Montag, 25. September 2017

24. Oktober 2015 10:04 Uhr

Gigaliner

Mitgefahren: Sind 25 Meter lange Lastwagen die Zukunft?

Seit mehr als drei Jahren dürfen Unternehmen 25-Meter-Gespanne testen, aber die Gigaliner sind umstritten. Eine Fahrt durch die Region zeigt, wie alltagstauglich sie sind.

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Langsam steuert Karlheinz Häusler seinen Lastwagen auf den Kreisverkehr zu. Er muss das Rondell bei Dasing im Landkreis Aichach-Friedberg zu drei Vierteln umfahren. Kein leichtes Vorhaben mit dem überlangen Fahrzeug. An der Zugmaschine hängt ein Sattelauflieger und daran noch ein Anhänger. Von vorne bis hinten misst der Lang-Lkw 25,25 Meter. Häusler fährt auf die Kreiselmitte zu, lenkt nach rechts, schaut in den Rückspiegel und zirkelt das Fahrzeug schließlich nach links um den Kreisverkehr herum. „Der läuft schön hinterher“, sagt Häusler mit Blick auf den Anhänger im Rückspiegel. Er folgt der Zugmaschine, ohne irgendwo über den Randstein zu holpern oder gar hängenzubleiben. Der Trick dabei: Die hinterste Achse des Aufliegers lenkt automatisch mit. So ist der Wendekreis zu schaffen.

Hersteller, Befürworter und Gegner haben den langen Brummis schon viele Namen gegeben: Eco-Combi, Gigaliner, Riesen-Lkw, Monstertrucks. Offiziell heißen sie Lang-Lkw. Im Rahmen eines Feldversuchs dürfen Unternehmen sie seit 2012 auf ihre Alltagstauglichkeit testen. Die Bundesanstalt für Straßenwesen begleitet den auf fünf Jahre ausgelegten Test wissenschaftlich. 13 bayerische Firmen setzen nach Angaben der Bundesanstaltderzeit 52 Lang-Lkw ein. Bundesweit sind es 129 Fahrzeuge, wobei nicht alle Bundesländer ihnen eine Zulassung erteilen.

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Zwei Lang-Lkw ersetzen drei herkömmliche Laster

Als eines der ersten Unternehmen im Freistaat hat Edeka Südbayern drei Lang-Lkw auf die Straße gebracht. Sie pendeln zwischen den drei Großlagern im niederbayerischen Straubing, in Gaimersheim bei Ingolstadt und in Landsberg. Für diesen internen Warenverkehr seien Lang-Lkw ideal, sagt Anton Klott, technischer Leiter bei Edeka. Tiefkühlware müsse von einem zum anderen Lager gebracht werden, ebenso Drogerieartikel, Zigaretten oder Leergut – Fracht, die vergleichsweise wenig wiegt, aber ein großes Volumen hat. Da können die Trucks mit 50 Prozent mehr Ladevolumen ihre Stärke ausspielen.

„Wir sparen ein Drittel der Fahrten“, sagt Klott. Zwei Lang-Lkw ersetzen drei herkömmliche. Diese Überlegung steht auch hinter dem Feldversuch. Das Bundesverkehrsministerium erhofft sich Vorteile für die Güterbranche und ein Einsparpotenzial. Die Lang-Lkw brauchen Klotts Erfahrung nach unwesentlich mehr Sprit. Weniger Lastwagen auf den Straßen würden weniger Lärm und weniger Emissionen bedeuten.

Mit Tempo 60 rollt der Transporter über die B 300 Richtung Ingolstadt. In Gaimersheim war Häusler am frühen Morgen gestartet und nach Landsberg gefahren. Jetzt ist er wieder auf dem Rückweg. Der 49-Jährige fährt seit 16 Jahren für Edeka. Fahrpraxis und ein Tag Sondertraining waren die Voraussetzungen dafür, dass er den überlangen Lastwagen fahren darf. Hinzu kam eine Vorgabe seines Arbeitgebers: null Punkte in Flensburg.

