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Advent

03.12.2019

Wenn das Leise laut und das Laute still wird

Das Mit- und In- und Nebeneinander von Text und Musik beseelt jedes Jahr aufs Neue die Bayerische Weihnacht auf Schloss Schorn. Jörg Stuttmann (links) las und rezitierte, Johannes Sift spielte die Szenerie an seiner bayerischen Quetschen. „Wie kommt man ungeschoren durch die stade Zeit, die ja gar keine mehr ist?“
Bild: Ludwiga Baronin Herman

Bayerische Weihnacht auf Schloss Schorn wird mit Jörg Stuttmann und Johannes Sift gefeiert

Auch das ist Weihnachten: Die Gans liegt mit Gänsehaut in der Tiefkühltruhe (Heinz Gerhardt), die Freude über die zum 38. Mal empfangene selbst gehäkelte Kaffeewärmer-Mütze hält sich in Grenzen (Erich Kästner). Die „Weihnachtsfrau“ kocht, bäckt, kauft und packt ein, die Weihnachtsmaus macht sich über die Weihnachtsplätzchen her (James Krüss). Oder: Weihnachten beginnt, wenn das Leise laut und das Laute still wird (Rolf Krenzer), wenn der erste Schnee wie Wattetupfen vom Himmel fällt. (Mascha Kaleko). Die Bayerische Weihnacht im Salon von Richard Baron Herman und seiner Ehefrau Ludwiga brachte mit Jörg Stuttmann die gesamte Palette zu Gehör.

Der Augsburger ist, unter anderem, Schauspieler, Synchronsprecher, Buchillustrator und Archivar, und als solcher ein medienerprobter und versierter Rezitator. Was er an besinnlich-melancholischen, kulinarisch gespickten oder ironisch-humorvollen Texten vortrug, unterlegte Johannes Sift mit seiner bayerischen Quetschen aus Himalaya Zedernholz.

Diese diatonische Harmonika, die er liebevoll als „Heimatluftkompressor“ bezeichnet, gehört zum Trio Quetschendatschi, zu dem auch eine Harfe und eine Gitarre zählen. Allein Sifts Akkordeonklänge rund um die europäische Volksmusik reichen aus, um den kleinen Salon mit sonoren Tönen auszufüllen.

Wenn das Leise laut und das Laute still wird

Wie so oft bei weihnachtlichen Lesungen zeigt sich, dass so gut wie alle Autoren zu allen Zeiten ihre Gedanken zum Fest mal knapp, mal wortreich, mal als Prosa, mal in Gedichtform festgehalten haben. Stuttmann ließ nachempfinden, wie der Waggerlsche Hirte dem Jesuskind den Daumen in den Mund schiebt, als Allheiliges-Mittel gegen Einsamkeit und Langeweile. Er beschrieb den weihnachtlich bedingten ausufernden kulinarischen Aufwand, wie ihn bereits der Barockprediger Abraham a Santa Clara weiland empfunden hat.

Tucholsky begutachtet die „Weihenacht“ als Großstadtmensch, Mascha Kaleko sehnt sich in die Kindheit zurück: „... Damals ließ man uns noch klein und dumm sein, ,Groß‘ und ,Klug‘ ist’s nie so schön gewesen.“ Robert Gernhardt erteilt dem Weihnachtsmetten-Seltengänger handfeste Benimmregeln, Goethe bedauert das Oberflächliche und will mehr gefühlvolles Hinhören, „Höchstes Glück ist doch, zu spenden denen, die es schwerer haben“, weiß auch Bert Brecht. Wenn Ernas Baum nadelt, ist Robert Gernhardt mit spitzer Feder und gehöriger Ironie zur Stelle. Eine dialektgetränkte Paraderolle für den Schauspieler Jörg Stuttmann. Bevor es an die Bratäpfel samt Glühwein ging, ging es ums weihnachtlich bedingt existenziell Eingemachte: Was tun gegen die konsumgesteuerte Kauf- und Geschenkewut? Wie kommt man ungeschoren durch die stade Zeit, die ja gar keine mehr ist? Man könnte das Geschenkeverteilen übers Jahr verteilen, meinte Stuttmann. Man könnte sich auch Rolf Krenzers Überlegung zu eigen machen: „Weihnachten fängt dann an, wenn der Schwache dem Starken die Schwäche vergibt …, wenn der Starke die Kräfte des Schwachen liebt, wenn das Bedeutungsvolle bedeutungslos und das scheinbar Unwichtige wichtig und groß wird …“

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