Newsticker
Bundesverfassungsgericht: Corona-Demo in Stuttgart bleibt verboten
  1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Der Paulihof: Hier helfen Tiere traumatisierten Kindern

Kühbach-Unterbernbach

10.11.2019

Der Paulihof: Hier helfen Tiere traumatisierten Kindern

Auf ihr „Sternenhaus“, ein kreisrundes Areal, in dem Therapiestunden mit Pferden stattfinden können, ist der Paulihof besonders stolz. Ermöglicht wurde der Bau dank der Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks „Sternstunden“, die die therapeuthsiche Einrichtung in Unterbernbach vor einigen Jahren mit einer großzügigen Spende bedachte.
4 Bilder
Auf ihr „Sternenhaus“, ein kreisrundes Areal, in dem Therapiestunden mit Pferden stattfinden können, ist der Paulihof besonders stolz. Ermöglicht wurde der Bau dank der Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks „Sternstunden“, die die therapeuthsiche Einrichtung in Unterbernbach vor einigen Jahren mit einer großzügigen Spende bedachte.

Auf dem Paulihof in Unterbernbach leben Pferde, Hunde, Schafe und Co. Sie helfen traumatisierten Kindern, den Weg in ein besseres Leben zu finden.

Die Bauernhofidylle trügt nicht: Apfelschimmel Pünktchen steht reglos in der Herbstsonne und genießt die Wärme gemeinsam mit dem schneeweißen Pony. Ein Schaf und eine Ziege meditieren stumm vor sich hin, zwei kanadische Graugänse kommunizieren lautstark. Esel und Pferde grasen im Freien, die Ziegen meckern im Freigehege. Die Begrüßung übernehmen die Hunde Anton und Hopi. Die über 20 Tiere am Paulihof spielen eine wichtige Rolle im Leben der Kinder und Jugendlichen, die in der Unterbernbacher Einrichtung seelisch zur Ruhe kommen sollen. Seit 2005 leitet die Heilpädagogin Ulrike Heigenmooser den Betrieb. Namensgeber ist ihr Hund Pauli, den sie beim Einzug mitgebracht hatte.

Jedes der Pauli-Hof Kinder hat eine schwierige Biografie im Gepäck. „Wir haben zunehmend Kinder psychisch kranker oder suchtkranker Eltern, die oft selbst schwer traumatisiert sind“, erklärt die Leiterin. Bedingt durch die seelischen und körperlichen Nöte sind die Eltern in den meisten Fällen nicht mehr in der Lage, einen geregelten, kindgerechten Alltag innerhalb der Familie zu gewährleisten. Die Kinder haben gelernt, mit dieser Not umzugehen und einen Weg hinauszufinden, erklärt Ulrike Heigenmooser. Zurück bleiben emotionale, kognitive oder auch körperliche Störungen. Abgesehen von diesen Verhaltensauffälligkeiten haben die Kinder kaum die Möglichkeit, ein Urvertrauen in verlässliche Bezugspersonen aufzubauen. Oft durchwanderten Kinder und Geschwisterkinder mehrere Einrichtungen, manche werden getrennt. „Vielen Kindern geht es unheimlich schlecht, wenn sie zu uns kommen“, sagt Ulrike Heigenmooser.

Über 20 verschiedene Tiere leben mit den Kindern auf dem Paulihof in Unterbernbach. Sie sind wichtige Co-Therapeuten in der Einrichtung, die traumatisierten Kindern hilft, den Weg zurück in die Normalität zu finden.

Die Kinder vom Paulihof: Tiere helfen Kindern und umgekehrt

Einige reagieren ängstlich auf die neue Umgehung im Paulihof, ziehen sich zurück, sind apathisch oder äußern sich körperlich und verbal aggressiv. „Das muss man aushalten können“, sagt Ulrike Heigenmooser im Hinblick auf ihr engagiertes Team. Dank des Schichtdienstes ist die Betreuung rund um die Uhr gewährleistet. Auch nachts ist immer jemand im Haus.

