arbeitsmigration der jüngeren Männer. In diesem Fall muss dann der Migrant für eine finanzielle Entlastung der Familie zuhause sorgen.

 

Asylantragsteller

Januar – Juni 2015

Gesamt

Männlich

Weiblich

Bundesweit

179.037

120.559

58.478

    
Top-10-Herkunftsländer   
Syrien

34.428

26.066

8.362

Kosovo

31.400

20.739

10.661

Albanien

22.209

13.647

8.562

Serbien

15.822

8.133

7.689

Irak

9.286

6.578

2.708

Afghanistan

8.179

6.188

1.991

Mazedonien

6.704

3.534

3.170

Eritrea

3.636

2.769

867

Nigeria

2.864

1.800

1.064

Pakistan

2.841

2.487

354

 

Quelle: Bundesamt für Migration

 

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