Interview

20.04.2016

Der unsichtbare Rucksack

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Immer mehr Flüchtlingskinder besuchen die Schulen im Landkreis. Zwei Experten erklären, was das für Lehrer und Mitschüler bedeutet

Frau Jäckle, Herr Fuchs, immer mehr Flüchtlingskinder werden an den Grund- und Mittelschulen im Augsburger Land unterrichtet. Inzwischen sagen viele Lehrer, dass es bei denen nicht allein um grundlegenden Unterricht geht, sondern dass zunehmend der „unsichtbare Rucksack“, den die Kinder dabei haben, ein Thema wird. Worum geht es da?

Die vergangenen Kriegs- und Fluchtereignisse sind bei vielen betroffenen Kindern und Jugendlichen nicht vergangen, sondern Teil ihrer Gegenwart, ihres jetzigen Schulalltags. Kinder, die Zerstörung, Bedrohung, Schrecken und Verlust erlebt haben, sind in ihrer Handlungsmächtigkeit und in ihrem Vertrauen in die Welt stark erschüttert worden. Kriegs- und Fluchterfahrungen haben massive Schlagkraft. Sie können die Verbindung zu sich selbst und anderen Menschen einfrieren: sich schnell erschrecken oder panisch werden, sich nichts merken, unkonzentriert sein. Gerade Kinder aus anderen Kulturen erleben hierbei eine doppelte Sprachlosigkeit. Das Erlebte nicht in Worte fassen zu können und sich in einem fremden Land nicht verständigen können.

Christian Fuchs: Wie oft ist in den Medien von traumatisierten Flüchtlingen die Rede. Dabei muss betont werden, dass nicht jedes Kind mit Kriegserfahrungen traumatisiert ist. Man weiß zu wenig über die betroffenen Menschen, ihre Biografie, ihr Erleben und man weiß zu wenig über das Phänomen Trauma. Und hinter Allem steckt dann noch die Sorge, etwas falsch zu machen, jemanden aus Unwissenheit zu schaden, zu retraumatisieren.

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Trauma im ursprünglichen Sinne heißt nichts anderes als Verwundung. Kinder, die „verwundet“ sind, geben ihre „Verwundung“ nicht an der Schulpforte ab. Sie nehmen ihren unsichtbaren Rucksack mit und können durch auffälliges Verhalten irritieren und Lehrkräfte an die Belastungsgrenze führen.

Vor Kurzem haben Sie eine Fortbildung für Grund- und Mittelschullehrer zu dem Thema angeboten. Was haben dort die Lehrer von ihren Erfahrungen erzählt, warum sind sie gekommen?

Die Fortbildung, die Sie ansprechen, wurde von Beratungslehrerinnen, Beratungsrektorinnen und Schulpsychologinnen besucht. Die Erfahrungen, die uns berichtet wurden, waren sehr gemischt, aber überwiegend positiv. Es hat sich aber ganz deutlich gezeigt, dass zunächst der Erwerb der deutschen Sprache und damit die Möglichkeit, sich zu verständigen, von essenzieller Bedeutung ist. Es wurde aber auch deutlich, dass es hier keine Kochrezepte gibt, die für jede Schule passen.

Worauf bereiten Sie die Lehrer für die Zukunft vor?

Dies ist unser Hauptanliegen: die Besinnung auf das Pädagogische. Denn daher rührt die größte Verunsicherung bei Lehrkräften, etwas bei diesen Kindern falsch machen zu können, nicht genügend kompetent zu sein. Es braucht an dieser Stelle auch die Fähigkeit, Verletzbarkeit anzuerkennen und Leid auszuhalten. Das ist die größte Herausforderung, die an Lehrkräfte gestellt wird. Neben dieser pädagogischen Haltung kommt dem pädagogischen Verstehen besondere Bedeutung zu: Auffällige Verhaltensweisen sind oftmals Bewältigungsversuche, um mit den belasteten Lebenserfahrungen zurande zu kommen: aggressiv sein, um sich schlagen, plötzlich aus dem Klassenzimmer rennen – all das macht für das jeweilige Kind in seinem Kontext Sinn und gilt es zu entschlüsseln. Das wird ein zentrales Thema für die Zukunft sein.

Fuchs: Wir glauben daher, dass es von großer Bedeutung für die einzelne Lehrkraft ist, sich mit den Themen Krieg, Vertreibung, Flucht, Migration und eben auch Trauma auch auf einer individuellen Ebene auseinanderzusetzen.

Werden die Erlebnisse dieser Kinder den Schulalltag immer stärker bestimmen?

Verletzte Kinder mit traumatischen Erfahrungen gibt es nicht erst mit der Flüchtlingswelle. Sie sind Bestandteil unserer Gesellschaft mit einer hohen Dunkelziffer. Bislang wurde diesen Kindern wenig Aufmerksamkeit geschenkt und viele sind durch das Schulsystem gefallen. Durch das Thema Flüchtlingskinder und die Auseinandersetzung mit Trauma und Vulnerabilität, also Verletzlichkeit, geraten auch diese Kinder mehr in den Fokus. Die Chancen, die sich hier bieten, liegen darin, schulische Kulturen, schulische Strukturen und schulische Praktiken zu entwickeln, die allen Kindern die Teilhabe an schulischer Bildung ermöglichen.

