Dienstag, 21. November 2017

11. November 2017 06:00 Uhr

20 Jahre Jugendsozialarbeit

Eine Chance für Jugendliche mit Problemen

Seit 20 Jahren gibt es professionelle Hilfe an den Schulen im Landkreis. Die Mittelschule Wertingen machte den Anfang. Warum Prävention in einer komplexen Gesellschaft so wichtig ist

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Im September 1997 begann die damalige Hauptschule Wertingen als erste Schule im Landkreis Dillingen mit der Jugendsozialarbeit an Schulen. Heute ist das Angebot nahezu flächendeckend: an Grund- und Mittelschulen, Förderschulen, Berufsschulen und einigen Realschulen bietet die Jugendsozialarbeit schnelle Hilfe im direkten Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen. Und sie habe sich etabliert, sei zur Selbstverständlichkeit geworden, zieht Beate Sigl von der Fachbereichsleitung Jugendsozialarbeit an Schulen bei der kleinen Feier in der Mittelschule Wertingen Bilanz. Die Mitbegründer des Projekts stoßen im Schülercafé der Mittelschule auf die erfolgreiche, nun 20 Jahre andauernde Arbeit an. „Es ist kein Stigma mehr, sich Hilfe zu holen“, sieht Beate Sigl die Situation positiv, „es ist leichter und selbstverständlicher geworden, sich anderen anzuvertrauen“. Bei Problemen im schulischen oder häuslichen Umfeld nehmen Kinder und Eltern gerne die Hilfe der Sozialarbeiter/innen an den Schulen an.

An der Mittelschule Wertingen gibt es inzwischen die vierte Fachkraft dieser Art – sie kommt von der St. Gregor Jugendhilfe gGmbH in Augsburg, dem Kooperationspartner der Schulen, Kommunen und des Landkreises. Magdalena Reimann hat ein kleines Büro in der Schule bezogen, arbeitet mit Lehrern und der Schulleitung eng zusammen und ist für die Kinder und Jugendlichen dennoch neutrale Ansprechpartnerin.

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In Einzel- und Gruppengesprächen, bei Rollenspielen oder Spaziergängen zeigt sie den betroffenen Lösungsmöglichkeiten auf, erarbeitet gemeinsam mit ihnen Strategien, die es ermöglichen respektvoll miteinander umzugehen. 19,5 Wochenstunden ist die Sozialarbeiterin an der Schule beschäftigt, wenn nötig und die Kinder das wollen, führt ihr Weg auch mal ins Elternhaus. Schwierigkeiten gebe es in jeder Hinsicht, etwa durch Trennung der Eltern oder bei alterstypischen Konflikten der Kinder.

Prävention heißt das Stichwort. Kinder und Jugendliche werden professionell begleitet, wenn der Weg, den sie gehen müssen, schwierig geworden ist. „Jugendsozialarbeiter sind pädagogische Seelsorder“. sagt Schulleiter Stephan Poss. Eine Umfrage unter seinen Mittelschülern habe ergeben, dass diesen die Sozialarbeiterin sehr wichtig sei. „Die Schüler schätzen sie als jemand, der ihnen zuhört und es ernst mit ihnen meint“. Jugendsozialarbeit bedeute Chancengleichheit. Kinder, die im Elternhaus nicht gestärkt werden könnten, werden an der Schule professionell begleitet und gestützt. Für Michael Wagner, Leiter des Allgemeinen Sozialdienstes am Kreisjugendamt Dillingen, ist die präventive Arbeit „gut eingesetztes Geld“, auch wenn man die Erfolge nicht betriebswirtschaftlich messen könne. Der Landkreis unterstütze im laufenden Jahr die Jugendsozialarbeit mit 222000 Euro für rund 10000 Schüler. Das seien umgerechnet 22 Euro pro Jahr und Schüler – „wir würden uns mehr wünschen“, hofft Wagner auf besserung. „Möglichst viel im Vorfeld für die Kinder tun“, sei sinnvoll, um zum Beispiel Heimunterbringung zu verhindern.

Von Prävention spricht auch Otto Bachmeier, Geschäftsführer der St. Gregor Jugendhilfe. Jugendsozialarbeit an Schulen setze dort an, wo Probleme entstehen, aus denen keine Krisen werden sollen. Die Gregor-Jugendhilfe habe in 20 Jahren eine entsprechende Organisationsstruktur aufgebaut und ihre Mitarbeiter geschult. Diese stünden im Spannungsfeld von persönlicher Zuwendung und professioneller Distanz zum Hilfesuchenden.

Mit der St. Gregor Jugendhilfe sei ein kompetenter Partner für steigende gesellschaftliche Herausforderungen gefunden worden, erinnert Landtagsabgeordneter Georg Winter an die Entstehung des Projekts. Als es vor 20 Jahren begann, gab es große Veränderungen in der Gesellschaft. Die deutsche Einheit, der Kosovokrieg – „plötzlich kamen Menschen, statt drei Klassen gab es fünf“. Und damit mehr Konfliktfelder, wie MdL Winter betont. „Schulen bildeten jahrhundertelang eine eigene Welt, jetzt mussten sie sich der Veränderung anpassen“, erklärt auch Schulamtsdirektor Wilhelm Martin. Kulturen kamen zusammen – die Schulen standen vor großen Herausforderungen.

In dieser Zeit entstand die Idee – Beate Sigl spricht von „Vision“ – dass Schulen und Jugendhilfe zusammenarbeiten. An dieser beteiligten sich „mutig denkende Menschen“, wie der damalige Landrat Anton Dietrich, Wertingens damaliger Bürgermeister Dietrich Riesebeck und Landtagsabgeordneter Georg Winter. Gemeinsam wurde das Projekt finanziert, ab 2003 legte die Staatsregierung mit einem Förderprogramm nach. Kurt Nießner, Regionalleiter der Sankt Gregor Jugendhilfe, berichtet von Qualitätsstandards, die damals geschaffen wurden und die inzwischen auch vom Ministerium übernommen wurden.

Dazu gehöre, nicht nur den Schüler, sondern sein ganzes Umfeld im Blick zu haben. Für Wertingens Bürgermeister Willy Lehmeier eine Erfolgsgeschichte, die geschrieben wurde: „Super, was vor Ort an Hilfe angeboten wird.“ Robert Keiß leitet heute das Team der Jugendsozialarbeiter im Landkreis. „Als ich angefangen habe, gab es das alles noch nicht. Damals sind Eltern zur Polizei gegangen, wenn sie mit der Erziehung ihrer Kinder nicht fertig wurden“, berichtet er aus eigener Erfahrung. Inzwischen gebe es ein großes Netzwerk von Hilfen. Die Schulsozialarbeiter arbeiten mit dem städtischen Jugendzentrum, dem Familienbüro, der Berufsberatung und anderen Sozialdiensten zusammen. Wenn Keiß zurückblickt, freut er sich, dass es heute möglich ist, benachteiligte Jugendliche zu begleiten und sie erfolgreich in ein Berufsleben zu führen. Der Wunsch aller Beteiligter: dass sich auch die Gymnasien im Landkreis dem Projekt anschließen. »Kommentar

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Ein Artikel von
Hertha Stauch

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Ressort: Lokalnachrichten Wertingen

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