Montag, 20. November 2017

13. November 2017 22:12 Uhr

Illertissen

Der Mann, der seine Stieftochter 778 Mal missbraucht haben soll

Es begann, als sie sieben Jahre alt war. Angezeigt hat sie ihren Stiefvater erst 18 Jahre später. Nun steht der 61-Jährige vor Gericht – wegen sexuellen Missbrauchs in 778 Fällen. Von Jens Carsten und Sonja Krell

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Wie viele Kinder in Deutschland Opfer sexuellen Missbrauchs werden, ist kaum zu beziffern. Ein Experte sagt: "Sexuelle Gewalt gehört bei uns zum Grundrisiko einer Kindheit."
Foto: Britta Pedersen, dpa (Symbolbild)

Es begann im Kinderzimmer in dem Haus in Illertissen. In dem Haus, in dem die Siebenjährige mit ihrer Mutter und deren Mann lebte. Damals, als der Stiefvater die Kleine zum ersten Mal geküsst haben soll, als er sie angefasst haben soll, zwischen den Beinen, auch unter der Kleidung. Erst ein Mal, dann immer wieder, später bei jeder Gelegenheit.

Als das Mädchen elf Jahre alt war, soll der Mann mit ihm Sex gehabt haben. Angeblich auch in seinem Auto und in einer Hütte im Wald. Regelmäßig. Mehrmals in der Woche. Dabei fügte er ihm wohl schwere Verletzungen zu: Vier Mal habe das Opfer operiert werden müssen, heißt es in der Anklageschrift, die eine albtraumhafte Kindheit im Schnelldurchlauf zusammenfasst.

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Es ist eine finstere Familiengeschichte, deren erstes Kapitel vor dem Landgericht in Memmingen erzählt wird: Sie spielt in Illertissen (Landkreis Neu-Ulm) und handelt hauptsächlich von Kindesmissbrauch. Aber es geht wohl auch um Drogen, Prostitution und sexuelle Abhängigkeiten. Im Zentrum steht ein heute 61-jähriger Mann: Er ist angeklagt, weil er mit seiner Stieftochter über viele Jahre hinweg gegen ihren Willen Sex gehabt haben soll.

Das begann 1997, als das Mädchen gerade einmal sieben Jahre alt war. Es dürfte der Auftakt eines qualvollen Martyriums für die Minderjährige gewesen sein – und zugleich einer unheilvollen Beziehung zum Mann der Mutter. Darauf deutet einiges hin, was am Montag vor der Großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Jürgen Hasler zur Sprache kommt. Und vieles davon dürfte für die gut ein Dutzend Zuhörer im Saal nur schwer zu ertragen sein.

Die Ankläger haben hochgerechnet: Sie kommen auf 570 Fälle von Kindesmissbruch (wozu strafrechtlich gesehen auch unsittliche Berührungen zählen) und dazu auf 208 Fälle von schwerem Kindesmissbrauch – bei denen der Stiefvater in das Kind eingedrungen sein soll.

Wie es dem Opfer heute geht, welche Erinnerungen durch den Prozess wieder geweckt werden, all das lässt sich nur vermuten. Öffentlich muss die heute 27-Jährige nicht aussagen, die sich vor zwei Jahren der Polizei offenbarte und ihren Stiefvater damit schwer belastete. Ein Gutachter hält die Angaben der Geschädigten für glaubwürdig, ist zu erfahren.

Viele Opfer fassen erst im Erwachsenenalter den Mut zu einer Anzeige

In vielen Missbrauchsfällen hält das Schweigen über Jahre an. Häufig fassen die Opfer erst im Erwachsenenalter den Mut, ihre Peiniger anzuzeigen. So war es auch bei einer jungen Frau aus dem Unterallgäu, die 14 Jahre gewartet hat, um ihren ehemaligen Stiefvater vor Gericht zu bringen. 180 Mal hatte sich der 41-Jährige an dem Mädchen und seiner Schwester vergangen.

In anderen Fällen lässt sich der Missbrauch nicht vertuschen. So wie bei einer Zehnjährigen aus Augsburg, die der Notarzt im Mai 2015 schwer verletzt in ihrem Kinderzimmer fand. Das Mädchen lag in einer Blutlache, ihre Genitalien waren verletzt. Der Stiefvater wurde ein halbes Jahr später vom Augsburger Landgericht zu fast zehn Jahren Haft verurteilt. Er hatte das Mädchen mehr als 40 Mal missbraucht. Oder ein anderer Fall: 2009 schickten die Richter am Berliner Landgericht einen 42-Jährigen fast sechs Jahre ins Gefängnis, weil er seine Stieftochter drei Jahre lang missbraucht und eine 13-Jährige geschwängert haben soll.

Es sind allesamt schockierende Fälle. Fälle, wie sie jeden Tag irgendwo in Deutschland passieren: Ein Vater vergeht sich an seiner Tochter, ein Stiefvater an seiner Stieftochter. Wie viele Kinder tatsächlich Opfer sexueller Gewalt werden, ist kaum zu beziffern. Die Kriminalstatistik führt für das vergangene Jahr 12.019 Fälle auf, in denen ein Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen eingeleitet wurde. Die Dunkelziffer, so viel ist klar, dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Experten gehen davon aus, dass höchstens ein Viertel der Taten bekannt und noch weniger angezeigt würden. „Sexuelle Gewalt gehört bei uns zum Grundrisiko einer Kindheit“, hat Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte des Bundes, zuletzt in einem Interview gesagt. „Aktuell müssen wir davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse mindestens ein bis zwei Kinder sind, die Missbrauch erleiden oder erlitten haben.“ Meist finden die Übergriffe im familiären Umfeld statt.

