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27.10.2008

Stoffmuster als Museumsschatz

Innenstadt Im Juni 1996 kam das Ende der Produktion in der am längsten bestehenden Textilfabrik der Stadt, der Neuen Augsburger Kattunfabrik. Unter dem Kürzel "NAK" war sie über Generationen Aktionären und Augsburgern gleichermaßen geläufig. Das einstige Fabrikgelände von über zehn Hektar Größe vor dem Vogeltor ist neu genutzt. Die Hallen sind abgebrochen, die Kamine gesprengt. Unter anderem wurden darauf das Einkaufszentrum "City Galerie", ein Großparkhaus, ein Kino und weitere Bauten errichtet. Nur das jüngste NAK-Gebäude, ein Verwaltungsbau, blieb erhalten. Darin zog die Volkshochschule ein.

Die Geschichte der NAK ist Augsburger Textil- und Industriegeschichte pur. Sie reicht bis ins Jahr 1702 zurück. Da richtete Johann Christoph Apfel eine "Cotton"-Druckerei am Oberen Graben ein, die er 1705 um neue Betriebsgebäude vor dem Vogeltor erweiterte. 1782 kaufte der Nürnberger Kaufmann Johann Michael Schöppler die Werkstätten und nahm als Partner Gottfried Hartmann. Für die Kattunfabrik "Schöppler & Hartmann" arbeiteten 1790 insgesamt 300 Drucker, Maler, Modelschneider, Farb- und Bleichknechte sowie Stückreiber. 1808 trat Karl Forster, Schwiegersohn Hartmanns, als Teilhaber ein. 1828 übernahm er das Unternehmen und führte es mit weiteren Familienangehörigen zu höchster Blüte.

Das "mit den neuesten Verbesserungen und Einrichtungen auf dem Gebiete der Mechanik und Chemie versehene Fabrik-Etablissement" sei eine "wahre Kunstanstalt in jeder Beziehung", heißt es 1845. Im Jahre 1880 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die sich 1885 den Namen "Neue Augsburger Kattunfabrik" und das Firmenlogo "NAK" zulegte. Nach Erstem Weltkrieg und Inflation konnte die NAK 1927 wieder stolz verkünden: "Durch Aufwendung namhafter Mittel hat sich das Unternehmen beträchtlich erweitert, so daß es zu den bedeutendsten Kattundruckereien Deutschlands zählt."

Im Zweiten Weltkrieg wurden 50 Prozent der Gebäude und 80 Prozent des Maschinenparks zerstört. Doch wie Phönix aus der Asche erstand die NAK neu und erlebte eine abermalige Hochblüte. 1952 liefen 17 Großdruckmaschinen meist rund um die Uhr, und mit fast 2000 Beschäftigten war die höchste Zahl in der Werksgeschichte erreicht. Rationalisierungen ließen zwar die Mitarbeiterzahl nach und nach schrumpfen, doch die hohe Qualität litt nicht darunter. Die NAK zählte bei Europas Couturiers bis in die 1990er Jahre zu den ersten Adressen als Lieferant hochwertigster Druckstoffe. Der Stern Augsburgs als "Textilstadt" war zu diesem Zeitpunkt längst im Sinken. Die Krise in der Textilindustrie hatte auch die traditionsreiche NAK erfasst. Zuletzt rund 500 Beschäftigte bangten um ihre Arbeitsplätze. Diese fielen ersatzlos weg, als Ende Juni 1996 das Ende der "NAK Stoffe AG" verkündet wurde.

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Die Verwertung der großen innenstadtnahen Industriebrache machte keine sonderlichen Schwierigkeiten. Die Fabrikbauten sind verschwunden, doch die Erinnerung an das Unternehmen bewahrt das 1792 begonnene, in der Welt einzigartige Stoffmuster-Archiv. Es wurde bis 1995 fortgeführt. Zu 555 Büchern gebunden, verkörpert es über zwei Jahrhunderte Textilgeschichte. "Eine derartig kontinuierliche Reihe ist einmalig. Der Reichtum und die Bedeutung dieser Mustersammlung sind kaum zu überschätzen", wies 1996 Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl auf die Wichtigkeit der Bewahrung dieses Schatzes für Augsburg hin.

Die NAK hatte nämlich nicht nur selbst Mode gestaltet und dokumentiert, sondern auch Produkte anderer mitteleuropäischer Stoffdruckereien ihren Büchern einverleibt. Eine konzertierte Aktion hatte Erfolg: Das einzigartige Stoffarchiv konnte in städtischen Besitz überführt werden. Die auf rund 1,3 Millionen geschätzten Stoffmuster bilden das "Kronjuwel der Augsburger Textilgeschichte", wie dieser Bestand tituliert wird. Die Sammlung dokumentiert die Formen-, Farben- und Mustervielfalt, den Modegeschmack, den technischen Wandel im Stoffdruck und Farbrezepturen über einen Zeitraum von 200 Jahren.

Hochaktuelles museales Kulturgut Augsburgs

"Als nationales Kulturgut ist dieser Bestand zwar museal, aber auch hochaktuell. Die Muster sind ein wahres Kreativarchiv, das Designern und Modemachern wieder nutzbar gemacht wird", sagt Dr. Richard Loibl, Gründungsvater des Bayerischen Textil- und Industriemuseums. Er erhob die NAK-Musterbücher zum künstlerischen Kern und zu einem der Highlights des derzeit in der Kammgarnspinnerei im Entstehen begriffenen neuen Museums.

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