Die Paulihof-Tiere sind für die Kinder da und die Kinder sind für die Paulihof-Tiere da. „Wir sind eins und wir funktionieren nur in der Gemeinschaft“, sagt Ulrike Heigenmooser. Jedes Kind hat sein Bezugstier. Wie beim Menschen springt der Funke über. Ob Pony, Katze, Schaf oder Hund – allein durch den täglichen Umgang mit den Tieren und die Sorge um deren Wohlbefinden, lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen. Ihre Sinne werden geschult, sie achten auf Befindlichkeiten, müssen Grenzen setzen und sie respektieren. „Für die Kinder ist es wichtig, dass es den Tieren gut geht“, erklärkt Ulrike Heigenmooser. Es ist ein Geben und Nehmen. Ein Kind mit Leseschwäche habe sich regelmäßig zu „seinem“ Hund gelegt und ihm vorgelesen. „Das war für beide gut“, ist Ulrike Heigenmooser überzeugt.

Ihre Kinder haben Schäfchen mit der Flasche großgezogen, sie haben von ihren Lieblingen Abschied genommen und Blumen auf das Grab gelegt. Sie haben völlig verwahrloste Ponys wieder auf Trapp gebracht. Über das Medium Tier entwickeln die Kinder ein solides Selbstbewusstsein und finden zu sich und der Umwelt zurück. „Ulla, das Pferd hinkt“, habe ihr neulich ein junges Mädchen zugerufen. Für sie sei das ein toller Beweis dafür, wie nachhaltig sich die tiergestützte Therapie auf das Vertrauen, die Wahrnehmung und die Empathiefähigkeit der Kinder mit derartigen Startschwierigkeiten auswirke. Das Tier nimmt das Kind so wie es ist, und bringt bestenfalls verborgene Talente zum Vorschein.

Dafür braucht es Zeit. Entsprechend ist die Therapie langfristig angelegt. Die meisten bleiben mindestens zwei Jahre. Im Einzelfall kann die Unterstützung bis zum 21. Lebensjahr gehen. Wenn das Elternhaus stabil ist, dürfen die Kinder auch wieder zurück zu den Eltern. Bei Bedarf werden alle zusätzlich professionell betreut. Bis es soweit ist, dürfen die Kinder gelegentlich am Wochenende nach Hause, sofern es die Bedingungen zulassen. Auch Eltern kommen vereinzelt zu Besuch. Das alles erfolgt nur mit Einwilligung der Jugendämter oder anderer Helfer.

Der Pauli-Hof hilft bei Schule und Beruf

Die Kinder gehen tagsüber in die Schulen nach Kühbach, Aichach oder Hollenbach. Sie essen gemeinsam, machen ihre Hausaufgaben, können Klavier lernen, treiben Sport, sie singen zusammen und sind jeden Tag im Stall. Sie müssen ihre Zimmer aufräumen und putzen oder verrichten vereinzelt kleine Strafarbeiten. „Für Handy und Fernsehen bleibt kaum Zeit“, sagt Ulrike Heigenmooser. „Einige Kinder haben hier so gute Grundlagen bekommen, dass sie einen ordentlichen Schulabschluss gemacht haben. Wir helfen auch bei der Suche nach einer Lehrstelle.“ Ulrike Heigenmooser selbst macht zurzeit eine Zusatzausbildung als Tierheilpraktikerin.

Sie ist mit Leib und Seele die gute Seele des Paulihofs. Lebenskraft und -freude geben ihr ihre wundervollen, liebenswerten Kinder, für die sie sich mit ihrem Team unermüdlich einsetzt.

Krümel ließ sich beim Patentag auf dem Paulihof durch nichts aus der Ruhe bringen. Das Hängebauchschwein hat bereits einen Paten gefunden.

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren