Dienstag, 16. Januar 2018

28. Juni 2017 10:34 Uhr

Kreis Augsburg

Doppelmord vor Gericht: Was geschah in Hirblingen?

Ein Nachbar soll in Hirblingen ein lesbisches Paar getötet haben. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Doch entscheidende Fragen bleiben offen.

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Auf seiner Facebook-Seite zeigt Waldemar N. Fotos von sich am See und von einer Reise nach Dubai. Der 31-Jährige postet zwar auch das Foto von einem Aufnäher mit dem kruden Satz „Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz“. Insgesamt entsteht aber eher der Eindruck eines normalen, lebenslustigen und braven jungen Typen.

Doppelmord in Hirblingen: Das Motiv bleibt ein Rätsel

Doch nach dem 6. Dezember 2016 gibt es keine Einträge mehr in dem Facebook-Profil. N. sitzt seit Mitte Dezember in Untersuchungshaft. Er soll seine Nachbarinnen im Gersthofer Ortsteil Hirblingen (Landkreis Augsburg) auf bestialische Weise getötet haben. Jetzt hat die Augsburger Staatsanwaltschaft Anklage wegen zweifachen Mordes erhoben. Die Indizien gegen N. sind erdrückend. Aber auf entscheidende Fragen haben die Ermittler keine überzeugenden Antworten: Was hat den 31-jährigen Maschinenführer zu der Bluttat getrieben? Und wie hat sich die Tat in der Wohnung des lesbischen Paares zugetragen?

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Beate N. und Elke W. verschwanden am 9. Dezember. Nach wenigen Tagen ging die Polizei davon aus, dass das Paar einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist und nahm Waldemar N. fest. Kurz vor Heiligabend wurden bei einem großen Sucheinsatz die Leichen der beiden Frauen gefunden. Der Täter hatte sie neben dem Flüsschen Schmutter vergraben.

Die Augsburger Kripo hat seither eine Menge Spuren gesammelt, die N. schwer belasten. Den Spaten, den er am Abend nach dem Verschwinden der Frauen gekauft hatte, fanden die Ermittler neben dem Erdgrab der Frauen. Es gibt Überwachungsfotos von Geldautomaten in Bayern und Prag, die nach Ansicht der Polizei N. dabei zeigen, wie er Bargeld von einem Konto der Frauen abhebt. Im aufgemotzten 3er BMW von N. wurden dazu passend Bargeld-Bündel gefunden.

Der Angeklagte schweigt zu Motiv und Tatablauf

Nach unseren Recherchen sind weitere Indizien hinzugekommen. Neben dem Leichen-Fundort wurden auch persönliche Gegenstände von Waldemar N. gefunden. Seinen genetischen Fingerabdruck haben die Spurensucher an den Leichen der beiden getöteten Frauen gesichert. Seine DNA-Spuren wurden auch am braunen Peugeot der Opfer entdeckt. Die Ermittler gehen davon aus, dass er die toten Frauen mit deren eigenem Auto abtransportiert hat. Blutspuren von Beate N. und Elke W. fanden sich im Kofferraum. „Wir sind sicher, dass wir den Täter haben“, sagte Kripochef Gerhard Zintl schon vor Monaten.

Als Motiv für den Doppelmord sehen Kripo und Staatsanwaltschaft Geldnot. Waldemar N. soll Schulden gehabt und über seine Verhältnisse gelebt haben. Doch seine finanzielle Lage war nicht dramatisch. Und würden Geldsorgen allein erklären, warum jemand mit zwei Messern bewaffnet zu den langjährigen Nachbarinnen geht und sie hinmetzelt? Beide Leichen waren mit Stichen übersät, teils sind die Wunden mehr als 20 Zentimeter tief. Derartiges „Übertöten“ kennen Ermittler eigentlich nur von Beziehungstaten, wenn starke Emotionen im Spiel sind. Eine weitere Leerstelle im Ermittlungsergebnis ist der genaue Ablauf der Tat.

Der einzige, der Antworten geben könnte, ist Waldemar N. Doch der schweigt, berichtet sein Verteidiger Walter Rubach. Vielleicht ändert sich das bis zum Prozess noch. Das Landgericht Augsburg möchte Ende Oktober mit der Verhandlung starten. Die bekannte Opferanwältin Marion Zech wird dann zwei Schwestern von Elke W. als Nebenklägerinnen vertreten.

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Ein Artikel von
Holger Sabinsky-Wolf

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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