Mehrere Sicherheitssysteme unterstützen den Fahrer an Bord des 450-PS-Mercedes. Sie sind für Lang-Lkw vorgeschrieben, wie zum Beispiel der Spurhalteassistent. Häusler demonstriert das System bei einem kleinen Test: Als gerade kein Gegenverkehr kommt, lenkt er leicht nach links, sodass der linke Vorderreifen den Mittelstreifen berührt. Sofort ertönt ein Brummton als Warnung. Einen Notbremsassistenten und einen Abstandsregler hat die Zugmaschine ebenfalls. Beides kommt später auf der Autobahn 9 zum Einsatz. Plötzlich bremst der Lkw automatisch ab. Der vorangehende Verkehr ist ins Stocken geraten, Bremslichter leuchten auf. Das Radarsystem des Lkw hat erkannt, dass der Sicherheitsabstand kleiner geworden ist – und die Technik hat korrigierend eingegriffen.

Geringe Zahl freigegebener Strecken

Häuslers Brummi ist zwar länger, aber nicht schwerer als andere Lastwagen. 60 Tonnen wären technisch möglich, das deutsche Gesetz erlaubt nur 40 Tonnen. Edeka kommt mit dem Limit gut zurecht. Im Lebensmittel-Handel brauche man kein höheres Gewicht, sagt Klott.

Dass die Lang-Lkw ein Potenzial für Einsparungen bieten, steht auch für Jürgen Schneider außer Frage. Er leitet den Fuhrpark der Firma Dachser in Memmingen. Der Logistikdienstleister testet seit Juli 2013 zwei Lang-Lkw auf der Strecke zwischen Memmingen und Langenhagen bei Hannover. Über die Autobahn 7 transportieren sie Lebensmittel und Industriegüter.

Doch aus Sicht des Unternehmens wird das Plus an Laderaum bei den überlangen Lastzügen noch nicht optimal ausgeschöpft. Die geringe Zahl an freigegebenen Strecken ist für Dachser ein großes Manko, manchmal auch die zur Verfügung stehende Nutzlast. Wenn die Lang-Lkw auf mehr Strecken fahren dürften, könnte das Unternehmen damit noch mehr Kunden und Lagerstätten ansteuern – und die ökonomische und ökologische Bilanz wäre besser.

Rückfahrkamera hilft beim Rangieren

Für Dachser ergibt sich aus den Strecken-Vorgaben noch ein weiteres Problem: „Wenn es eine Vollsperrung gibt, dürfen die Lang-Lkw die Autobahn nicht verlassen“, sagt Schneider. So kann es zu Verspätungen bei der Anlieferung kommen. Davon abgesehen ist man bei Dachser aber sehr erfreut darüber, wie gut sich das Gespann aus Lastwagen und Sattelanhänger fahren lässt.

Bei Edeka Südbayern können die Fahrer und ihre Vorgesetzten bereits jetzt die Lang-Lkw für den Regelbetrieb empfehlen. Gleichzeitig äußern sie aber auch den Wunsch, dass mehr Straßenabschnitte für die großen Fahrzeuge freigegeben werden. Beispiel B 17: Auf dem Weg von Landsberg nach Gaimersheim müssen die Lang-Lkw südlich von Augsburg die Bundesstraße verlassen. Der Weg zur A 8 durchs Augsburger Stadtgebiet ist tabu.

Kurz vor dem Ziel in Gaimersheim wartet noch einmal eine Herausforderung auf Karlheinz Häusler: eine enge Abzweigung im 90-Grad-Winkel. „Beim ersten Mal habe ich mich da nicht rumgetraut“, gesteht er. Inzwischen passiert er mit dem Fahrzeug auch diese Stelle problemlos. Beim Rangieren und Rückwärtsfahren auf dem Lagergelände hilft dem 49-Jährigen neben der Erfahrung und den großen Rückspiegeln wieder die Technik. Eine Rückfahrkamera wirft ein Bild auf ein Display über dem Armaturenbrett. Sensoren reagieren zudem auf Hindernisse. Kommen die zu nahe, dann bremst das System auch im Rückwärtsgang automatisch ab. So kann sich Häusler mit dem 25-Meter-Gespann langsam an die Laderampe herantasten.

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Ein Artikel von
Jens Noll

Neu-Ulmer Zeitung
Ressort: Lokales



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