Sonntag, 26. Juni 2016

14. September 2015 15:57 Uhr

Kirche

Was hat Papst Franziskus mit der katholischen Kirche vor?

Welchen Kurs schlägt die katholische Kirche ein? Vor der Weltbischofssynode am 4. Oktober in Rom haben wir mit Abt Jeremias Schröder darüber gesprochen.

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Papst Franziskus bringt Bewegung in die katholische Kirche.
Foto: Archivbild, Angelo Carconi (dpa)

Was hat Papst Franziskus mit der katholischen Kirche vor? Die Erwartungen an die Weltbischofssynode, die am 4. Oktober in Rom beginnt, sind riesig. Während sich zahlreiche Katholiken von dem Treffen Reformen erhoffen, fürchten konservative Katholiken um die Reinheit der Lehre. Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Widerstand gegen Papst Franziskus wächst: In einem Papier, das im Vatikan zirkuliert, wird er von hochrangigen Geistlichen für seine jüngsten Entscheidungen scharf kritisiert.

Wir sprachen mit Jeremias Schröder, Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien im Landkreis Landsberg am Lech, darüber. Er ist einer von nur vier stimmberechtigten Synodenteilnehmern aus Deutschland – neben Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, Bischof Franz-Josef Bode und Erzbischof Heiner Koch.

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Abt Jeremias, sind Sie bereit für den Kampf?

Abt Jeremias: Ich hoffe sehr, dass die bevorstehende Weltbischofssynode keine Kampf-Synode wird, trotz der zurzeit sichtbaren Polarisierungen. Ich hoffe, dass wir gemeinsam an Lösungen arbeiten werden.

Wenn man dieser Tage hört, wie sich einige katholische Amts- und Würdenträger im Vorfeld der dreiwöchigen Synode zum Thema Ehe und Familie äußern, dann muss man feststellen: Konservative und eher reformorientierte Kirchenvertreter ringen überaus heftig um den Kurs der Kirche.

Jeremias: Ich frage mich momentan eher, ob Papst Franziskus auf der Ebene von Synoden etwas erreichen kann. Eine Synode, die lediglich wiederholt, was bereits gesagt wurde, gab es schließlich schon oft. Damit wäre nichts gewonnen, das wäre ein Stillstand. Und Papst Franziskus erwartet sich offensichtlich mehr von dieser Synode. Die spannende Frage ist also: Kommt es zum mutigen Schritt nach vorn oder wird Bekanntes wiederholt?

Hätte Franziskus nichts ändern wollen, hätte er die Familiensynode nicht einberufen müssen.

Jeremias: Ich glaube, es ist wichtig zu sehen, dass Franziskus die Synode als Instrument stärken wollte. Synoden gibt es seit langem, aber sie haben nicht wirklich Bahnbrechendes bewirkt in der Vergangenheit. Franziskus wollte der Weltkirche eine Stimme geben im Voranbewegen der Kirche – und das passiert jetzt. Für seine erste Synode hat er ein Thema gewählt, bei dem er offensichtlich Änderungsbedarf sieht.

Es geht auch um den Umgang mit wiederverheirateten Katholiken

Es geht um die Kirchenlehre zu Ehe und Familie, etwa um den Umgang mit wiederverheirateten Katholiken. Erleben wir gerade einen Wahlkampf um mehrheitsfähige Positionen?

Jeremias: Vorfestlegungen halte ich für wenig hilfreich. Alle wichtigen Dinge müssen beispielsweise bei uns im Kloster von allen Mitbrüdern gemeinsam entschieden werden. Denn wir sind uns bewusst: Erst wenn alle zusammenkommen und ein Problem von allen Seiten beleuchten, lässt sich allmählich feststellen, wie eine Lösung aussehen könnte. Dieses Vorgehen erwarte ich mir auch von der Synode.

Sie wissen also noch nicht, wie Sie bei der Synode über bestimmte Themenbereiche abstimmen werden?

Jeremias: Ich halte es geradezu für meine Pflicht, offen in die Synode zu gehen.

Was wollen Sie einbringen?

