Dienstag, 26. September 2017

03. Februar 2016 20:34 Uhr

Russland-Reise

Seehofer in Moskau: Ist Besuch bei Putin Verschwörung gegen Merkel?

Horst Seehofer besucht in Russland Wladimir Putin. So einige sehen das als Verschwörung gegen Angela Merkel. Also darf Seehofer das - in dieser Zeit nach Moskau reisen?

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Horst Seehofer besucht Wladimir Putin in Russland.
Foto: Sven Hoppe, dpa

Dichtes Schneetreiben in Moskau. Der Flughafen ist gesperrt, die Lichter am Boden sind kaum zu erkennen. Trotzdem nähert sich in der Dunkelheit eine kleine Passagiermaschine. Im Cockpit sitzt der bayerische Ministerpräsident. Er steuert die vereiste Landebahn an, obwohl man ihm per Funk empfiehlt, lieber nach Minsk auszuweichen. Was die da unten nicht wissen können: Der Sprit reicht nur noch für ein paar Minuten. Oben am Himmel kommt es zum Streit.

Die CSU-Prominenz auf den hinteren Plätzen wird unruhig. Die Herren spüren, dass hier etwas nicht stimmt. In diesem Moment setzt der Flieger auf. Die Fluggäste klatschen, doch der Co-Pilot schreit: „So etwas mache ich nie mehr mit.“ Wenige Augenblicke später betritt der Ministerpräsident Moskauer Boden. Ohne Mantel. Trotz der Kälte. Seine russischen Gastgeber sind schwer beeindruckt. „War ein bisschen schwierig, der Flug“, sagt Franz Josef Strauß fast beiläufig. Er genießt die anerkennenden Blicke.

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Fast drei Jahrzehnte sind seit diesem sagenumwobenen Besuch vergangen. Schnee und Eis von gestern quasi. Wer heute mit Horst Seehofer in ein Flugzeug Richtung Moskau steigt, kommt trotzdem nicht an dieser Legende vorbei. Das liegt schon allein daran, dass ein Zeitzeuge mit an Bord geht. Edmund Stoiber ist ein sehr unterhaltsamer Anekdoten-Erzähler und der abenteuerliche Flug mit FJS gehört zu seinen besten Geschichten.

Horst Seehofers Reise beginnt nicht ganz so spektakulär wie die damals. Der Nach-Nach-Nach-Nachfolger der CSU-Ikone fliegt nicht selbst. Er fliegt Linie. Mit der Lufthansa. Und im Cockpit schaut er höchstens vorbei, um freundlich Grüß Gott zu sagen. Auch der Kalte Krieg ist Geschichte. Wobei: Die vergangenen Monate wecken frostige Erinnerungen. Nicht nur beim Strauß-Zeit-Veteranen Stoiber.

Seehofer über Russland-Besuch: In dieser Zeit besonders wichtig

Die Selbstherrlichkeit, mit der sich Russland die ukrainische Halbinsel Krim „zurückholte“, hat das Verhältnis zwischen Moskau und dem Westen zerrüttet. Kreml-Chef Wladimir Putin stilisiert sich zum Beschützer aller Russen – egal, ob sie nun in Russland leben oder irgendwo anders auf der Welt. In Deutschland zum Beispiel. Der „Fall Lisa“ zeigt, was der frühere KGB-Spion darunter versteht.

In Berlin verschwindet ein 13-jähriges russlanddeutsches Mädchen. Und plötzlich, wie von Geisterhand in Gang gesetzt, schwappt eine Welle von nebulösen Spekulationen, Verschwörungstheorien und Anschuldigungen durch das Internet. Zufall? Wohl kaum. Russland-Kenner sehen in dem vermeintlichen Skandal ein Musterbeispiel für Propaganda Marke Moskau. Eine richtig beunruhigende Dimension bekommt der Fall aber dadurch, dass der russische Außenminister Sergej Lawrow sich nicht scheut, ihn zu einem diplomatischen Eklat eskalieren zu lassen. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden und Medien. Beweise hat er nicht. Das ist schon mehr als nur ein Hauch von Kaltem Krieg.

Darf man in einer solch eisigen Zeit nach Moskau reisen? Seehofer gibt darauf eine klare Antwort: Man muss sogar! Der CSU-Chef hat eine spezielle Vorstellung von Realpolitik. Dazu gehört es, notfalls die eigenen Entscheidungen von gestern morgen wieder umzuwerfen. Dazu gehört es aber auch, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die nicht über jeden moralischen Zweifel erhaben sind.

Mit dem ungarischen Grenzzaunbauer Viktor Orbán zum Beispiel. Oder eben mit Wladimir Putin. „Wir sind umgeben von Brandherden, die ohne Moskau nicht zu lösen sind“, sagt Seehofer. Und wer ihm unterstellt, es gehe ihm in Wirklichkeit nur um persönliche Profilierung, der muss sich warm anziehen. Der bayerische Löwe kann richtig grantig werden. Erst recht, wenn es auch noch heißt, er sei dem Strategen im Kreml nicht gewachsen und lasse sich von Putin vorführen. Unverschämtheit! Schließlich sah sich die CSU schon in der Ära Strauß mit den Großen der Welt auf Augenhöhe.

Stoiber zusammen mit Seehofer zu Besuch bei Putin

Nun ist es allerdings so, dass man beim russischen Präsidenten nicht mal eben auf eine Tasse Kaffee vorbeischauen kann. Termine in Moskau sind schwer zu bekommen. Seehofers Türöffner heißt Stoiber. Den CSU-Ehrenvorsitzenden verbindet seit Jahren eine Freundschaft mit Putin. Und er ist es auch, der diese Moskau-Reise eingefädelt hat.

Das heißt allerdings noch lange nicht, dass Seehofer einfach so einen Eintrag im Kreml-Kalender bekommt. Der Russe lässt den Bayern lange im Ungewissen. Noch kurz vor dem Abflug weiß niemand so ganz genau, wann der Präsident dem Ministerpräsidenten nun Einlass gewährt – und wo. Die mitreisenden Journalisten stellen sich auf eine zähe Warterei ein.

Doch dann geht alles ganz schnell. Nicht nur der Pilot hat es eilig und landet eine halbe Stunde zu früh. Kaum ist die Maschine auf dem Boden, rauscht auch schon der Wagen mit Seehofer und Stoiber los. Mitten hinein in den Berufsverkehr, eskortiert von der Polizei. Durch verschneite Wälder geht es weiter zu einer Datscha, die man am schlechtesten mit dem Adjektiv „bescheiden“ beschreiben könnte. Das Gelände ist abgeriegelt, die Temperaturen am Gefrierpunkt. Die Herren betreten einen fast demonstrativ schmucklosen Raum. Es gibt einen Kamin, aber er brennt nicht. Keine Bilder, keine Blumen. Wer ein Handy dabeihat, muss es spätestens jetzt abgeben. Nur Papier und Bleistifte sind erlaubt.

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Ein Artikel von
Michael Stifter

Augsburger Allgemeine
Ressort: Politik



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