Angeklagter räumt den Missbrauch seiner Stieftochter ein

Darüber, was in Illertissen passiert ist, hat sich der 61-Jährige bis zum Prozessbeginn beharrlich ausgeschwiegen. In Kapuzenpullover und weiten Cargohosen sitzt er zwischen seinen Verteidigern, verfolgt das Geschehen aufmerksam, aber ohne erkennbare Gefühlsregungen. Ab und zu nickt er kaum merklich, streicht sich durch den grauen Vollbart. Zuerst heißt es, er tue sich schwer mit einem Geständnis. Dann ändert er seine Meinung offenbar.

Über seine Anwälte gibt er eine Erklärung ab und räumt die Vorwürfe in vollem Umfang ein. Zuvor sind Staatsanwältin, Verteidiger, Richter und Schöffen eine halbe Stunde lang hinter verschlossenen Türen zusammengekommen. Wie Richter Hasler erklärt, erwartet den 61-Jährigen eine Gefängnisstrafe von zwischen vier Jahren und drei Monaten und fünf Jahren.

 

Trotzdem bleiben viele Fragen offen, unter anderem die nach der Beziehung zwischen dem Mann und seinem Opfer. Von Gewaltausbrüchen des Angeklagten, der inzwischen in den Norden Bayerns gezogen ist, ist nicht die Rede. Die Anwälte zeichnen vielmehr das Bild einer „zuneigungsvollen Beziehung“ zwischen dem 61-Jährigen und seiner Stieftochter. Diese habe „harmlos“ begonnen, erst später seien „Grenzen überschritten“ worden, sagt einer der Verteidiger.

Als dieser die sexuellen Übergriffe in sachlichem Tonfall schildert, blickt der Angeklagte zu Boden. Sein Mandant sei kein „pervertierter Lustmolch“, der über das Kind hergefallen sei, sagt der andere Anwalt. Vielmehr seien Zärtlichkeiten innerhalb der Familie stets üblich gewesen, der Mann sei dann aber wohl in eine Art „geistige Abhängigkeit“ geraten. Für Empörung bei den Zuhörern sorgt der Verteidiger, als er sinngemäß behauptet, dass es solche Verhältnisse zwischen Vätern und Töchtern seit Anbeginn der Zeit gegeben habe. Der Gesetzgeber habe sich allerdings dagegen gewandt, so der Jurist – der Zusatz „zu Recht“ geht in dem Raunen der Anwesenden nahezu unter.

Prozess enthüllt eine finstere Familiengeschichte

Es sind Facetten einer finsteren Familiengeschichte, die am Montag nach und nach zutage treten. Da ist der Ex-Freund der jungen Frau, der sagt, er habe vor einigen Jahren von den Missbrauchsvorwürfen erfahren. Sie sei betrunken gewesen, als sie ihm bei einer Party davon erzählte. Als er einige Tage später nachhakte, habe es geheißen, die Familie habe sich besprochen und alles intern geregelt. Ohne Anzeige bei der Polizei. Die Mutter habe ihren Mann behalten wollen – „ihre große Liebe“.

Da ist ein anderer Bekannter der Familie, der zu Protokoll gibt, die Mutter sei in einer Gemeinde unweit von Illertissen als Prostituierte tätig gewesen und habe ihre Tochter später zu den Liebesdiensten mitgenommen. Das Mädchen habe wohl damit Geld verdient, sagt er, seines Wissens nach unfreiwillig. Von Rauschgift und Marihuana ist die Rede, von einer regelrechten „Kiffersucht“, wie in dem Protokoll einer Unterhaltung zu lesen ist, das ein anderer Bekannter einst mit der Schwester des Opfers geführt hat. Daraus geht außerdem hervor, dass der 61-Jährige möglicherweise auch die Schwester missbraucht haben könnte.

In einer verstörenden Episode berichtet jener Bekannte von einem Urlaub in Griechenland in den 90er Jahren, bei dem wohl mehrere Familien und deren Nachwuchs gemeinsam unterwegs waren. Als er damals gefragt habe, wo denn die Schwestern und deren Stiefvater seien, habe ein anderes Kind geantwortet: „Pornos machen.“ Das hielt der Mann damals offenkundig für einen schlechten Scherz. „Das habe ich falsch interpretiert“, sagt er vor Gericht.

Nicht so recht zu den Vorwürfen passen will die Aussage der Patentante: Ihre Nichte sei stets ein fröhliches Kind gewesen, Verletzungen im Genitalbereich habe sie nie festgestellt. „Das hätte ich gesehen und sofort reagiert“, sagt die Frau. Eine einstige Freundin des Opfers spricht davon, dass diese „öfter mal Lügengeschichten“ erzählt habe. Auch von Schmerzensgeld ist die Rede, das die junge Frau wohl von ihrem Stiefvater einfordern wollte. Beide hätten einst „ein tolles Verhältnis“ gehabt, sagt die Zeugin.

Damit endet das erste Kapitel einer finsteren Familiengeschichte. Am Montag sollen weitere Zeugen aussagen.

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