Ulm In Ulm und Neu-Ulm gibt es derzeit 28 Bordelle, in denen Schätzungen zufolge etwa 300 Prostituierte arbeiten. Wie viele es wirklich sind, weiß niemand – viele Frauen wechseln nach wenigen Tagen von einem Bordell ins nächste oder arbeiten illegal in Wohnungen oder Wohnheimen. Fest steht, dass der überwiegende Teil der Prosituierten aus Osteuropa kommt, vor allem aus Rumänien. Mit ihnen machen Bordellbetreiber und Zuhälter ein Millionengeschäft. Viele der meist jungen Frauen wurden unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und hier zur Prostitution gezwungen. Für sie gibt es bislang in Ulm keine Beratungs- und Anlaufstelle. Das will das Ulmer Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution ändern. Gleichzeitig soll das Thema stärker auf die politische Agenda und in die öffentliche Diskussion gebracht werden – sowohl in Ulm als auch im Rahmen der Donauraumstrategie. Denn: „Ulm ist ein Brennpunkt“, sagt Dagmar Engels, die als Leiterin der Volkshochschule Ulm dem Bündnis angehört.
Geschaffen werden soll eine Streetworkstelle, um besonders niederschwellig Kontakt zu den Frauen aufnehmen zu können und diesen zu helfen. Dabei geht es beispielsweise um Aufklärung und Beratung zu sexuell übertragbaren Krankheiten, anonyme HIV-Tests, Hilfe beim Gang zu Ämtern und Ärzten, aber auch Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution. Ähnliche Anlaufstellen gibt es beispielsweise in Freiburg oder Stuttgart. „Es gibt ein fertiges Konzept“, sagt Tanja Wöhrle von der Aids-Hilfe Ulm/Neu-Ulm. „Aber um es als Projekt umzusetzen, bräuchten wir eine Finanzierung.“ Derzeit liefen Gespräche mit den Städten Ulm und Neu-Ulm. „Wir hoffen, dass das Thema dann in den Gemeinderat kommt.“ Das Angebot soll vor allem die Lebenssituation der betroffenen Frauen verbessern. Dazu würden die Streetworker auch in die Bordelle gehen, um die Prostituierten zu erreichen und mit ihnen sprechen zu können.
Daneben geht es dem Bündnis aber auch darum, das Thema Zwangsprostitution heraus aus der Schmuddelecke und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. „Wir wollen eine öffentliche Diskussion“, sagt Dagmar Engels. Ein wichtiger Schritt sei bereits voriges Jahr erfolgt, als Stadträte sich im bulgarischen Ruse über Aktivitäten von Polizei, Staatsanwaltschaft, Politik und Nicht-Regierungs-Organisationen informiert hätten. Dieses Jahr soll das Thema beim Internationalen Donaufest auf die Tagesordnung gesetzt werden. Geplant ist eine Ausstellung der Organisation Terre des Femmes im Stadthaus sowie eine Podiumsdiskussion über Menschenhandel und die Rolle der Donauländer, aus denen viele Zwangsprostituierte kommen. „Wir wollen zeigen, unter welchen Bedingungen Prostituierte arbeiten und auch an die Freier appellieren, sensibel für das Thema zu sein“, sagt Diana Bayer vom Frauenbüro der Stadt Ulm. Den Mitarbeitern der Aids-Hilfe ist aufgefallen, dass in jüngster Zeit verstärkt Freier anrufen und fragen, wie hoch denn die Ansteckungsgefahr mit dem HI-Virus bei den Prostituierten sei. Dem Bündnis geht es jedoch darum, dass immer mehr Menschen – Frauen wie Männer – beginnen, das System der Prostitution zu hinterfragen. Diana Bayer: „Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der es normal ist, zum Junggesellenabschied ins Bordell zu gehen?“
Das Thema gehöre dringend auf die politische Agenda, sagt Stadträtin Karin Graf (CDU). Den Leuten müsse klar sein, was es bedeutet, wenn von Zwangsprostitution die Rede ist: „Es ist moderner Sklavenhandel.“