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Fischach

14.04.2018

Literarische Reise in die Zeit der Ahnen

Großvater Franz Josef Hammer mit Frau Emma und den Kindern Ruth, Helen, Herbert und Klara. Herbert ist der Vater von Buchautor Horst Hammer. Letzterer kam 1960 auf die Welt.

Die Geschichten über seine Vorfahren haben Horst Hammer so fasziniert, dass er ein Buch darüber geschrieben hat

Geschichte habe ihn schon immer in Bann gezogen, gesteht Horst Hammer. Eine neue Variante erhielt dieses Interesse, als sein Vater über die eigenen Vorfahren erzählte. Irgendwann fing der Fischacher dann selbst an, nach den Wurzeln zu forschen.

Auslöser dazu sei ein Schulfreund seines Vaters gewesen, erzählt Hammer. Dieser habe ihm detailliert sein Leben und Überleben im letzten Weltkrieg mitgeteilt. Daraufhin folgten unzählige Recherchen, Gespräche mit Bekannten und Verwandten sowie Auswertungen von literarischen Quellen. Im Laufe der Zeit entstand daraus ein eigenes Buch, eine Familienchronik unter dem Titel „Jugenderinnerungen“.

Darin begibt sich Horst Hammer auf eine Reise in die Vergangenheit und auf die Spuren zweier Familien. Es ist die turbulente Zeit der Vorfahren väter- und mütterlicherseits, der Familien Hammer und Schumann. Eine Epoche, die vorwiegend geprägt ist von zwei Weltkriegen, von Angst, Hunger und Vertreibung.

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„Die Familie Hammer stammt ursprünglich aus Boppard am Rhein“, so der Autor. Doch bereits in den 1870er-Jahren sei sein Urgroßvater nach Böhmen gezogen. „Bei Pilsen betrieb er zwei große Dampfsägewerke. In Franzensbad hat er das bekannte Hotel Imperial erbauen lassen.“

Mehr Details gibt es über Großvater Franz Josef Hammer zu berichten. Er besuchte das Gymnasium in Eger, diente im Ersten Weltkrieg zunächst beim Ulanen-Reiterregiment Erzherzog Franz Ferdinand, dann bei der Artillerie und war zuletzt Hauptmann. Im Dezember 1927 wurde er von der Stadtverwaltung Asch – zwischen Vogtland und Selb – zum Polizeiinspektor gewählt. Im Herbst 1944 absolvierte er nach eigenen Worten „einen Schnellsiedekurs in moderner Kriegsführung“ und wurde schließlich zum Volkssturm in Schönbrunn abkommandiert. Er war Vater von vier Kindern.

Horst Hammers Vater Herbert kam im Juli 1927 auf die Welt. Er gehörte der Hitlerjugend an und ergab sich am 20. April 1945 den amerikanischen Truppen.

Nach dem Krieg war die Rückkehr der Familie in die alte Heimat verwehrt. Mächtig entlud sich hier der Groll der tschechoslowakischen Bevölkerung gegen die Deutschen. „Der Vorschlag von Tante Klara, nach Fischach zu ziehen, wurde allgemein angenommen“, schreibt Horst Hammer in seinem Buch. „Vater und Opa bildeten die Vorhut und kamen dort mit der Eisenbahn an.“ Im Gasthaus Traube organisierten sie ihre erste Unterkunft. Die Familie kam noch vor Weihnachten nach. „Sie waren die ersten weit gereisten Flüchtlinge in Fischach nach dem Zweiten Weltkrieg“, resümiert Horst Hammer.

Bewegend versteht es der Autor, die damaligen Ereignisse zu schildern. Sie wechseln zwischen Unbefangenheit und Packendem.

So bejubelte Tante Klara den Anschluss des Sudetenlandes im Herbst 1938 an das Großdeutsche Reich: „Wir waren wie hypnotisiert, in einem Freudentaumel.“ Doch die Begeisterung erhielt schnell einen mächtigen Dämpfer. Ihr Vater wurde aufgrund einer Denunzierung verhaftet und ins KZ gesteckt. Die Anklage lautete auf Landesverrat. Der Familie wurden die Essensmarken gestrichen. Nur mithilfe der Verwandten und Nachbarn konnte sie sich über Wasser halten. Gut, dass es in den Wäldern ausreichend Pilze gab, heißt es dazu kurz im Buch. Der Inhaftierte wurde schließlich freigelassen und rehabilitiert.

