Sonntag, 26. Juni 2016

11. März 2016 06:58 Uhr

Ulm

Israel-Kritik erhitzt die Gemüter

Der umstrittene Vortrag des Autors Arn Strohmeyer zeigt, wie schwierig es ist, den Palästinakonflikt vor dem Hintergrund deutscher Historie mit kühlem Kopf zu diskutieren.

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Die Stimmung ist aufgeheizt im Club Orange der Ulmer Volkshochschule. Es gibt keine Sitzplätze mehr. Immer wieder stören Zwischenrufe die Wortbeiträge. Eine ältere Frau verlässt erbost den ausverkauften Saal.

Der Verlauf des Abends ist abzusehen: Das Thema Antisemitismus interessiert in einer Art und Weise, wie es Lothar Heusohn, Fachbereichsleiter der Volkshochschule (Vh), nach eigenem Bekunden in 35 Jahren seiner Tätigkeit nicht erlebt hat. Die Kritik der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Ulm/Neu-Ulm an der Vh, dem Referenten Arn Strohmeyer und die daraus resultierenden regionalen und überregionalen Schlagzeilen sorgen am Mittwochabend für ein volles Haus und einen emotionsgeladenen Gedankenaustausch. Wie berichtet, sprach die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) von einem „Skandal“, weil in Veranstaltungen der Vh und des Hauses der Begegnung in regelmäßigen Abständen latent oder offen antisemitische Positionen ein Forum bekämen. Von einer „Kampagne gegen diesen Abend“ spricht Heusohn in seinen einleitenden Worten und macht deutlich, dass die Definition von Antisemitismus die Vh und die Deutsch-Israelische Gesellschaft trenne. Und allein der Versuch, darüber eine öffentliche Diskussion zu verhindern, sei undemokratisch.

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Als der umstrittene Referent unter lautem Applaus die Bühne betritt, wird schnell klar, dass die übergroße Mehrheit der geschätzt 160 Zuhörer die Meinung von Arn Strohmeyer teilt: Der 1942 geborene Autor und Journalist hält sich zunächst streng an sein Manuskript und rauscht so in über anderthalb Stunden durch die jüdische Geschichte, die Entstehung von Judenhass und dem Umgang der Deutschen mit dem Holocaust und der daraus resultierenden Schuld.

Seine Kernthese: Antisemitismus als Ausgeburt einer pseudowissenschaftlichen Rassenlehre spielt heute kaum mehr eine Rolle. Der heute meist benutzte Antisemitismus-Begriff erweise sich sehr oft als manipulativ und instrumentalisierend. Das Ziel dieser „Keule“: die ethnisch-nationalistischen Interessen Israels zu vertreten und einzufordern. Niemand dürfe als „Antisemit“ abgestempelt werden, nur weil er Israels Politik und ihr Vorgehen gegen die Palästinenser vom „klaren Standpunkt des Völkerrechts und der Menschenrechte“ aus kritisiere. „Bravo“-Rufe begleiten seine Ausführungen.

Aber es gibt auch kritische Stimme. „Sie verdrehen alle Tatsachen. Sie kennen die Historie nicht“, sagt ein Mann. Juden seien - entgegen den Ausführungen des Referenten - immer ein Teil Palästinas gewesen und historisch keine Besatzer. Die Gründung des Staates Israel sei eine Entscheidung der Weltgemeinschaft nach dem Holocaust gewesen. Außerdem ignoriere Strohmeyer, dass 800000 Juden aus dem Irak und Iran vertrieben wurden.

„Sie säen Hass“, sagt Cornelia Jakobus, die nach eigenen Worten eigens aus den Niederlanden zum Vortrag anreiste. Es sei „unerträglich“, dass Arn Strohmeyer in seinem Vortrag kein einziges gutes Haar an Israel gelassen habe. Dann steht die ältere Frau auf und verlässt – begleitet von höhnischem Gelächter und abfälligen Gesten der Besucher – den Tränen nahe den Saal.

Verlief die Veranstaltung anfänglich noch „kühl, rational und sachlich“, so wie es sich Lothar Heusohn wünschte, als er sich am Anfang fast flehentlich an das Publikum wendet, so deutlich wird nun, dass sich hier zwei Seiten gänzlich unversöhnlich gegenüber stehen. Strohmeyer spricht etwa von „genozidalen Absichten“, die Israel verfolge. Und relativiert später seinen Vorwurf, Israel verfolge als Ziel in der Tat Völkermord. Er meine jedoch einen Völkermord „nicht wie bei den Nazis“. In Palästina erfolge dieser langsamer etwa per Zerstörung von ganzen palästinensischen Siedlungen.

„Lüge. Alles Lüge“ ruft ein Mann in Richtung Strohmeyer, als dieser in der Fragerunde behauptet, dass Israel „ständig Kinder als Schutzschilde“ verwende. „Hier haben Sie sich eindeutig verstiegen“, kritisiert Volkmar Clauß, früherer Theaterintendant, und ist mit dieser Einschätzung im Club Orange nicht allein. Weit nach 22 Uhr bricht Heusohn die Veranstaltung aus Zeitgründen ab – auch „wenn wir noch stundenlang weitermachen könnten“. Die Debatte um Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten werde an der Vh definitiv weiter gehen. „Und wer die Referenten sind, entscheiden immer noch wir.“ Und zwar im Sinne und in der Tradition der Geschwister Scholl, sagt er in Richtung DIG. Genau dies hatte Martin Tränkle, der Vorsitzende der DIG, im Vorfeld bezweifelt und davon gesprochen, dass an der Vh nur propalästinensische und antiisraelische Referenten zu Wort kommen. Der Konflikt findet gewiss eine Fortsetzung – in Nahost und Ulm.

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Ulm | Palästina | Neu-Ulm | Irak | Iran | Niederlande

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