Was kann hier Unterricht leisten?

Auch das Lernen kann durch existenzielle Grenzerfahrungen eingeschränkt werden. Diese Kinder brauchen besonders transparente Lernbedingungen, um sich auf das Lernen einlassen zu können. Denn Lernen ist riskant, es braucht die Fähigkeit, Ungewissheit auszuhalten. Hier spielt das Gefühl, in Sicherheit zu sein, eine wesentliche Rolle. Gerade über Musik, Märchen, Romane, Filme, Bewegung oder Theater können Zugänge geschaffen werden. Der wichtigste Erziehungsfaktor ist jedoch die Lehrkraft selbst.

Wie können Lehrer oder Schulpsychologen mit dem Thema selbst umgehen, um den Kindern auch helfen zu können? Müssen sie sich auch selbst vor zu viel Empathie schützen?

Da gilt es zunächst einmal, sich Wissen über Traumatisierungen und die damit verbundenen Symptome anzueignen, um abschätzen zu können, womit ich es denn zu tun habe. Handelt es sich zum Beispiel um pubertäres Aufbegehren oder eine traumabedingte Symptomatik? Lehrerinnen und Lehrer wie auch Schulpsychologen und Schulpsychologinnen dürfen hier aber nicht alleine gelassen werden. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass man sich vor zu viel Empathie schützen muss. Wichtig wäre aus unserer Sicht, dass ich die Quelle meiner Empathie kenne und Hilfsangebote zur Selbstreflexion bekomme und diese dann auch nutze.

Der Auftrag von Pädagogen und Pädagoginnen ist nicht heilen oder in die Psyche junger Menschen eingreifen, sondern Bildungsprozesse in Gang bringen und Kinder auf ihrem konflikthaften Lebensweg begleiten. Kinder, die sich nach längerer Zeit nicht in die Klassengemeinschaft einfügen können, bei denen Lernen nicht möglich ist, die sehr aggressiv, destruktiv oder depressiv sind, benötigen therapeutische Hilfe.

Was bedeutet es für den Schulalltag, wenn immer mehr Kinder schulpsychologische Hilfe brauchen? Gibt es überhaupt genügend Kapazitäten für all jene, die Hilfe brauchen?

Pädagogische Beratung und schulpsychologische Hilfe sind wichtig, vor allem was die Aufklärung und das Selbstverstehen der betroffenen Kinder und Jugendlichen angeht. Neben der außerschulischen traumatherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, für die es tatsächlich viel zu wenige ausgebildete Fachtherapeuten gibt, liegt ein großes Potenzial in der pädagogischen Arbeit. Was diese Kinder besonders brauchen, ist Sicherheit, strukturell wie emotional. Wir haben hier tatsächlich Vieles in der Hand.

Lehrer sind keine Psychotherapeuten, aber sie sind Beziehungsgestalter, die als zuständiges und beständiges Gegenüber Kinder begleiten. Dies ernst zu nehmen, ermöglicht in die soziale Welt wieder „hinein“zufinden – durch Bildungsangebote der kulturellen Lebenswelt sei es ästhetisch-musisch über Bach oder körperlich-leiblich über Fußball oder über existenzielle Themen wie Versöhnung im Ethikunterricht.

Wie können die Klassenkameraden verstehen, was ihre neuen Mitschüler fühlen und warum sie in manchen Situationen anders, vielleicht verängstigt, reagieren?

Das ist ein heikles Thema, denn es muss unbedingt vermieden werden, die betroffenen Kinder und Jugendlichen auszugrenzen und zu stigmatisieren, da dies Ängste schürt und Stress erzeugt. Jede Etikettierung ist eine soziale Markierung, so auch die Kennzeichnung, als traumatisiert zu gelten oder medizinisch eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert zu bekommen. Es geht hier weniger um Kategorisieren, als vielmehr um ein einfühlendes Verstehen. Hier könnten eine mitfühlende Lehrerin oder ein mitfühlender Lehrer den Kindern auch im pädagogischen Sinn als Vorbild dienen.

Welche Aufgabe kommt der Schule zu?

Schule ist Lern- und Lebensraum, in dem Kinder nicht nur eine Menge an Zeit verbringen, sondern Freundschaften knüpfen, sich erproben können, sinnhaft teilhaben können, Interessen und Fähigkeiten entwickeln und so weiter. Die alltägliche Bildungs-Praxis ist ein - wenn nicht DER zentrale Baustein, wenn es darum geht, am eigenen sinnhaften, kulturellen Lebensnetz, gemeinsam mit anderen, mitzuspinnen. Aus der Forschung unserer eigenen deutschen Vergangenheit weiß man, dass es auf das „Danach“ des Krieges und der Flucht ankommt, ob und wie einbrechende Erlebnisse verarbeitet werden können. Genau hier hat meiner Meinung nach die Schule eine Schlüsselrolle inne.

Das Interview führte Jana Tallevi

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