Horst Hammer erzählt aber auch von Glück, Freundschaft und den vielen kleinen Dingen im Leben. Da ist von der Schule die Rede und dass dort der Zollstock am wenigsten zum Messen verwendet wurde, von sonntäglichen Kirchgängen und Ausflügen, von Salutschüssen aus Polizeipistolen zu Silvester und von Schikanen bei der Musterung im Kreiswehrersatzamt Mährisch Ostrau. Oder von einer Apothekerfamilie, die 1937 als Vertretung der Sudetendeutschen Landsmannschaft bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth Adolf Hitler vorgestellt wurde und der Sohn vom Führer eine Banane geschenkt bekam.

Auch Horst Hammers Vater war gut für die eine oder andere Anekdote. So spielte er als Kind gern mit Freunden Bleisoldaten und stellte mit ihnen historische Schlachten aus der deutsch-österreichischen Geschichte nach. Bei seinem Versuch, mit einem Experimentierkasten Schwarzpulver herzustellen, gab es eine Stichflamme und viel Rauch, aber außer verrußten Gesichtern keine Verletzungen.

Onkel Michl lernt der Leser als begnadeter Bastler und Tüftler kennen, der das Ulmer Münster aus Zündhölzern in Mannsgröße nachbaute.

Breiten Raum der Lebensrückblicke und -erinnerungen nehmen Kriegserlebnisse der verschiedenen Familienmitglieder ein. Erwähnt werden aber auch die Bombenangriffe auf Augsburg, die Flak- und Scheinwerferbatterien in Gessertshausen und das Heulen der Alarmsirenen in Oberschönenfeld. Bei diesen Schilderungen kommen zuweilen die Unbefangenheit der Beteiligten zum Ausdruck, das naive Selbstbewusstsein und das damalige scheinbar beruhigende Wissen von Gut und Böse. Aber auch bittere Trauer, als Tante Anna und Onkel Robert die Nachricht erhielten, Sohn Rudi sei vor Leningrad gefallen.

In Fischach kehrte für die Familie die Lebensfreude zurück. Wenn auch langsam, wie Horst Hammer berichtet. „Aber man war froh, zu leben.“ Schon bald saß Vater Herbert bei der Fischacher Kapelle Hoser am Schlagzeug und heizte der Bevölkerung bei Tanz- und Faschingsbällen kräftig ein. Im April 1952 heirateten Horst Hammers Eltern und bezogen Zimmer im landwirtschaftlichen Anwesen der Familie Müller. Opa Franz Josef starb im Juli 1957. Er hatte sich nach dem Krieg als Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes und als Publizist für die Schwäbische Landeszeitung Verdienste erworben. Drei Jahre nach seinem Tod kam der Verfasser des Buches auf die Welt.

Knapp zwei Jahre hat Horst Hammer, der in der Produktion der Molkerei Müller in Aretsried tätig ist, an den „Jugenderinnerungen“ geschrieben. Das Schreiben sei ihm leichtgefallen, meint er. Mit den Erzählungen seines Vaters habe er eine solide Basis gehabt. „Zeitintensiv war lediglich das Abgleichen der Aussagen mit den historischen Begebenheiten.“ Spannung wollte er schon erzielen, aber in erster Linie eine fundierte Familienchronik.

Eine Fortsetzung hat er bereits im Kopf. Viel zusätzliches Material habe sich angehäuft, sagt er. Das fordere zur Verarbeitung auf. Aber ob er das zeitlich schaffe? Horst Hammer lässt die Frage offen. Nun sei er erst einmal stolz über das Geschaffene.

Info Horst Hammers „Jugenderinnerungen“ sind im Verlag Book on Demand, Berlin, erschienen. Das Buch umfasst 204 Seiten und kostet 32 Euro.

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