Sonntag, 25. Juni 2017

03. Februar 2017 21:00 Uhr

Online-Shop

haftsache.de: Aus dem Knast in alle Welt

In einem neuen Online-Shop des Justizministeriums werden etwa 70 verschiedene Artikel angeboten. Hergestellt werden sie von Häftlingen im Gefängnis.

i

Der Name der Marke Haftsache kommt vom Vermerk, der stets auf den Akten der Gefangenen zu lesen ist.
Foto: Ulrich Wagner

Wer in einem Gefängnis sitzt, muss arbeiten. Strafgefangene sind an der Produktion für hunderte Unternehmen in Bayern beteiligt. Sie arbeiten unter anderem als Schlosser, Schneider oder Schreiner und stellen vom Landmaschinenteil bis zur Bratpfanne eine Vielzahl von Produkten her. Für den bayerischen Verbraucher war es bisher nicht einfach, an die Erzeugnisse aus dem Knast zu kommen. Doch nun gibt es einen neuen Online-Shop, mit dem Waren per Mausklick aus dem Gefängnis nach Hause geliefert werden können.

„Angefangen hat alles mit unseren Aktentaschen“, sagt Karl Rehm. Er ist dafür zuständig, dass bei der Service- und Koordinierungsstelle für das vollzugliche Arbeitswesen in Rain am Lech (Kreis Donau-Ries) alles rund läuft.

ANZEIGE

Gartenbänke, Küchengeräte, Brettspiele und vieles mehr

Mittlerweile gibt es etwa 70 verschiedene Artikel auf der neuen Website haftsache.de. Angeboten werden dort Gartenbänke, Küchengeräte aber auch Brettspiele oder gefilzte Hausschuhe. „Unser Sortiment wird ständig erweitert“, sagt Rehm. Die Ideen dazu kommen sowohl von den Gefangenen, als auch von Mitarbeitern der beteiligten Einrichtungen. Außerdem bestehe eine enge Zusammenarbeit mit dem Design-Lehrstuhl der technischen Universität in München.

14 bayerische Justizvollzugsanstalten sind momentan am Online-Shop beteiligt. Von den schwäbischen Anstalten nehmen derzeit die Gefängnisse in Aichach, Kaisheim und Niederschönenfeld teil. Aus Aichach kommen Taschen aus Filz, in Kaisheim läuft die Produktion von Filzpantoffeln und in Niederschönfeld werden Sitz- und Gartenbänke hergestellt. „Unser Ziel ist es aber, mit allen 35 Gefängnissen in Bayern zusammen zu arbeiten“, sagt Rehm. Von den etwa 11000 Gefangenen im Freistaat gehen 56 Prozent einer Arbeit in der Anstalt nach. Etwa 1250 Häftlinge arbeiten im handwerklichen Betrieb. Dass nicht alle Gefangenen arbeiten, obwohl sie dazu eigentlich verpflichtet sind, liegt nicht nur an der mangelnden Auslastung der Arbeitsbetriebe mit Aufträgen. Ein Teil der Insassen sind Untersuchungsgefangene und damit nicht arbeitspflichtig. Andere Gründe sind Krankheit oder das Alter: Wer älter als 65 ist, muss keiner Tätigkeit mehr nachgehen.

„Grundsätzlich kann bei Haftsache jeder Gefangene mitmachen“, sagt Rehm. Es werde aber genau darauf geachtet, dass die jeweilige Arbeit auch zum Gefangenen passe: „Ein Suizidgefährdeter darf natürlich nicht mit einem Teppichmesser arbeiten.“

„Gefängniszeit ist auch immer Chancenzeit“

Für ihre Tätigkeit in der Anstalt werden die Häftlinge entlohnt. Der Stundenlohn sei dabei aber nicht mit dem in der freien Wirtschaft vergleichbar, erklärt Rehm. Etwa ein bis zwei Euro bekommen die Häftlinge für die Produktion auf die Stunde. Die Tagessätze liegen bei rund zehn bis 16 Euro. „Sie haben aber auch viel weniger Ausgaben als normale Angestellte“, sagt Rehm. Einen Teil des Verdienten dürfen die Insassen für „Luxusartikel“ wie Tabak, Kaffee oder Schokolade ausgeben. Der andere Teil wird auf einem internen Konto für die Zeit nach der Entlassung verwaltet.

Ziel der Arbeit für die Marke Haftsache sei eine gelungene Resozialisierung, erklärt Rehm: „Gefängniszeit ist auch immer Chancenzeit.“ Etwa die Hälfte der Gefangenen ist vor ihrer Inhaftierung keiner Arbeit nachgegangen. Die Beschäftigung im Gefängnis trage einen großen Teil dazu bei, dass die Häftlinge nach der Entlassung „etwas Vernünftiges finden“.

Mit den Produkten auf der neuen Website könne man mit denen der freien Wirtschaft durchaus mithalten, sagt Rehm. Im Fokus von Haftsache stehe nicht die Tatsache, dass die Artikel von Gefangenen gefertigt wurden. Stattdessen solle die angebotene Ware durch Qualität überzeugen. „Wir achten auf umweltschonenende Materialien und Nachhaltigkeit“, sagt Rehm. Dass die Artikel zudem aus regionaler Herstellung stammen, verstehe sich von selbst. Die Einnahmen aus der neuen Website fließen komplett in den bayerischen Staatshaushalt. „Sie decken aber nur zu einem kleinen Teil die Kosten für die Gefangenen ab“, sagt Rehm. Diese liegen bei etwa 400 Million Euro im Jahr. Demgegenüber stehen rund 42 Million Euro Einnahmen durch die Arbeit der Häftlinge. mit clg

i


Ein Artikel von
Philipp Kinne

Günter Holland Journalistenschule
Ressort: Volontär

Alle Infos zum Messenger-Dienst