Jeremias: Viele Fragen, um die es geht, sollte man regional entscheiden dürfen. Wir brauchen nicht für jedes Problem eine einheitliche, gesamtkirchliche Lösung, die in Rom erarbeitet wurde. Die Kirche muss sich vielleicht darauf verständigen, dass in unterschiedlichen Weltregionen und Kulturkreisen ein jeweils anderer Umgang mit dem komplexen Thema Familie ermöglicht wird. Ein Ordensmitglied aus dem Nahen Osten sagte mir jüngst: Eine Würdigung gleichgeschlechtlicher Lebensformen durch die Kirche wäre, rein hypothetisch, möglicherweise in Europa denkbar. Im islamischen Kontext wäre es das aber keinesfalls.

 

Welchen Beitrag zur Familiensynode können Sie speziell als Ordensmann denn leisten?

Jeremias: Wir Benediktiner gehen sehr versöhnt und annehmend miteinander um. Vielleicht kann das auch mit einfließen in die möglicherweise überhitzte Situation in Rom. Ich erhoffe mir, dass spürbar wird, dass die Kirche die Nöte, Ängste und Sorgen der Menschen ernst nimmt. Dass spürbar wird: Da ist Leben in der Kirche, da bewegt sich was. Da werden Chancen wahrgenommen.

Ein frommer Wunsch?

Jeremias: Die Synode ist ein Experiment, und ich wünsche mir, dass es glückt. Dass sich zeigt: Die Weltkirche kann bei derartigen Entscheidungen mitreden, sie müssen nicht nur der Römischen Kurie überlassen werden. Das wäre eine echte Veränderung in der Leitungskultur der katholischen Kirche. Wenn das klappt, wäre das ein großer Schritt vorwärts.

Konservative und reformorientierte Kardinäle tragen seit Monaten ihre Auseinandersetzungen um Reformen öffentlich aus. Etwa indem sie ihre weit auseinanderliegenden Positionen in Interviews oder Büchern darlegen.

Jeremias: Ich hoffe, dass das nicht die Ebene sein wird, auf der Entscheidungen zustande kommen. Es werden ja hoffentlich keine Bücher gewogen oder einfach nur Stimmen ausgezählt. Die Synodenteilnehmer müssen im Miteinander einen Konsens finden. Das ist das kirchliche Verfahren bei der Entwicklung von Positionen.

Synode als Bühne für einen möglichen künftigen Papst?

Kardinäle und Bischöfe vermitteln den Eindruck, dass sie zutiefst zerstritten sind. Ist das nicht ein verheerendes Bild, welches die Kirche da abgibt?

Jeremias: Ich vermute, dass das vor Ort in Rom ganz anders sein wird. Das Prozedere der Synode wurde auch leicht verändert: Man will jetzt schon viel früher in Kleingruppen diskutieren. Das war ursprünglich erst für die zweite Hälfte der Synode geplant. Da merkt man: Die Synodenteilnehmer sollen ins Gespräch miteinander gebracht werden. Ich gehe ganz entspannt und optimistisch in die Synode hinein.

Ist so eine Synode auch eine Bühne für einen möglichen künftigen Papst?

Jeremias: Vorstellen kann ich mir das schon. Aber die Synode wählt ja nicht den Papst.

Wie erklären Sie jemandem, der von hochrangigen Kirchenvertretern erwartet, Vorbild in Sachen Nächstenliebe zu sein, die gegenwärtigen Machtkämpfe?

Jeremias: Die Schärfe der Auseinandersetzung hat sicher auch damit zu tun, dass es bei der Synode wirklich um etwas geht – etwas, das ganz viele Menschen bewegt. Das war bei den früheren Synoden nicht unbedingt immer der Fall. Wer erinnert sich denn an die Themen der letzten fünf Synoden? Man muss bestimmte Positionen nicht teilen. Aber man muss doch anerkennen, dass etwa ein Bischof mit seinem Gewissen hinter ihnen steht. Es wird spannend.

Der Papst wollte eine offene Debatte über strittige Themen. Hat er sie bekommen? Oder hat er eher dafür gesorgt, dass sich die Lager einbetoniert haben?

Jeremias: Er wollte eine offene Debatte, das heißt, dass Positionen freimütig geäußert werden konnten. Der Papst hat bekommen, was er wollte.

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Ein Artikel von
Daniel Wirsching

Augsburger Allgemeine
Ressort: Politik