Dienstag, 21. Februar 2017

19. Februar 2014 07:11 Uhr

Judenverfolgung

Stolpersteine gegen das Vergessen

Mindelheim will auf dem Marienplatz der Familie Liebschütz gedenken

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Diese Gedenktafel an der Mindelheimer Gruftkapelle erinnert schon jetzt an die jüdische Familie Liebschütz. Nun sollen noch „Stolpersteine“ vor ihrem letzten Wohnhaus am Marienplatz hinzukommen.
Foto: Stoll

Die Kreisstadt Mindelheim macht einen weiteren Schritt in der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazizeit. Der Jugend-, Kultur- und Sozialausschuss hat einstimmig beschlossen, mit sogenannten „Stolpersteinen“ an die Eheleute Fanni und Jakob Liebschütz zu erinnern, die im KZ den Tod fanden. Neben diesen zwei Stolpersteinen soll es auf Anregung von Peter Schmid (SPD) einen dritten für die namenlosen Opfer des Nationalsozialismus geben.

Seit 1994 gibt es eine Erinnerungstafel für die Familie Liebschütz an der Gruftkapelle. Jetzt will sich die Stadt an noch zentralerer Stelle zu ihrer Vergangenheit bekennen. Die drei Stolpersteine sollen auf dem Marienplatz eingelassen werden in unmittelbarer Nähe zum letzten freiwilligen Wohnort der Familie Liebschütz.

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Kulturamtsleiter Christian Schedler erläuterte vor den Stadträten, „Stolpersteine“ seien ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der in der Nähe von Köln lebt. Mit diesen Gedenktafeln soll an das Schicksal jener Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Die Stolpersteine sind laut Schedler kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von 96 mal 96 Millimetern und 100 Millimetern Höhe. Auf der Oberseite wird eine individuell beschriftete Messingplatte angebracht. Diese Gedenksteine werden vor den letzten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehwegs eingebracht.

Mittlerweile finden sich rund 42 500 Steine nicht nur in Deutschland, sondern in 15 weiteren europäischen Ländern. Der Künstler sagte einmal, man stolpere nicht und falle hin, „man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“.

Das Projekt ist hoch angesehen. 2012 erhielt es den Marion-Dönhoff-Förderpreis für internationale Verständigung. Auch über den Erich-Kästner-Preis durfte sich Künstler Demnig bereits freuen. Avi Primor würdigte das Projekt mit den Worten: Die Stolpersteine seien „das Gegenteil von Verdrängung. Sie liegen zu unseren Füßen, vor unseren Augen und zwingen uns zum Hinschauen“.

Die kurzen Texte auf den Steinen beginnen meist mit den Worten „Hier wohnte ...“, gefolgt vom Namen des Opfers und dem Geburtsjahr. Häufig sind auch das Deportationsjahr und der Todesort vermerkt. Die Stolpersteine gehören der Stadt und kosten je Stück 120 Euro. In Schwaben gibt es Stolpersteine in Nördlingen und in Kempten.

Nach Informationen des Kulturamtsleiters kommt der Künstler immer in die Stadt, in der ein Stolperstein verlegt wird. Die Stadt will nun den Kontakt zu Demnig aufnehmen.

In der Aussprache fragte Stadtrat Peter Schmid, ob es in Mindelheim nicht noch mehr betroffene Familien gebe. Dazu sagte der anwesende Lokalhistoriker Berndt Linker, in der Stadt hätten ein paar jüdische Tier- und Pferdehändler gelebt, aber keinen eingetragenen Wohnsitz gehabt. Aus München sei außerdem eine Ehefrau mit zwei Kindern einquartiert worden. Anita Ried (Freie) sagte, ihre Großmutter sei im Haushalt der Familie Liebschütz beschäftigt gewesen. „Das waren ganz angenehme Menschen“, versicherte sie.

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Ein Artikel von
Johann Stoll

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Redaktionsleiter, Stadt Mindelheim


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