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09.01.2019

Bilder geschundener Menschen

Ausstellung Das Kunsthaus Kaufbeuren blickt mit Werken von Ernst Barlach, George Grosz, Otto Dix und Samuel Jessurun de Mesquita in die Abgründe und Aufbrüche zwischen den zwei Weltkriegen

Kaufbeuren Es muss ein Bild der Verwüstung gewesen sein, das sich Maurits Cornelis Escher Mitte Februar 1944 in Amsterdam bot. Der Kunststudent, der später zu einem bedeutenden Vertreter der Op-Art und des Surrealismus werden sollte, wollte seinen Lehrer Samuel Jessurun de Mesquita besuchen. Doch dessen Wohnung war verlassen und durchwühlt. Zwei Wochen zuvor war Jessurun de Mesquita, Nachkomme einer Familie portugiesischer Juden, zusammen mit Frau und Sohn von den Nazis deportiert worden. Er wurde vermutlich im März 1944 in Auschwitz ermordet. Escher reagierte geistesgegenwärtig und schaffte eine Reihe von Werken seines künstlerischen Mentors aus dem Haus. Zuvor hatten dies schon Freunde von Jessurun de Mesquitas Sohn Jaap getan. Zahlreiche Arbeiten, die gerettet wurden, sind nun in der Ausstellung „Menschenbilder“ im Kunsthaus Kaufbeuren zu sehen.

Diese soll nach dem Willen von Kurator Jan T. Wilms dazu beitragen, dem 1868 geborenen Niederländer einen gebührenden Platz in der Kunstgeschichte zu verschaffen. Dazu hat der Kunsthaus-Direktor einen gelungenen Kunstgriff getan. Er kombinierte die Drucke und Zeichnungen des zu Lebzeiten einflussreichen, aber nach dem Zweiten Weltkrieg vergessenen Jessurun de Mesquita mit Arbeiten auf Papier von drei bekannten Zeitgenossen: Ernst Barlach, Otto Dix und George Grosz. Das Ergebnis ist ein Panoptikum der Zwischenkriegszeit, eine Schilderung der Abgründe und Aufbrüche, die die Menschen und die Kunst in diesen Jahren prägten. Und es gibt trotz der wohlbekannten Sujets und Namen viel Neues zu entdecken.

Da ist zunächst einmal die vergessene Kunst Jessurun de Mesquitas, die auch räumlich im Zentrum der Schau steht. Ein nachdenklicher älterer Herr mit Hand am Schnurrbart blickt ins Nichts. Ein Selbstporträt von 1917, das, wie alle Werke des Niederländers, keinen Titel trägt. Viele Zeichnungen und Drucke später, von denen etliche bisher noch nie ausgestellt oder publiziert waren, begegnet einem der Künstler wieder in einem Holzschnitt-Selbstporträt. Diesmal von 1926. Jessurun de Mesquitas deutlich gealtertes Gesicht, strukturiert durch fein gearbeitete Schraffuren, blickt einen Totenschädel an. Die beiden Werke stehen für die Pole im Schaffen des Künstlers mit seiner Leidenschaft für das Handwerk, für die Möglichkeiten der künstlerischen Techniken. Jessurun de Mesquita wirkte die meiste Zeit seines Berufslebens nicht als Künstler, sondern im Kunstgewerbe-Bereich und als (Bau-)Zeichner. So sind gerade seine Porträts und auch eine Reihe von Frauenakten tatsächliche Meisterwerke der Drucktechnik, die fein mit Strukturen und Kontrasten arbeiten – zumeist fließend und organisch. Deutlich zeigen sich Jessurun de Mesquitas Wurzel im Jugendstil.

In vielen Drucken und mehr noch in seinen teilweise kolorierten Zeichnungen verlässt er die hehren Sphären der Natur und Symbole und taucht ein in eine Welt der Fantasien und Visionen. Gesichter und Gestalten verzerrt er bis ins Skurrile, wirbelt die Bildelemente in fast schon kubistischer Manier durcheinander. Das kann karikierende Züge haben wie etwa seine Darstellung von jüdischen und christlichen Geistlichen. Meistens gehen die Verfremdungen und irrealen Kompositionen aber tiefer. Da lauscht ein düsteres Monster dem Gespräch zweier Menschen; ein gewaltiger, dunkler Kopf wendet sich einem strahlend weißen, schlafenden Kind zu; Tierwesen nach dem Vorbild altägyptischer Gottheiten bestimmen die Szenerien.

Jessurun de Mesquita pflegte nicht den satirischen und bissigen Blick auf die Welt und die Gesellschaft, wie es die anderen Protagonisten der Schau taten. Die Verhältnisse im gediegenen Amsterdam waren auch andere als die im brodelnden Berlin nach dem Ersten Weltkrieg. Zeitgenössisch war Jessurun de Mesquita trotzdem. Denn die sich verbreitenden Erkenntnisse der Psychologie, insbesondere Sigmund Freuds Psychoanalyse und Traumdeutung, dürften bei vielen Kompositionen eine Rolle gespielt haben. Zudem verbrachte Jessurun de Mesquita seine letzten Lebensjahre zurückgezogen in seiner Wohnung und versenkte sich in die Fantasiewelten seiner Zeichnungen – weil er gesundheitlich angeschlagen war und die Lage für ihn als Juden durch die Machtübernahme der Nazis und den Verlauf des Zweiten Weltkrieges immer schwieriger wurde.

Im Vergleich zur eher stillen Drastik des Niederländers schreien die räumlich klar abgetrennten Werke von Otto Dix und George Grosz im Kunsthaus Kaufbeuren den Betrachter geradezu an. Insbesondere die Radierungen aus Dix’ Reihe „Tod und Auferstehung“ machen deutlich, wie die Gräuel des Krieges und seine Folgen die (städtische) Gesellschaft Deutschlands brutalisierten und pervertierten. Selbst die künstlerische Brillanz von „Selbstmörder (Erhängter)“ (1922) oder „Lustmord“ (1922) vermag kaum, deren Schockwirkung zu mildern. Umso mehr verblüffen (und beruhigen) einige frühe, „neutrale“ Porträts, die Dix’ „Menschenbilder“ vervollständigen.

Auch George Grosz gewinnt der Schau neue, weitgehend unbekannte Facetten ab. Seine bitterbösen Karikaturen der Gesellschaft der Weimarer Republik sind immer wieder sehenswert und verlieren nicht an Brisanz. Faszinierend aber sind seine in Kaufbeuren gezeigten späten Werke, entstanden im Exil in den USA. Vermeintlich simple Aquarelle von intensiver Farbigkeit, in denen er über das Dasein – wahrscheinlich sein Dasein als vor den Nazis geflüchteter Deutscher – nach einem weiteren Krieg sinniert.

Und dann ist da noch Ernst Barlach, der die existenziellen Zustände und Fragen des Menschen in seinem bekannten Stil überzeitlich darstellen wollte. Auch dieser Sucher nach dem Wirklichen und Wahrhaftigen konnte sich den konkreten Zumutungen seiner Zeit nicht entziehen. „Aus dem Kommissionsbericht der Übersichtigen“ nennt er eine 1907 entstandene Federzeichnung, in der er die Blindheit der Obrigkeit gegenüber dem Elend der Armen anprangert.

„Menschenbilder“ ist bis 22. April im Kunsthaus Kaufbeuren zu sehen. Zur Ausstellung ist ein empfehlenswerter Katalog für 34 Euro erschienen.

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