Samstag, 10. Dezember 2016

18. Januar 2014 08:00 Uhr

Weltbild-Insolvenz

Weltbild-Mitarbeiter starten "katholische Wochen"

Die Gewerkschaft Verdi kündigt Proteste gegen die Kirche an. Sie will die Eigentümer nicht so schnell aus ihrer Verantwortung für die 2200 Mitarbeiter in Augsburg entlassen.

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Schon einmal sind die Weltbild-Mitarbeiter vor den Augsburger Dom gezogen. Jetzt wollen sie eine "katholische Woche" mit vielen Aktionen veranstalten.
Foto: Archivbild Silvio Wyszengrad

Timm Boßmann hat bei Weltbild bereits einige Krisen erlebt. Immer wieder haben sich er und seine Gewerkschaftskollegen an die Kirche gewandt, um Arbeitsplätze zu retten. Diesmal aber ist die Situation ungleich ernster. Weltbild hat Insolvenz angemeldet. Nun kämpfen sie vielleicht ihre entscheidende Schlacht. „Es ist wichtig, die Eigentümer an ihre Verantwortung zu erinnern“, sagt Boßmann am Freitag. Aber kann man die Bischöfe noch umstimmen, dass sie sich weiter für Weltbild engagieren?

"Katholische Wochen" mit vielen Aktionen

Die Gewerkschaft Verdi fordert den Erhalt aller Teile der Verlagsgruppe. Und setzt dabei auch auf die katholischen Eigentümer, die entschieden haben, Weltbild kein Geld über die ursprünglich zugesagten 65 Millionen Euro hinaus zu bewilligen. Weltbild gehört zwölf Bistümern, dem Verband der Diözesen Deutschlands und der Soldatenseelsorge. Auf Protestaktionen wollen die Beschäftigten nun „mit den Eigentümern in Kontakt treten“, kündigte Boßmann auf der ersten Pressekonferenz der Gewerkschaft seit dem Insolvenzantrag an.

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Früher sind sie schon einmal schwarz gekleidet vor den Augsburger Dom gezogen. Nun werden sie „katholische Wochen“ mit zahlreichen Aktionen veranstalten. Beginnen soll es mit einer „Woche der Fürbitten“, eine „Woche der Solidarität“ soll folgen. Auch für Betriebsratschef Peter Fitz ist es „besser, Arbeit zu finanzieren als Arbeitslosigkeit“, wie er sagt. „Deshalb werden wir Gesicht zeigen.“

Die Gewerkschaft will, dass die Kirche bei Weltbild im Boot bleibt. Derzeit ist Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz auf der Suche nach Investoren. Der Wirtschaftssachverständige Klaus Warbruck aus Buchholz bei Hamburg, der seit vergangenem Sommer den Betriebsrat berät, schlägt eine Minderheitsbeteiligung interessierter Bistümer von 25,1 Prozent vor. Weltbild hätte dann einen Ankerinvestor, der bei wichtigen Entscheidungen Einspruch einlegen kann. Ein Geschäft, das sich an Werten orientiere, müsste „gerade für einen christlichen Eigentümer interessant sein“, meint Warbruck.

Probleme bei SAP-Einführung?

Denkbar ist für den Sachverständigen aber auch eine Stiftungslösung oder ein nichtkirchlicher Investor, der auf die Zukunft setze. Denn der Weltbild-Buchhandel mit Katalog, Internet und Filialen sei „maßgeschneidert für die Vielfältigkeit des deutschen Buchhandels“. Experten zufolge sind zahlreiche Verlage auf das Geschäft mit Weltbild dringend angewiesen.

Bei der Gewerkschaft ist man überzeugt, dass Weltbild Zukunft hat. Betriebsratschef Fitz räumt aber ein, dass es „Reibungsverluste gibt, wenn sich ein Unternehmen neu erfindet“. So sei die Einführung einer neuen Software des baden-württembergischen Unternehmens SAP außerordentlich komplex gewesen und habe einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet. Dies habe entscheidend zur schlechten Ertragslage von Weltbild beigetragen. „Aber am Ende hatten die Kollegen in nur drei Jahren die komplette IT umgekrempelt“, sagt Fitz.

Gleichzeitig äußert die Arbeitnehmerseite erstmals Kritik an der Geschäftsführung rund um Carel Halff. Es sei fatal gewesen, dass die Gesellschafter Anfang Januar vom erhöhten Kapitalbedarf überrascht wurden, meint Wirtschaftssachverständiger Warbruck. Angaben der kirchlichen Eigentümer zufolge beträgt der Kapitalbedarf 135 Millionen Euro. „Da darf es nicht verwundern, dass das auf Widerstand stößt.“ So sei es zur „Panikreaktion“ gekommen. Man hätte erwarten können, „dass früher Gespräche stattfinden, um die Betroffenen vorzubereiten“, sagt Warbruck. Chancen auf eine glimpfliche Sanierung seien so verspielt worden.

Alle Analysen helfen den Mitarbeitern jetzt aber nicht. Sie machen sich Sorgen, was mit ihren Arbeitsplätzen geschieht, ob sie die Tochter noch ins Skilager schicken können – oder ob sich die angezahlte Küche weiter finanzieren lässt, berichtet der Augsburger Verdi-Sekretär Thomas Gürlebeck.

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Ein Artikel von
Michael Kerler

Augsburger Allgemeine
Ressort: Wirtschaft



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